Jannis Niewöhner © Jens Koch

Das Schönste ist, wenn ich beim fertigen Film das wiederfinde, wonach wir beim Dreh gemeinsam gesucht haben.

Herr Niewöhner, Sie sagten in einem Interview „Es geht darum, immer wieder in neue Lebensphasen einzutauchen. Sich neu inspirieren zu lassen und eine neue Euphorie zu finden an überraschenden, neuen Orten.“ In diesem Jahr sind Sie 30 Jahre geworden, was erwarten Sie von dieser neuen Lebensphase?
Jannis Niewöhner: Das weiß ich noch gar nicht genau. Und vielleicht ist das auch ganz gut so. Ich will vor neue Aufgaben gestellt werden. Welche das genau sein werden, wird sich zeigen. Erstmal freue ich mich auf das Team, mit dem ich jetzt die nächsten 10 Monate zusammen arbeiten werde. Allein da wird schon viel Neues auf mich warten. 

Man hat das Gefühl mit 30 müsste man heutzutage im Leben stehen und genau wissen, wo man privat und beruflich hin will. Verspüren Sie diesen Leistungs- und Entscheidungsdruck auch? Wie gehen Sie damit um?
Jannis Niewöhner: Nein. Ein Freund hat mir mal gesagt, dass ich meine Quarter Live Crisis schon hatte (lacht). Da hab ich entschieden, dass die 30 jetzt nicht auch noch zum Problem werden muss. Das hat bisher geklappt. 

„Ich hatte meine Quarter Live Crisis schon, da darf die 30 jetzt nicht auch noch zum Problem werden.“

Sie sagen, dass Sie sich durch Rollen mit Themen auseinandersetzen, mit denen Sie sonst nicht in Berührung gekommen wäre. Ist das Schauspiel für Sie auch eine Art Schule fürs Leben?
Jannis Niewöhner: Auf jeden Fall. Ohne die Geschichten und Rollen durch die ich mich auch leichter auf neue Themen einlassen kann, fehlt mir manchmal die Ruhe, die es braucht um ein Interesse für bestimmte Themen entwickeln zu können. Aber es sind auch nicht nur die Themen mit denen sich der Film befasst. Durch meine Arbeit als Schauspieler an sich, lerne ich viel über das Leben.

Muss man bei einer Rolle, die gar nicht dem eigenen Charakter entspricht, sein eigenes Selbst zurückstellen oder geht es „nur“ darum, nachzufühlen, warum jemand diese und jene Dinge macht und diese dann vor der Kamera wiederzugeben?
Jannis Niewöhner: Mir hilft es immer danach zu suchen, warum ich selbst diese und jene Dinge machen würde. Mich selbst will ich beim Spielen dabei gar nicht so zurückstellen. Es geht eher darum daran zu arbeiten, welchen Teil von mir ich für die Rolle hervorhole.

Brauchen Sie nach intensiven Rollen eine Art Entzugsphase?
Jannis Niewöhner: Ich brauche nach den Dreharbeiten auf jeden Fall eine kleine Ruhepause. Dazu gehört auch das Loslassen von allem, mit dem ich mich die ganze Zeit intensiv beschäftigt habe.

„Durch meine Arbeit als Schauspieler an sich, lerne ich viel über das Leben.“

Sie sagten außerdem: „Ich liebe die Unbeständigkeit in meinem Leben, die sich durch das Schauspiel ergibt, auch wenn das nicht immer einfach ist.“ Was gibt Ihnen diese Unbeständigkeit?
Jannis Niewöhner: Sie macht mir Spaß. Durch den Beruf bin ich mal hier und mal da. Verbringe viel Zeit mit einer bestimmten Gruppe von Menschen, die dann irgendwann einfach aufhört. Ich hab ein paar sehr gut Freunde, die ich aber auch sehr unregelmäßig sehe. Das heißt aber nicht, dass ich mich manchmal nicht auch nach dem Gegenteil sehne. Aber das ist natürlich typisch, schließlich sehnt man sich immer nach dem, was man gerade nicht hat.

Wie schafft man es sich in dieser Unbeständigkeit ohne Stringenz nicht zu verlieren?
Jannis Niewöhner: Ich würde gar nicht sagen, dass mir das immer gelingt. Aber Freunde und Familien zeigen einem ja immer sehr gut wer man ist und wo man gerade steht.

Sie sagten in einem Interview: „Das Bild zu glauben, das man auf Instagram von sich selbst zeichnet, kann gefährlich werden. Wenn so viel Energie in die äußere Hülle gelegt wird, ist das verschwendete Energie, um sich mit dem Inneren zu beschäftigen.“ Wie unterscheiden sich bei Ihnen Selbstbild und Fremdbild?
Jannis Niewöhner: Ich würde sagen, das auch das „Fremdbild“ ein Teil von mir ist. Aber eben nur ein Teil. Und dem Instagramteil sollte man auf jeden Fall nicht zu viel Beachtung schenken.

„Man sehnt sich immer nach dem, was man gerade nicht hat.“

Sie stehen den sozialen Medien wie Instagram und Co. kritisch gegenüber. Nervt es Sie, dass Reichweite auch in der Schauspielbranche immer mehr zur neuen Währung wird?
Jannis Niewöhner: Reichweite an sich ist natürlich etwas sehr schönes. Aber der Wunsch danach darf der Arbeit nicht im Weg stehen. Und auf keinen Fall sollte er der Antrieb sein. Ich glaube man muss die Gründe kennen, warum man schauspielern will. Das kann dann dabei helfen, den Druck etwas rauszunehmen mit dem man heutzutage durch diese Dinge konfrontiert wird. Außerdem hilft es sich darauf zu konzentrieren und sich daran zu freuen, worum es wirklich geht.

Durch die Streamingdienste schauen wir heutzutage häufig nur kurz in Serien und Filme rein und beschäftigen uns parallel schon wieder mit anderen Dingen. Müssen wir die Erzählweise unserer Geschichten für die Zukunft anpassen?
Jannis Niewöhner: Ich glaube vor allem müssen wir wissen, warum wir eine Geschichte erzählen wollen. Warum wir sie lieben. Dann lohnt es sich auch, sie zu erzählen. Für uns und für die, die zuschauen. Es wird so viel gedreht, einfach nur weil es gedreht werden muss. Das ist ein komisches System und ich glaube deshalb schalten wir oft ab. Weil das, was wir sehen nicht wirklich erzählt werden will. Mir fällt das aber auch manchmal schwer, mich mit Ruhe auf etwas einzulassen, weil es so soviel drumrum gibt. Das ist wahrscheinlich das viel größere Problem. Das unsere Sehgewohnheiten sich durch diese Reizüberflutungen so sehr verändern, dass wir irgendwann für die Kraft und Schönheit von Filmen desensibilisiert werden.

„Ich glaube wir müssen wieder wissen, warum wir eine Geschichte erzählen wollen.“

Sie sagten mal: „Es gibt wahnsinnig viele Ideen im Film, aber es wird nicht immer ganz klar, warum sie umgesetzt werden.“ Welche Geschichten und Drehbücher brauchen wir für die Zukunft?
Jannis Niewöhner: Solche, für die man kämpfen muss, damit sie gemacht werden. Und solche, die für etwas kämpfen. 

Wann sind Sie mit einem Projekt richtig zufrieden? Wenn Kritiker oder Fans zufrieden sind, oder haben Sie selbst für sich Parameter festgelegt?
Jannis Niewöhner: Wo macht man bei einem Projekt den Unterschied zwischen den Dreharbeiten und dem fertigen Film? Manchmal bin ich mit dem einen mehr zufrieden, als mit dem anderen. Manchmal geht das Hand in Hand. Es ist am Schönsten, wenn ich beim fertigen Film das wiederfinde, wonach man beim Dreh zusammen gesucht hat. 

Lena Urzendowsky sagte in einem Interview mit uns: „Zufriedenheit ist eine Fähigkeit, die in unserer Zeit leider immer mehr verloren geht. Es geht nur noch um kurzfristige Ekstasen.“ Wie stehen Sie dazu?
Jannis Niewöhner: Ich glaube, da ist viel dran. Und irgendwie denke ich dabei auch wieder an die heutigen Sehgewohnheiten um die es vorher ging.

Worin sehen Sie den Sinn des Lebens?
Jannis Niewöhner: In guter Musik.

Film-Tipp: Das ZDF zeigt „Kids Run“ am Dienstag, 9. August 2022, 22.45 Uhr (ab Freitag, 29. Juli 2022, 10.00 Uhr, 30 Tage lang in der ZDFmediathek). 

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