Lena Urzendowsky
Lena Urzendowsky © Bild 1: Alexander Klang Bild 2: Sebastian Urzendowsky

Lena Urzendowsky: Zufriedenheit ist eine Fähigkeit, die in unserer Zeit leider immer mehr verloren geht. Es geht nur noch um kurzfristige Ekstasen.

von Laura Bähr

Lena, wann warst du das letzte Mal richtig wütend? 
Lena Urzendowsky: Ich werde wütend, wenn es um den Umweltschutz gehtWenn Versprechen gemacht werden, die dann nicht gehalten werden und wenn die Klimakrise nicht als Krise gehandhabt wird, sondern als neues Geschäftsmodel für angeblich nachhaltigen Konsum. Das bringt mich jedes Mal extrem auf die Palme. 

In dem Hörspiel „Die Wut-Life-Balance“ wird deine Figur Pola von einem Wut-Coach betreut. Der regelmäßige Gang zu einem Therapeuten gehört heute mehr denn je zum Alltag vieler Menschen. Was hältst du davon? 
Lena Urzendowsky: Ich finde, es ist eine Bewegung in die richtige Richtung: Offenheit, Ehrlichkeit und sich selbst eingestehen, dass man Hilfe braucht. Es wird Zeit, dass das zum „Therapeuten gehen“ nicht mehr so negativ behaftet ist. Wir müssen dieses Thema mehr in den Alltag integrieren, dass man nicht mehr komisch angeschaut wird, wenn man sagt, dass man zum Psychologen oder einem Coach geht. Ich fände es toll, wenn in Zukunft Sätze wie „Ich gehe zum Zahnarzt“ und „Ich gehe zum Psychologen“ dieselbe Reaktion hervorrufen. 

Deine Kollegin Sesede Terziyan, beschreibt die Geschichte der drei Hauptfiguren als Abbild unserer Leistungsgesellschaft. Hast du auch das Gefühl, ständig abliefern zu müssen? 
Lena Urzendowsky: Häufig ja. Bei einem tollen Projekt freue ich mich natürlich über die Möglichkeit, mich künstlerisch auszudrücken. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass ich aktuell die Chance habe, bei so vielen tollen Filmen mitzuspielen. Ich liebe meinen Beruf. Trotzdem spüre ich natürlich manchmal auch den Druck, der damit verbunden ist. Am Set muss häufig alles sehr schnell gehen. Ich träume von Filmen als Kunstwerke, aber sie sind oft auch Unterhaltung, womit am Ende des Tages Geld gemacht wird. 

„Es wird Zeit, dass das zum „Therapeuten gehen“ nicht mehr so negativ behaftet ist.“

Beim Vertonen ist es ja so, dass wir nur unser Gehör haben, um uns auf die Geschichte einzulassen. Woher weiß man dann als Künstler, ob so was wirklich gut geworden ist? 
Lena Urzendowsky: Ich muss sagen, dass es für mich keinen großen Unterschied macht, ob ich vor der Kamera spiele oder ein Hörspiel einspreche. Wenn ich vor der Kamera stehe, sehe ich mich schließlich auch nicht, sondern fühle mich nur. Auf dieses Gefühl kann ich mich beim Sprechen genauso verlassen. Wenn man mich beim Sprechen filmen würde, würde ich vermutlich aussehen, als ob ich drehe. Weil ich mich in die Geschichte denke, die Gefühle der Personen spüre und mimisch darauf reagiere. 

Hörspiele sind aktuell mehr denn je im Trend. Woher kommt dieser Hype? Brauchen wir Pause vom Visuellen, von Instagram und Co?
Lena Urzendowsky: Ich glaube schon, ja. Hörspiele sind eine super Alternative, einmal die Augen zuzumachen und trotzdem in eine andere Welt abtauchen zu können. Außerdem sind sie leichter in den Alltag zu integrieren. Man kann z.B. nebenher kochen, oder spazieren gehen. 

Filme und Serien werden heutzutage ja auch häufig zur Nebenbeschäftigung. Stört dich das als Künstlerin?
Lena Urzendowsky: Es ist, wie es ist. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich manchmal darüber nachdenke und es eigentlich sehr schade finde. Beim Film verpasst man auch so viel, wenn man sich nicht ganz darauf einlässt. Aber viele können sich heute wohl einfach schwer ausschließlich auf eine Sache konzentrieren. Ich hoffe, das ändert sich wieder.

Hörspiele regen durch die fehlenden Bilder auch die eigene Fantasie an. Eine Chance für uns als bildüberflutete Gesellschaft?
Lena Urzendowsky: Eine Riesenchance. Die Vorstellungskraft und Kreativität werden gefördert. Das ist ein ähnlicher Effekt wie beim Lesen, wenn man seine eigenen Bilder im Kopf hat und es nur eine Stimme gibt, die alles ein bisschen formt. 

„Hörspiele sind eine super Alternative, einmal die Augen zuzumachen und trotzdem in eine andere Welt abtauchen zu können.“

Du hast bereits im Kindesalter acht Jahre lang Gesang-, Tanz- und Schauspielunterricht in einer Musicalschule genommen und mit sehr viel Eigeninitiative deinen Weg zur Schauspielerin geebnet. Muss man heute früher anfangen, um erfolgreich zu sein?
Lena Urzendowsky: Nein, aber seine Ziele früh zu fokussieren, kann sehr helfen. Es ist immer ein Cocktail aus Talent, Glück und dem richtigen Zeitpunkt. Ich merke selbst, wie viel es mir bei meinen Projekten hilft, früh angefangen zu haben. Ich kann in Rollen schreien, ohne das mir am nächsten Tag die Stimme wehtut und ich heiser bin. Das habe ich unter anderem meiner frühen Sprechausbildung zu verdanken. 

Bevor es mit deinem Durchbruch geklappt hat, hattest du dich bei einigen Agenturen beworben, die dich aber erst mal alle abgelehnt haben. Wie gehst du heute mit Absagen für Projekte um?
Lena Urzendowsky: Ich akzeptiere, dass sie ein Teil des Berufs sind. Mit Absagen cool umzugehen, gehört zu den Fähigkeiten, die man in diesem Beruf braucht. Sonst ist man ständig enttäuscht. Wenn ich ein Casting mache, versuche ich mich in dem Moment lediglich über die Chance zu freuen und danach alles schnell zu vergessen und nicht weiter darüber nachzudenken. Wenn ich dann eine Zusage bekomme, freue ich mich doppelt. 

Aktuell regiert das Zeitalter des Individualismus, jeder möchte sich gerne selbst verwirklichen. Außerdem hat man das Gefühl, wir müssen ständig an uns arbeiten und weiterkommen, ständig „Aufblühen“. Wie stehst du zu dieser ständigen Selbstoptimierung?
Lena Urzendowsky: Ich stehe dem Ganzen mit gemischten Gefühlen gegenüber. Natürlich ist nicht alles positiv, aber ich möchte es grundsätzlich auch nicht verteufeln. Wenn Menschen aus eigener Kraft und Motivation Dinge verändern wollen, finde ich das super. Jeder Mensch sollte sich in allen Bereichen ausprobieren dürfen. Man muss aber aufpassen, dass man es nicht nur für andere und die Gesellschaft tut und allen gerecht werden will. Dann stehen häufig auch kapitalistische Faktoren dahinter, die nur den Konsum anregen wollen und ein nachhaltiges Leben erschweren. Da muss man auf sich selbst aufpassen.

„Absagen sind Teil meines Berufs.“

Ist Glück deiner Ansicht nach eine Einstellungssache oder wird es von äußeren Faktoren bestimmt? 
Lena Urzendowsky: Glück ist etwas Punktuelles. Ich finde es toll, wenn man Glück aus sich selbst heraus auslösen kann. Wenn man zum Beispiel einen Spaziergang macht oder eine schöne Pflanze sieht und dann einfach glücklich ist. Auch wenn diese Momente meist nur kurz anhalten, machen sie das Leben zu etwas Besonderem. Noch wichtiger finde ich aber Zufriedenheit, sie entscheidet darüber, wie sehr man in sich ruht und ob man das Leben genießen kann. Das ist eine Fähigkeit, die in unserer heutigen Zeit leider immer mehr verloren geht. Es geht nur noch um kurzfristige Ekstasen. 

Bist du zufrieden mit dir selbst?
Lena Urzendowsky: Ich versuche es jeden Tag aufs Neue zu sein. Aktuell bin ich super zufrieden mit den Projekten, die ich drehen darf. Sogar mehr als das. Und auch die Kombination aus Studium und Schauspiel weiß ich extrem zu schätzen. Privat bin ich wie viele andere in meinem Alter auf der Suche. 

Wir haben vor Kurzem mit der Autorin Nina Kunz gesprochen, die in ihrem Buch „Ich denke, ich denke zu viel“ über das Phänomen „Workism“ schreibt, dass sich die jüngeren Generationen nur noch über ihre Arbeit definieren. Ist deine Arbeit auch Hauptteil deiner Identität? 
Lena Urzendowsky: Meine Arbeit definiert mich zum großen Teil, aber nicht ausschließlich. Das ist auch etwas, auf das ich extrem achte. Deshalb habe ich mich auch bewusst dazu entschieden, neben dem Schauspiel noch ein Studium anzufangen und mich weiterzubilden. Wenn ich bei einem Casting eine Absage kriege, konzentriere ich mich einfach auf das nächste spannende Seminar. Außerdem ist es mir sehr wichtig, meine privaten Kontakte zu pflegen, damit das Leben nicht ausschließlich aus Schauspiel besteht.

Dann lebt man in seiner Bubble und ist für andere Dinge kaum mehr empfänglich. Und das sollte man als Schauspieler auf jeden Fall sein, sonst leidet früher oder später die Qualität des eigenen Spiels. Wie soll ich das Leben anderer Menschen dokumentieren, wenn ich meinen Blick immer nur auf die gleichen Dinge richte? Während ich früher sehr diszipliniert war, erlaube ich mir heute auch ein paar heiklere Erfahrungen, weil sie mich als Mensch reifer machen und mich auch in meinem Spiel bereichern. 

„Ich finde es toll, wenn man Glück aus sich selbst heraus auslösen kann.“

Du bist Teil der Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, eine Geschichte, die mittlerweile ein bundesrepublikanischer Mythos ist. Was nimmst du aus dieser bedeutsamen Drehzeit für dich mit? 
Lena Urzendowsky: Sie hat meinen Blick auf allerlei Menschliches sehr verändert. Die Rolle war eine tiefe Auseinandersetzung mit Drogensucht und Selbstaufgabe. Stella fängt sich zwar am Ende, aber dieses Gefühl zu spielen, sich selbst nichts mehr wert zu sein, das macht schon etwas mit einem. Mir wurde allgegenwärtiger bewusst, dass es 14-Jährige gibt, die an Drogen sterben. Das verändert die Sicht auf die Welt und sensibilisiert einen für die Probleme der anderen. Wenn ich jetzt U-Bahn fahre und einem oder einer Obdachlosen Geld gebe, unterscheide ich nicht mehr zwischen drogensüchtig oder nicht. 

Wie kann man nach einem Drehtag, wenn man solch eine Rolle verkörpert hat, abschalten?
Lena Urzendowsky: Es ist nicht immer leicht, aber ein wichtiger Prozess nach einem fordernden Drehtag. Ich habe mir vor diesem Dreh z.B. ein Ritual zugelegt, das ich jeden Abend durchgeführt habe. Auch die Arbeit mit einem tollen Team erleichtert das Abschalten. Wir haben uns abends oft gegenseitig bekocht, erzählt, zugehört. Das war toll!

In einem Interview mit der Vogue sagtest du: „Bei der Serie geht es um das allgemeine Thema Sucht, dass man sich nicht mit seinen Problemen und dem Alltag konfrontieren möchte und einen Weg sucht, sich auszuschalten.“ Gibt es Momente, in denen du der Realität auch gerne entfliehen würdest? 
Lena Urzendowsky: Ja, klar, aber das ist gar nicht so einfach (lacht). Während andere dann gerne Filme und Serie schauen, kann ich dabei nur selten richtig runterkommen. Eine Berufskrankheit. Ich analysiere alles, schaue, wer die Macher sind. Im stressigen Alltag runterzukommen, ohne einer Sucht oder dem Konsum zu verfallen, ist eine Herausforderung. Ich habe für mich das Rennen entdeckt. Wenn ich ein anstrengendes Casting hinter mir habe und runterkommen muss, kommt es auch schon mal vor, dass ich den ganzen Weg nach Hause einfach renne. Das hilft mir, diese innere Anspannung loszuwerden. 

„Wenn ich ein anstrengendes Casting hinter mir habe und runterkommen muss, kommt es auch schon mal vor, dass ich den ganzen Weg nach Hause einfach renne. Das hilft mir, diese innere Anspannung loszuwerden.“ 

Außerdem hast du gesagt, du möchtest als Frau nicht instrumentalisiert werden und wenn Szenen für ihre Aussage keine absolute Nacktheit brauchen, bist du auch nicht bereit diese zu liefern. Unterscheidet sich die Arbeit von Schauspielerinnen in dieser Hinsicht nach wie vor von der der männlichen Kollegen?
Lena Urzendowsky: Ich würde sagen, sie hat eine andere Symbolik. Allerdings habe ich die Hoffnung, dass sich das mit der nachwachsenden Filmgeneration ändert. Ich finde es wichtig, was Karin Hanczewski im Zuge von Actout über das „fuckable“ sein müssen gesagt hat. Es ist sehr überfordenrd, wenn man an einem Set mit 30 Leuten gesagt bekommt, dass es toll wäre, wenn man jetzt noch mehr Hüllen fallen lässt. Das ist eine enorme Drucksituation. Da möchte man natürlich nicht der „Problemfall“ sein, der Stress macht, prüde ist und als schlechte Schauspielerin abgestempelt werden.

Das macht die Debatte extrem schwierig, weil hier viel mit Ängsten gespielt wird. Der Körper ist das Instrument der Schauspieler und es herrscht nach wie vor die unterschwellige Ansage, dass man bereit sein muss, damit alles zu tun und keine Grenzen haben darf, auch wenn es nicht immer direkt formuliert wird. Ich bin grundsätzlich überhaupt nicht gegen Nacktszenen, aber ich finde es wichtig, dass es inhaltlich Sinn ergibt und nicht nur darum geht, eine junge, hübsche, nackte Frau zu zeigen, weil sich die Leute das gerne anschauen. 

Du hast in deinen letzten Projekten immer wieder junge Menschen gespielt, die bereits einen sehr erwachsenen Blick auf die Welt haben. Allgemein macht es den Eindruck, als ob Kinder heute früher erwachsen werden müssen. Wünschst du dir manchmal von den Problemen der Welt nicht so früh erfahren zu haben?
Lena Urzendowsky: Nein, ich glaube nicht. Durch Youtube und Co. wird man heute sowieso früh mit der Welt konfrontiert, auch mit den negativen Seiten. Was ich wichtig finde, ist, dass man die jungen Leute damit nicht allein lässt, sondern darüber spricht und sich austauscht. Einen ehrlichen Umgang findet. Man sollte Kinder nicht mit einer vorgetäuschten heilen Welt verklären, aber sie auch nicht mit den Problemen alleine lassen. 

„Man sollte Kinder nicht mit einer vorgetäuschten heilen Welt verklären, aber sie auch nicht mit den Problemen alleine lassen.“ 

Der Begriff des Selbstwertgefühls scheint in der Gesellschaft aktuell auch dank Social Media eine große Rolle zu spielen. Wie schaffst du es, mit Vergleichen umzugehen? 
Lena Urzendowsky: Ich bin bewusst sehr wenig auf Instagram. Immer wenn ich etwas poste, versuche ich die App schnell wieder zu verlassen, um gar nicht in die Versuchung zu kommen, zu scrollen. Allerdings ist es natürlich fast unmöglich, sich vor solchen Vergleichen zu schützen. 

Fühlst du dich manchmal auch unter Druck gesetzt, gut auszusehen?
Lena Urzendowsky: Manchmal ja, manchmal nein. Eigentlich finde ich es auch sehr schade, wenn alle Schauspieler immer aussehen wie Models. Schließlich wollen wir das Leben widerspiegeln und da sehen nun mal nicht alle ständig aus wie aus dem Ei gepellt. Gerade bei „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ habe ich oft darüber nachgedacht, dass alle Darstellerinnen jung, hübsch und schlank sind. Wenn das dann junge Mädchen sehen, kann das deren Bild von der perfekten Frau stark beeinflussen. Natürlich möchte man schön sein, das möchte ich auch gar nicht leugnen, aber es sollte einem als Schauspieler:in auch immer bewusst sein, dass man auf dem Screen viele Menschen beeinflusst. 

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