Dimitrij Schaad © Jonas Holthaus/X Verleih

Dimitrij Schaad: Man muss als Schauspieler akzeptieren, dass man den schönsten und blödesten Beruf der Welt hat.

von Laura Bähr

Dimitrij, du bist aktuell wieder mit deinem tierischen Mitbewohner im Kino zu sehen. Wenn du ein Tier sein könntest, welches wäre das?
Dimitrij Schaad: Ich glaube ich wäre gerne ein Adler oder ein Condor. Auf jeden Fall ein großer Raubvogel in einer kargen, einsamen Landschaft, der sich ein ganzes Schaf nimmt sobald er Hunger hat (lacht). 

Du hast lange Zeit für die Theaterbühne gelebt und einen Wechsel zum Film ausgeschlossen. Mittlerweile sieht man dich in immer mehr Filmen und Serien. Hat sich deine Meinung geändert? 
Dimitrij Schaad: Damals war ich noch in meiner theatralen Entwicklung und wollte mich am Medium ausprobieren. Mittlerweile, 10 Jahren 40 Produktionen und über 1.000 Vorstellungen später, war ich tatsächlich sehr erschöpft. Ich habe in dieser Zeit alles gegeben, mich quasi verheizt und an den Rand der Erschöpfung gespielt. Dann kam alles, wie es kommen sollte und ich hatte mit der Känguru-Chronik, die Möglichkeit auf einmal essenziellere Rollen zu spielen. Davor war es außerhalb der Theaterbühne eher Kleinkram.

Bei den bisherigen Projekten musste ich mich meist an die Gegebenheiten anpassen und konnte die Produktionen nicht selbst mitprägen. Mit dem Känguru bin ich dann auf einmal in eine ganz andere Liga gerutscht. Mit diesen neuen Gestaltungsmöglichkeiten habe ich wieder viel mehr Lust auf den Film. Hier kann ich mich nochmal neu ausprobieren, stehe jeden Tag vor Herausforderungen. Mich mit Mitte 30 nochmal in einem ganz neuen Feld ausprobieren zu dürfen, ist ein tolles Gefühl. Was aber nicht heißt, dass ich die Vorstellungen auf den Bühnen nicht vermisse. Nur das Proben, das fehlt mir gar nicht (lacht). 

„Man kann sich nicht zwei Stunden dem größten Zorn hingeben und danach so tun, als wäre nichts gewesen. Sonst wäre ich im falschen Job.“

Was kann der Film was das Theater nicht kann? 
Dimitrij Schaad: Theater ist ein Marathon, der Film ist ein Sprint. Außerdem spielt man beim Film in realistischen Umgebungen und realen Orten, was für das Reinfühlen in die Rolle natürlich oft hilft. Gerade zum Beispiel drehe ich für internationalen Netflix-Film, die Rolle eines SS-Manns. Wenn man dann auf einer Kreuzung in Polen steht, die in Sachen Gebäude und Komparsen perfekt nachgestellt wurde, dann muss man eigentlich gar nicht spielen. Man ist bereits in dieser anderen Welt.

Außerdem wichtig: Beim Film muss man es nur einmal gut machen und hat es, wenn man die Szene nicht mag, auch schnell hinter sich. Beim Theater habe ich hingegen so oft die Situation erlebt, dass man nach 7 Stunden proben, wenn alle Schauspieler im Spielrausch sind, auf einmal einen magischen Moment schafft. Und dann schauen sich alle an und stellen traurig fest, dass wir das nie wieder werden reproduzieren können. 

Siehst du dich eher als Dienstleister oder Künstler? 
Dimitrij Schaad: Ich mag den Begriff des Künstlers nicht, weil sich viele Idioten, die schlechte Arbeit machen und undiszipliniert sind unter dem Denkmantel „Künstler“ verstecken. Sagen wir mal so. Leute bezahlen dafür, mich sehen zu können. Ich leben davon und dafür. Deshalb bin ich eine Art Dienstleister. Ich unterhalte die Menschen. Und da ich weiß, wie beschränkt meine eigene Zeitökonomie ist, versuche ich das so gewissenhaft wie möglich zu tun. Und bin sauer, wenn AutorInnen, RegisseurInnen und SchauspielkollegInnen meine Zeit verschwenden. Wenn sie sich nicht genug Mühe gegeben haben, mich in eine Welt zu entführen und dort zu halten. Da habe ich sehr große Ansprüche als Zuschauer und als Darsteller. Ich würde sagen, ich stehe im Dienst des guten Geschmacks meiner Zuschauerschaft. 

Ist die Zeit noch umkämpfter als früher? 
Dimitrij Schaad: Ja! Es gibt aber natürlich im Internet immer mehr Formate und Kreative , die um die Aufmerksamkeit und die Zeit des Publikums kämpfen. Die Luft wird sehr viel dünner. Für mich ist das eine Herausforderung, die ich sehr gerne annehme. Ich möchte über mich hinauswachsen, um in dem Bereich überleben zu können und die Zeit der Zuschauer nicht zu verschwenden. 

„Ich mag den Begriff des Künstlers nicht, weil sich viele Idioten, die schlechte Arbeit machen und undiszipliniert sind unter dem Denkmantel Künstler verstecken.“

Wie schafft man das?
Dimitrij Schaad: Man muss als Schauspieler akzeptieren, dass man den schönsten und blödesten Beruf der Welt hat. Denn, da muss man ehrlich sein, wenn ich aufhöre zu schauspielern, würde mich keiner vermissen. Auf der anderen Seite ist es toll, dass ich nichts muss und alles darf. Sobald man das akzeptiert und genießt, was man für einen tollen Job hat. Ich darf für meinen Beruf den ganzen Tag spannende Geschichten, irrsinnig kreative Formate und spannendsten Künstler konsumieren. Wie toll ist das? Ich liebe es zu recherchieren, welchen klugen, inspirierenden Shit es aktuell gibt und wo die Menschen ihre Medien bis an die Grenzen und darüber hinausführen. Dafür muss man wachsam und streng mit sich sein. Und das sind die meisten Schauspieler in Deutschland meines Erachtens leider nicht. 

Wie geht man mit dem Gefühl um, ständig davon abhängig zu sein, dass jemand etwas in einem sieht?
Dimitrij Schaad: Ich habe vermutlich angefangen zu schreiben, um dieser Abhängigkeit nicht permanent ausgesetzt zu sein. Mein neuster Film, an dem ich mit meinem Bruder die letzten vier Jahre zusammengearbeitet habe, wird jetzt seine Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig Premiere haben. Das ist ein tolles Gefühl, die Dinge aktiv mitgestalten zu können. Auf der anderen Seite liebe ich es auch mich ins gemachte Nest zu setzen und die genialen Sätze aufzusagen, die jemand anderes für mich geschrieben hat, wie jetzt zum Beispiel bei Marc-Uwe. Ich habe im Moment beides und das fühlt sich toll an. Grundsätzlich ich kein großer Fan davon, von Menschen abhängig zu sein. Aber mich aus eigener Entscheidung in die Hände eines Menschen zu begeben, den ich bewundere, respektiere und für seinen Ideenreichtum schätze – das ist natürlich großartig.

„Theater ist ein Marathon, der Film ist ein Sprint.“

Du sagtest in einem Interview, dass Film nicht die Aufgabe haben sollte, die Menschen zu belehren. Was ist die Aufgabe des Films?
Dimitrij Schaad: Ich würde sagen Film hat in erster Linie die Aufgabe, mich in eine Art Welt zu entführen. Und wenn er mich in eine Welt entführt, in der ich etwas über das menschliche Dasein begreifen kann – umso besser. Wenn ich durch ihn etwas spüren durfte, was ich bis dahin nicht kannte, dann ist es perfekt. Ich liebe es zum Beispiel wie beim Känguru humorvoll mit einem so wichtigen Thema wie den Verschwörungstheorien umgegangen wird. Bei Hollywood und im Arthouse-Film wird ja häufig die Absicht mit der Qualität eines Films verwechselt. Aber manchmal, wenn man Glück hat, kommen beide Dinge zusammen. 

Welchem Problem sollten sich Marc-Uwe und das Känguru demnächst annehmen. Was ist aktuell deine größte Angst? 
Dimitrij Schaad: Meine größte Angst ist die Klimakrise und unsere selbstgewählte Abhängigkeit von Diktatoren und deren Erdölvorkommen.  

Mit der Schauspielerin Lena Meckel haben wir über die Zeit nach Drehphasen gesprochen. Brauchst du nach intensiven Rollen eine Entzugsphase?
Dimitrij Schaad: Von manchen Figuren braucht man eine, von anderen nicht. So wie ich Schauspiel verstehe, ist es meine Aufgabe erst viel Zeit und Kraft in die Vorbereitung zu stecken und dann alles dafür zu tun um loszulassen und mich in eine Art Gefühl-Trance zu begeben. Dort höre ich auf zu kontrollieren, sodass etwas Größeres entstehen kann, als mein Ego sich hätte ausdenken können. Wenn ich einen Menschen spiele, der einen schmerzhaften Verlust oder große Wut erlebt, kanalisiere ich das durch meinen Körper. Und der kann natürlich nicht unterscheiden, ob diese Gefühle gerade real sind oder nicht.

Man kann sich nicht zwei Stunden dem größten Zorn hingeben und danach so tun, als wäre nichts gewesen. Sonst wäre ich im falschen Job. Denn der besteht genau darin, solche Dinge wirklich zu fühlen. Nach einem Drehtag brauche ich also ein paar Stunden, um diese Gefühle wieder loszulassen, aber wochen- oder monatelang haben mich Rollen noch nicht gefangen gehalten. Vielleicht gab es diese eine große Rolle aber auch noch nicht für mich, oder mein Körper ist durch die vielen Vorstellungen schon so darauf gepolt, schnell zu verarbeiten und schnell wieder loszulassen, dass ich es gar nicht mehr mitbekomme. 

Die Känguru-Verschwörung – ab dem 25.08 in allen Kinos.

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