Maren Urner
Maren Urner © Lea Franke

Maren Urner: Wir wissen aus der Forschung längst, dass die Zutat für ein gesundes und glückliches Leben keine Rolex am Handgelenk, sondern funktionierende soziale Beziehungen sind.

von Laura Bähr

Frau Urner, Krisen haben aktuell Konjunktur. Wie kann es der Menschheit gelingen, in solchen schwierigen Zeiten nicht den Kopf zu verlieren? 
Maren Urner: Das Wichtigste ist es, zu erkennen, dass alles in unserem Kopf beginnt. Darauf aufbauend habe ich das Konzept des „dynamischen Denkens“ entwickelt, das ich auch in meinem neuen Buch beschreibe. Dafür braucht es drei Zutaten: Zunächst sollten wir uns viel häufiger fragen, wofür statt wogegen.

Egal in welchem Bereich, ob privat oder beruflich oder politisch. Wir fragen uns meistens, was wir abschaffen wollen, was schlecht ist und wer Schuld hat. Das müssen wir ändern. Wenn wir häufiger darüber sprechen, wofür wir Dinge tun und welche positiven Veränderungen damit einhergehen, setzt das andere Denkmechanismen in unserem Gehirn frei. Solche neuen Muster lassen uns kreativer denken und führen uns zu neuen Lösungen weg von diesem Verhinderungs-Abwehr-Modus. 

Die zweite Zutat: Wir müssen Gruppen neu definieren – also die große Frage nach der Zugehörigkeit. Dabei sollten wir mehr darauf achten, was uns verbindet und nicht was uns trennt. Ob das nun der gleiche Wohnort, der gleiche Beruf oder etwas banales wie der gleiche Musikgeschmack ist. Wenn wir uns als Gruppen neu zusammenfinden, fällt es uns auch leichter, das „wofür“ in den Fokus zu rücken und neue Kräfte freizusetzen, die uns gemeinsam an unseren Zielen arbeiten lassen. 

„Das Wichtigste ist es, zu erkennen, dass alles in unserem Kopf beginnt.“

Und die dritte wichtige Zutat sind die neuen Geschichten. Und damit meine ich nicht nur die klassischen Lagerfeuergeschichten, sondern auch unsere Visionen, Werte und die Bedeutungen von Begriffen, die unser Zusammenleben prägen, wie zum Beispiel Verantwortung, Freude oder Freiheit. Was meinen diese Worte heute eigentlich und welche Geschichten wollen wir uns dazu erzählen? Wichtig ist es dabei auch, die Dinge, die augenscheinlich „normal“ zu sein scheinen, kritisch zu hinterfragen.

Gerade in Zeiten von Corona ist der Wunsch zur vermeintlichen „Normalität“ zurückkehren zu wollen, viel beschrieben worden. Ich frage: Was ist denn heute „normal“ und finden wir das richtig? Dazu gehören auch mögliche neue Antworten auf die Frage nach der Bedeutung von Glück, Zufriedenheit und Erfolg. Um es konkret zu machen: Längst wissen wir aus der Forschung, dass die wichtigste Zutat für ein gesundes und glückliches Leben nicht die Rolex am Handgelenk sondern funktionierende soziale Beziehungen sind. 

„Längst wissen wir aus der Forschung, dass die wichtigste Zutat für ein gesundes und glückliches Leben nicht die Rolex am Handgelenk sondern funktionierende soziale Beziehungen sind.“

Die Digitalisierung, die Klimakrise und die Pandemie haben mittlerweile bei vielen zu diffusen Ängsten und Depressionen geführt. Versetzt Sie als Neurowissenschaftlerin der Blick auf den Zustand unserer Gesellschaft in Sorge? 
Maren Urner: Im Gegenteil, ich habe Hoffnung. Ganz plakativ gesagt, hoffe ich, dass wir es schaffen die „Dauerkrise“ als Chance zu sehen, um unser individuelles und gesellschaftliches Handeln und die damit verbundenen Belohnungsstrukturen zu hinterfragen. Ähnlich wie eine wirtschaftliche Disruption,  können wir diese Zeit nun nutzen, um einmal stehen zu bleiben und nachzudenken. Corona hat in vielerlei Hinsicht eine Art Stopptaste gedrückt. Die grundlegende Frage der möglichen Diskussion, die ich mir wünsche und immer wieder äußere: Worum geht es eigentlich wirklich? Wenn wir darüber ehrlicher sprechen als bisher, können wir das vermeintliche „Normal“ in aktuellen gesellschaftlichen Fragen neu und besser konstruieren. 

Welche neurowissenschaftliche Erklärung steckt hinter der Entstehung einer Depression? Wird das Gefühl, dass alles keinen Sinn mehr macht, das Gefühl der Hoffnungslosigkeit zur neuen Volkskrankheit?
Maren Urner: Eine sehr schwere Frage, die sich nicht in wenigen Sätzen angemessen beantworten lässt. Ich wage mal einen Versuch: Unser Leben in der westlichen Welt im 21. Jahrhundert wird von einer Überforderung durch schier unbegrenzte Auswahlmöglichkeiten bestimmt. Egal, ob es um die Zahnpastasorte, einen möglichen Partner, die Berufswahl oder das mediale Angebot geht: Wir können immer und überall zwischen fast unendlich vielen Dingen wählen und werden dabei nie „fertig“. So könnten wir 24 Stunden täglich Informationen konsumieren und hätten dennoch keine Chance einen „Überblick“ zu bekommen. 

„Unser Leben in der westlichen Welt im 21. Jahrhundert wird von einer Überforderung durch schier unbegrenzte Auswahlmöglichkeiten bestimmt.“

Was macht das mit uns? Es versetzt uns in „FOBO“, die „fear of better options“, also die Angst bessere Optionen zu verpassen. Studienergebnisse zeigen: Haben wir die Wahl zwischen 30 verschiedenen Marmeladensorten, sind wir am Ende unzufriedener, als wenn wir aus 6 Sorten wählen dürfen. Warum? Weil wir 29 potenziell bessere Optionen ausschlagen mussten. Das kreiert Stress und Unzufriedenheit. Die Psyche hat mit diesem Überangebot auch in Sachen Job- und Partnerwahl schwer zu kämpfen, gerade bei den jüngeren Generationen. Dieses Gefühl, ständig die falsche Wahl treffen zu können, führt zu einer gesteigerten mentalen Unsicherheit.  

Damit einhergehend scheint das „glücklich sein“ in der heutigen Gesellschaft ein Zustand, der uns eher – auch dank der sozialen Medien – unter Druck setzt. Autorin Nina Kunz meinte im Interview mit uns dazu: „Die Vorstellung, dass man immer glücklich sein muss, finde ich anstrengend.“ Was muss in unserem Kopf passieren, dass wir glücklich sind? 
Maren Urner: (schmunzelt) Mein Buch „Raus aus der Dauerkrise“ beginnt tatsächlich genau mit der alten aber immer noch präsenten Frage nach dem Glück. Etwas, das uns Menschen seit jeher verbindet, ist die Suche nach dem Glück. Als Wissenschaftlerin beginne ich mit einer möglichen Antwort natürlich erst einmal mit der Frage nach der Definition vom Glück. Das können wir ganz unterschiedlich messen und schnell wird klar: Die eine Glücksdefintion gibt es nicht. So kennen wir beispielsweise das Glücksgefühl, das viele verfolgen. Dabei ist wichtig, dass es kein Dauerzustand sein kann.

„Die Psyche hat mit diesem Überangebot auch in Sachen Job- und Partnerwahl schwer zu kämpfen, gerade bei den jüngeren Generationen.“

Mit anderen Worten: „Happily ever after“ funktioniert nur, wenn das Leben nur noch drei Minuten dauert. Das ist wie mit Licht und Schatten. Denn auch Glücksmomente können wir nur wirklich erfahren und genießen, wenn wir auch wissen, wie sich unglücklich zu sein anfühlt. Eine andere Art der Glücksmessung beschäftigt sich damit, was wir generell als Lebenszufriedenheit bezeichnen. Dabei haben Studienergebnisse zum Beispiel gezeigt, dass Menschen, die das Gefühl haben, etwas Sinnvolles zu tun, seltener krank sind. Eine wichtige Erkenntnis, nicht nur für alle Arbeitgeber. Zahlreiche Studienergebnisse legen nahe: Wer es schafft, ohne Optimierungszwang seinem Leben einen Sinn zu geben, der lebt sehr viel zufriedener – auch wenn er nicht in jedem Moment „glücklich“ ist. 

„Happily ever after funktioniert nur, wenn das Leben nur noch drei Minuten dauert.“

Ein weiterer Mythos in Sachen Glück ist die Vorstellung, dass uns Glücksereignisse wie ein Lottogewinn dauerhaft zufriedener machen. Auch das ist nicht der Fall, weil wir uns an fast alles im Leben „gewöhnen“, auch an einen hohen Kontostand. Tatsächlich haben sehr reiche Menschen nicht nur den gleichen Drang immer noch ein wenig mehr zu wollen, als sie gerade haben, sondern eine zusätzliche Last: Sie können sich an den vermeintlich kleinen Dingen im Leben häufig nicht mehr so freuen wie Menschen mit weniger finanziellem Reichtum. 

„Wer es schafft, ohne Optimierungszwang seinem Leben einen Sinn zu geben, der lebt sehr viel zufriedener – auch wenn er nicht in jedem Moment „glücklich“ ist.“

Wie bereits angesprochen, kann die Suche nach dem Glück in Kombination mit ständiger Selbstoptimierung auch zum Zwang werden. Wer sich immer wieder fragt, warum er nicht glücklich ist und was er dagegen tun kann, verliert sich häufig in Gedanken- und Grübelschleifen. Abschließend vielleicht noch ein praktischer Tipp: Glück ist wie ein löchriger Reifen, den wir auch immer wieder aufpumpen müssen. Das gelingt über die vielen kleinen Glücksmomente, die wir nur wahrnehmen müssen!

Neben Nahrung, Sex, Bewegung und sozialer Interaktion scheint im 21. Jahrhundert auch der Konsum ein großer Glücksfaktor. Für viele ist Konsum mittlerweile sogar ein essenzieller Teil der Persönlichkeit. Was sagen Sie dazu? Eine beängstigende Entwicklung?
Maren Urner: Unser Belohnungssystem im Hirn wird  durch alles mögliche aktiv, beispielsweise wenn wir uns bewegen, wenn wir essen,  wenn wir Sex haben, aber eben auch wenn wir etwas kaufen. Das Gehirn ist, ganz platt gesagt, erst mal dafür da, dass der Organismus, in dem es drinsteckt, am Leben erhalten wird. Uns gut zu fühlen ist ein Teilaspekt davon. Daraus können aber auch Abhängigkeiten entstehen. Wir können süchtig werden nach dem guten Gefühl, süchtig danach ständig etwas zu kaufen, zu essen, Sex zu haben oder Sport zu machen. Wie bei allem im Leben ist es wichtig, die richtige Balance zu finden. Außerdem können wir uns fragen, welche Dinge uns wirklich nachhaltig guttun.

„Der Mensch als Spezies ist auf diesem Planeten nur deshalb so erfolgreich, weil er kooperiert, nicht weil er besonders schnell rennt, gut klettert oder scharfe Zähne hat.“

Längst wissen wir aus der Forschung dass dazu neben den erwähnten sozialen Beziehungen auch der Spaziergang in der Natur, gute Ernährung und ausreichend Schlaf gehören. Im Vergleich zum Konsum natürlich wahnsinnig „unsexy“. Nicht umsonst sprechen viele Marketingmenschen davon, dass sie Bedürfnisse um Produkte kreieren, die eigentlich gar keiner braucht. Hier komme ich nochmal zurück zur Corona-Pandemie, die für viele Menschen auch eine Krise der Einsamkeit war. Das Abstandhalten hat uns deutlicher denn je vor Augen geführt, dass wir soziale Wesen sind und unsere Mitmenschen brauchen. Der Mensch als Spezies ist auf diesem Planeten nur deshalb so erfolgreich, weil er kooperiert, nicht weil er besonders schnell rennt, gut klettert oder scharfe Zähne hat. 

In einem Interview sagten Sie: „Angst macht dumm, da wir in solchen Angstmomenten lediglich zwischen den Impulsen „kämpfen“ oder „fliehen“ entscheiden und das große Ganze nicht mehr durchdenken können. Brauchen wir einen neuen Umgang mit Angst vor den Problemen des 21. Jahrhunderts? Wie könne der aussehen?
Maren Urner: Das ist genau das Thema, das mich aktuell umtreibt. Die körperlichen Reaktionen auf Angst und Stress sind auf das kurzfristige Überleben ausgerichtet. Sie sind also wichtig, um unser Leben bei akuten Gefahren zu sichern, aber für langfristige Problemlösungen, wie zum Beispiel die Klimakrise oder die Corona-Pandemie sind sie nicht gut geeignet, weil sie unsere höheren kognitiven Fähigkeiten inklusive unseres Gedächtnis blockieren.

Wir brauchen also keinen neuen Umgang mit Angst – denn wir können diese grundlegenden Funktionsweisen in unserem Kopf nicht verändern. Stattdessen brauchen wir weniger Angst! Nur so können wir gute Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit finden. Mit anderen Worten: Wir haben alle benötigten Ressourcen, die aktuell brach liegen. 

„Wir brauchen also keinen neuen Umgang mit Angst – denn wir können diese grundlegenden Funktionsweisen in unserem Kopf nicht verändern. Stattdessen brauchen wir weniger Angst!“

Warum ist das so? 
Maren Urner: Das frage ich mich jeden Tag (lacht). Ich glaube, es liegt daran, dass wir uns die falschen Belohnungsmechanismen geschaffen haben. Wer hat am Ende des Tages am meisten Erfolg? Status quo: Die Person, die am lautesten schreit. Es sollte aber die Person sein, die nach neuen Lösungen sucht, die offen preisgibt, sich geirrt zu haben und die nach den stärksten statt den schwächsten Gegenargumenten für die eigene Position sucht.

Wir Menschen reisen auf den Mond, entwickeln beeindruckende Technik und wichtige Impfstoffe, aber schaffen es nicht, uns „neue Geschichten“ zu erzählen und zu verstehen, was ein gesundes und glückliches Leben biologisch gesehen tatsächlich ausmacht. Wir haben uns ein paar jahrzehntelang zu sehr auf die kurzfristigen Mechanismen unseres Gehirns konzentriert, die uns häufig zu überforderten, konsumgetribenen und teilweise unsozialen Wesen machen. Aber alle „falschen“ Belohnungsstrukturen in Wirtschaft, Politik und Recht sind menschengemacht und können wir neu konstruieren. Genau das ist dringend notwendig, damit wir unsere Lebensgrundlage nicht vollständig zerstören.

„Wer hat am Ende des Tages am meisten Erfolg? Status quo: Die Person, die am lautesten schreit.“

Das heißt, wir brauchen auch einen Wechsel in Politik und Co.? 
Maren Urner: Genau! Wir brauchen einen Wechsel von „Macht“ zu „Verantwortung“. Und dabei stellt sich natürlich die große Frage, wer diese Verantwortung in Zukunft tragen darf, kann und soll. Dabei müssen wir uns von der allgemeinen Vorstellung, dass „die größten Arschlöcher am erfolgreichsten sind“ verabschieden. Ich habe in den letzten Jahren mit so vielen intelligenten Menschen gesprochen, die alle zu mir meinten, sie gehen nicht in die Politik, weil sie dafür nicht „Arschloch genug“ seien.  Zeit, genau das zu ändern. 

Wie können wir das schaffen?
Maren Urner: Wir müssen die Stopptaste drücken und eben diese Belohnungsstrukturen mehr hinterfragen. Welche Führungsqualitäten wollen wir belohnen? Und welche politischen Diskussionen wollen wir führen? Welche Unternehmenswerte wollen wir vorleben? Und was soll der Fokus im persönlichen Leben sein? Wir haben in den Medien und der Politik eine Maschinerie geschaffen, die vor allem der laut schreienden Minderheit ein zusätzliches Megaphon vor den Mund hält. Wenn nun die schweigende Mehrheit positiv an die Dinge herangeht, werden wir ganz schnell merken, dass dieses lösungsorientierte Denken ganz neue Wege ermöglicht. Das ist wie ein Kernschalter, der alles verändern kann. Und dann sind wir wieder am Anfang: Alles beginnt in unserem Kopf!

„Wir müssen die Stopptaste drücken und unsere Belohnungsstrukturen mehr hinterfragen.“

Sven Plöger meinte im Interview mit uns: „Mit Freiwilligkeit schaffen wir keine Veränderung. Wir Menschen sind kognitiv dissonant“. Brauchen wir also Druck und Regeln, um eine neue Welt zu schaffen? 
Maren Urner: Auch hier ist die Frage: Welche Geschichten erzählen wir? Die Klimakrise ist als Geschichte von Anfang an negativ geframt worden, ständig sprechen wir von Verboten und Einschränkungen von dem Großen „wogegen“ und dem, was wir alles verlieren, was uns weggenommen wird. Damit triggern wir in erster Linie Angst. Aber was passiert, wenn wir uns stattdessen überlegen, was wir gewinnen und worauf wir uns freuen können? Wenn wir erkennen, dass die Gewohnheiten, die wir die letzten Jahre geschaffen haben, überhaupt nicht zum Glück führen? Wenn wir eben diese Gewohnheiten – und da bin ich bei Sven Plöger – durch neue Regeln, Rahmenbedingungen und Belohnungsstrukturen – überdenken und ersetzen? 

Klar ist doch: Der Weg, den wir bisher gegangen sind, führt nicht weiter. Wir haben unsere Lebensgrundlagen an einen Punkt gebracht, der nicht nur nicht nachhaltig ist, sondern unsere Existenz als Spezies bedroht. Folglich brauchen wir eine Narrative und vor allem Vorstellungen einer Zukunft, die uns mobilisieren. Es ist wichtig, die Angst mutig hinter uns lassen und aus der Ablenkung oder Schockstarre herauskommen. Die Kursänderung ist alternativlos, wenn wir als Menschen weiterhin auf diesem Planeten leben wollen. 

 

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