Luise (Luna Wedler) und Hund Alaska vor der Buchhandlung © Studiocanal GmbH / Frank Dicks

Luna Wedler: Es gibt keinen Beruf, in dem man mehr übers Leben lernt als beim Schauspiel.

von Laura Bähr

Luna, du spielst in dem neuen Kinofilm „Was man von hier aus sehen kann“ die Hauptrolle Luise. Du sagst zu Beginn im Film: Liebe und Tod kann unser ganzes Leben in einer Umdrehung verändern. Hast du persönlich Angst vor dem Tod? 
Luna Wedler: Was ich von diesem Film mitgenommen habe, ist, dass wir alle viel offener über den Tod sprechen sollten. Wir werden alle einmal sterben, also bringt es auch nichts darüber zu schweigen. Ich persönlich habe tatsächlich keine Angst vor dem Tod. Zumindest nicht vor meinem. Es ist natürlich etwas anderes, wenn es um den Tod meiner Familie und meinen Freunden geht. Da habe ich Angst, aber bei mir persönlich nicht, nein. Ich bin ein sehr im Moment lebender Mensch. Ich glaube, wenn man da gefunden hat, was einen beruflich und privat glücklich macht und auch nach den eigenen Vorsätzen lebt, dann kann man am Ende des Lebens, egal wann das sein sollte, auch glücklich und zufrieden sagen, ja ich habe alles rausgeholt. Und dann fällt es auch leichter zu gehen. 

Du sagest in einem Interview, dass alle deine Rolle für dich, jede auf ihre Art eine Art Vorbild ist. Was hast du in der Drehzeit von Luise gelernt? 
Luna Wedler: Also ich glaube, was das Schönste an dem Film ist, dass alle Charaktere einfach so sind, wie sie sind. Man kommt in dieses Dorf und jeder wird gelassen, wie er ist und trotzdem unterstützt man sich gegenseitig. Es geht um die großen Themen des Lebens wie Liebe, Eifersucht, Tod und Verlust. Mein größtes Learning aus dem Film: Man sollte nicht immer versuchen so perfekt zu sein. Wir sollten uns einfach so lassen, wie wir sind.

„Es ist extrem wichtig, sich auch immer wieder selbst zu sagen, dass man stolz auf sich ist.“

Das konnte ich allerdings nicht nur von Luise, sondern von allen Figuren in diesem Film lernen. Meiner Meinung nach sollten wir viel öfter miteinander reden und zusammen merkwürdig sein. Wenn wir diese Masken, die uns die moderne Zeit aufzwingt, einfach mal weglassen, zeigt sich jeder mit seinen Macken, seinen Ticks und seinen komischen Seiten und das ist auch gut so. Allein schon die Bedeutung der Wörter, komisch und anders, werden häufig so negativ aufgefasst, dabei macht uns doch gerade das so besonders und das sollten wir viel mehr feiern. 

Das heißt, wir können heutzutage alle zu wenig wir selbst sein? 
Luna Wedler: Ich finde schon. Wir leben heute alle miteinander unter einem großen Druck. Es muss immer alles perfekt sein, wir müssen abliefern und performen. Aber das schafft eigentlich keiner und keiner ist perfekt. Und das Schlimmste ist, das wir das eigentlich alle wissen und trotzdem spielt jeder dieses Spiel mit. Vor allem die sozialen Medien sorgen dafür, dass jeder versucht, die Maske aufrecht zu halten. Ich habe echt großen Respekt vor der Generation, die jetzt mit diesen ganzen Apps und Darstellungsplattformen aufwachsen und sich beweisen muss. Natürlich gibt es auch immer wieder kleine Wellen des Wandels, Stichwort „Body Positivity“ und Co., aber wir sind da natürlich noch lange nicht an dem Punkt, wo wir sein müssten. 

„Und es muss einem immer bewusst sein, dass das einfach nicht die reale Welt ist und mit einem Klick alles weg sein kann.“

Du bist Anfang 20. Wünschst du dir manchmal früher geboren worden zu sein? 
Luna Wedler: Manchmal schon, ja. Ich empfinde eine Art Hass-Liebe zu Social Media. Ich schaue leider viel zu oft in meinen Feed und werde in diese Welt rein gesaugt. Das ist das, was mich persönlich sauer macht. Auf der anderen Seite gibt es ja durchaus auch positive Seiten, das darf man nicht vergessen. Gerade in so schwierigen Zeiten wie jetzt, wo Krieg und Angst auch den Alltag vieler Leute bestimmt, kann man sich durch die sozialen Medien viel leichter austauschen, informieren und helfen wie noch vor einigen Jahren. Ich glaube, man muss für sich einen Weg finden, wie man Social Media benutzen will.

Und es muss einem immer bewusst sein, dass das einfach nicht die reale Welt ist und mit einem Klick alles weg sein kann. Ich stehe auch der Rolle des Influencers kritisch gegenüber. Auf der einen Seite zeigen sie immer nur perfekte Bilder von sich und rücken sich in ein fast schon unnormales Licht, auf der anderen Seite sagen sie dann ihren Followern ja, aber ihr seid natürlich perfekt so, wie ihr seid. Ja, was denn jetzt? Ich brauche ab und zu einfach eine Pause und von allem und bin froh, dass ich nicht noch jünger mit dieser Welt in Berührung gekommen bin. Die ganzen jungen Kids von heute haben ja auch noch alle Tik Tok und Co. da bin ich zum Glück raus. Ich hoffe, dass es bald mehr Regeln für den Umgang mit und in Social Media gibt. Wenn man da reingeboren wird, hat man ja meist gar keine Chance, sich dem zu entziehen. Klar kann man sagen, Nein ich mache da nicht mit, aber wir wissen alle, dass es so einfach nicht ist.

„Das Schauspiel war meine Rettung, weil ich in dieser Zeit tatsächlich ein bisschen verloren war.“

2017 wurdest du dank des Schweizer Coming-of-Age-Films „Blue My Mind“ bekannt. Danach folgten Hauptrollen in „Das schönste Mädchen der Welt“, „Dem Horizont so nah“ und der Netflix-Serie „Biohackers“. Warum wolltest du Schauspielerin werden?
Luna Wedler: Das ist eine gute Frage. Ich bin so dankbar, dass ich diese Leidenschaft gefunden habe. Im Gegensatz zu vielen anderen Kollegen hatte ich mit Schauspiel als Kind wirklich gar nichts zu tun. Ich komme aus keiner Schauspielfamilie, war nie im Theater. Und dann bin ich tatsächlich in Zürich einfach mal zu einem offenen Casting gegangen. Ich frage mich bis heute, was mich damals dazu bewogen hat, weil das eigentlich sehr untypisch für mich ist, aber irgendeine innere Stimme muss mich dahingezogen haben (lacht). Damals war das auch wirklich meine Rettung, dass ich das Schauspiel für mich entdeckt haben, weil ich in dieser Zeit tatsächlich ein bisschen verloren war. Das erste Mal, als ich quasi in einer Rolle jemand anders war, war wie eine Welle. Das hat mich so gepackt und seitdem wusste ich, dass ich nichts anderes mehr machen möchte. 

Was gibt dir dieses „in das Leben eines anderen schlüpfen“?
Luna Wedler: Man kann eine Art zweites Leben leben und hört dabei nie auf zu lernen. Man lernt sich in andere Gefühlswelten einzufühlen und kann allen Typen von Menschen näherkommen, selbst denen, die man früher verachtet oder gehasst hat. Für mich selbst ist es auch eine Art Therapie, um mit den eigenen Dingen, die einem im Alltag belasten, besser umgehen zu können. Man darf einfach mal wütend sein, schreien, lachen und lieben. Ob das dann die Rolle oder man selbst ist, will dann zum Glück auch keiner so genau wissen (lacht). Bei mir vermischt sich das auch immer ein bisschen. Das sind alles Faktoren, die mich süchtig nach diesem Beruf machen. Neben dem psychologischen Teil fasziniert mich aber auch die Geschichte rund um jede Person und jede Rolle. Ich durfte schon in so viele verschiedene Zeiten springen und etwas über diese Geschichtsperioden lernen. Das ist besser als jeder Unterricht. 

„Für mich selbst ist das Schauspiel auch eine Art Therapie, um mit den eigenen Dingen, die einem im Alltag belasten, besser umgehen zu können. Man darf einfach mal wütend sein, schreien, lachen und lieben.“

Wie gehst du im Schauspiel damit um, dass dein Schicksal immer von jemandem abhängt, der vielleicht etwas in dir sieht?
Luna Wedler: Eine spannende Frage. Ich glaube, so habe ich das noch nie gesehen. Für mich ist es immer ein Privileg, ausgewählt zu werden. Wenn man mich fragen würde, welche Rolle ich am liebsten spiele, hätte ich auch gar keine Antwort. Meistens sind es dann die, von denen ich noch nicht mal wusste, dass sie überhaupt existieren. Ich nehme es gerade bei so vielen tollen Schauspielern, die aktuell auf dem Markt verfügbar sind, immer als große Ehre wahr ausgesucht zu werden. Das sie mich sehen und mir zutrauen, dass ich diese Person glaubwürdig spielen kann. 

Hast du manchmal Angst, gerade bei Terminüberschneidungen, dich für die falsche Rolle entschieden zu haben? 
Luna Wedler: Ich glaube, gerade wenn man jung in die Branche kommt, ist es sehr schwer, solche Entscheidungen zu treffen, an denen dann vermeintlich so viel hängt. Man möchte alles richtig machen, keinen enttäuschen und ja nicht die falsche Entscheidung treffen. Die gibt es aber glaube ich gar nicht. Ich hatte da zu Beginn auch meine Schwierigkeiten mit, aber mittlerweile höre ich einfach auf mein Bauchgefühl und vertraue mir. Wichtig ist auch, dass man die richtigen Menschen um sich herumhat, die einen diesbezüglich beraten, aber einen am Ende immer noch selbst entscheiden lassen. Man muss Menschen finden, denen man vertraut und bei denen man davon ausgeht, dass sie das Beste für einen wollen. 

Das heißt es gibt auch falsche Berater in der Branche?
Luna Wedler: Auf jeden Fall! Es gibt natürlich auch viele, die in erster Linie auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Gerade wenn man jung ist und selbst noch nicht so genau weiß, wer man eigentlich ist und wo man hinwill, muss man aufpassen, dass man nicht zum Spielball von anderen wird. Mir ist das zum Glück noch nicht passiert. 

„Nach Drehs falle ich regelmäßig in eine Art Drehloch.“

Brauchst du nach intensiven Rollen immer eine Art Entzugsphase? 
Luna Wedler: Ja. Ich glaube, es kommt auch immer darauf an, wie tief man sich in eine Rolle hineinfallen lässt, aber da ich sowieso immer gerne alles gebe, passiert mir das sehr häufig. Obwohl ich sagen muss, dass ich auch schon besser geworden bin. Mittlerweile fällt es mir leichter, am Ende eines Drehtags zu sagen, okay, jetzt bin ich wieder Luna und morgen kann ich wieder in die Rolle zurück. Aber nach dem Dreh falle ich regelmäßig in eine Art Drehloch. Dann vermisst man die Arbeit an der Rolle, die intensive Zeit mit den Kollegen und trauert dem Projekt nach. Es kann auch schon mal sein, dass man die ein oder andere Träne vergießt (lacht). Deshalb sind die Pausen zwischen den Projekten auch so wichtig, dass man die Emotionen auch mal zulässt und sich bewusst die Zeit nimmt, von der Rolle und der Zeit Abschied zu nehmen. 

Dein Schauspielkollege Jannis Niewöhner sagte im Interview mit uns: Schauspiel für Sie auch eine Art Schule fürs Leben. Wie stehst du dazu?
Luna Wedler: Das kann ich zu 100 % bestätigen. Ich würde sogar sagen, es gibt keinen Beruf, in dem man mehr übers Leben lernt. Deshalb hoffe ich auch, dass das für den Rest meines Lebens meine Berufung sein wird. Ich kann mir nämlich nichts anderes oder Besseres vorstellen. 

„Wir sollten uns alle so lassen, wie wir sind.“

Wann bist du mit einem Film so richtig zufrieden? 
Luna Wedler: Ich glaube, in erster Linie muss ich spüren, dass ich und auch die Kollegen, mit denen ich den Film gemeinsam gestaltet habe, glücklich sind. Natürlich gehen mir Kritiken, die Meinung der Presse und von Filmexperten auch nicht am Arsch vorbei, aber das ist nicht das, was mich am Ende des Tages glücklich macht. Man will natürlich, dass den Leuten der Film gefällt, aber ich mache die Filme auch ein Stück weit für mich, da bin ich egoistisch (lacht). Deshalb muss ich davon überzeugt sein, was ich geleistet habe, egal was die anderen sagen. 

Was ist für dich die Aufgabe des Films? 
Luna Wedler: Die Welt braucht gute Filme. Selbst die Menschen, die nicht gerne ins Kino gehen, kommen nach einem guten Film raus und sind erst mal aus ihrem eigenen Alltag entführt, sehen Dinge anders und haben vielleicht sogar ihre Einstellung geändert. Ich liebe es, wenn Film die Leute aufweckt und zum Nachdenken anregt.

Lena Urzendowsky sagte in einem Interview mit uns: „Zufriedenheit ist eine Fähigkeit, die in unserer Zeit leider immer mehr verloren geht. Es geht nur noch um kurzfristige Ekstasen.“ Wie stehst du dazu? Wann warst du das letzte Mal so richtig zufrieden?
Luna Wedler: Bei meinem letzten Dreh. Ich glaube, es ist extrem wichtig, sich auch immer wieder selbst zu sagen, dass man stolz auf sich ist. Das man auch mal zufrieden mit einer Sache, die man geschafft hat. Selbst wenn es nur die kleinen Dinge sind, wie ein gelungener Kuchen. 

Filmtipp: „Was man von hier aus sehen kann“ Kinostart 29. Dezember 2022 im Verleih von Studiocanal

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