Aleksandar Jovanovic © Christine Rogge

Geld ist nur eine Zwischenwährung für Lebenszeit.

von Laura Bähr

Herr Jovanovic, Sie haben an der Stage School in Hamburg Schauspiel und Tanz studiert. Tanzen wir heute zu wenig?
Aleksandar Jovanovic: Ich glaube, dass bereits viele Menschen das Tanzen für sich entdeckt haben, aber das es noch genauso viele gibt, denen es fehlt und gut tun würde. Ich sehe das an meiner Tochter, die tanzt Hip-Hop und Ballett und kommt jedes Mal glücklich nach Hause. Meine Frau ist auch eine exzellente Tango-Tänzerin, das heißt ich bin umgeben vom Tanzen (lacht). Das Leben ist da ein bisschen wie ein Instagram Algorithmus, man ist umgeben davon, wofür man sich interessiert und in meiner Welt tanzen viele Menschen. 

Kann so ein Algorithmus, der uns immer nur das zeigt, womit wir uns sowieso beschäftigen nicht auch gefährlich sein?
Ich glaube den größten Algorithmus den wir haben, ist in unserem Gehirn. So wie wir unsere Gedanken sich bilden, so bildet sich die Welt um uns herum. Die Welt ist die Kopieunserer Gedanken. Einerseits könnte das natürlich eine Gefahr sein, es könnte aber auch eine Chance sein, sich seine schöne Welt zu bauen. Ich weiß nicht, ob es hilfreich ist, wenn man immer alles Negative der Welt weiß. Ich glaube aber auch nicht, dass es positiv ist, wenn man immer nur das Gute sehen will. Jeder muss selbst herausfinden, welcher Algorithmus zu seinem Leben passt.

In der Vox Serie „Das wichtigste im Leben“ spielen Sie einen Tanzlehrer. Wäre der Beruf des Tanzlehrers auch im echten Leben etwas für Sie gewesen? 
Ich habe ja zwischen meinem 16 und 25 Lebensjahr fast ausschließlich getanzt und für die Rolle dann versucht meine alten Tanzkenntnisse wieder auszupacken und umzusetzen. Bewegung und Kunst sind aber auch heute noch Teil meines Berufs als Schauspieler. Movement ist Leben. Und ob ich das jetzt durch Yoga oder Tanzen ausleben, ist glaube ich egal. Es ist ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit, dass ich meinen Körper kenne und mit ihm umgehen kann. 

Mit der Serie „Das wichtigste im Leben“ wagt sich der Sender VOX zum ersten Mal an eine eigens produzierte Serie ohne internationale Vorlage. Kann das deutsche Fernsehen Ihrer Ansicht nach im internationalen Vergleich mithalten?
Auf jeden Fall, das ist überhaupt nicht mehr die Frage. Das sieht man an Serien wie „4 Blocks“ und „Dark“. Wir müssen uns da wirklich nicht mehr verstecken, wir sind ein Land voller Talente. Hollywood und Amerika vergleichen sich mittlerweile mehr mit uns. (lacht) Wir sehen in Deutschland häufig nur die Perlen aus Amerika, aber die produzieren mit Sicherheit das Hundertfache davon, was bei uns gespielt wird und da ist bestimmt auch eine Menge Schrott dabei. Ich finde diesen ganzen Hollywood-Hype und den Mythos dahinter auch nicht mehr ganz so stark wie früher. 

Was halten Sie von der stetig anhaltenden Debatte zwischen den privaten und den öffentlich-rechtlichen Sendern? 
Ich verstehe gar nicht, was falsch daran sein soll, wenn beide ihren Spezifika nachgehen. Es ist doch schließlich wichtig, dass wir eine Vielfalt bieten können, das macht ein offenes und demokratisches Land aus – auch in der Unterhaltungsbranche. Ich glaube, dass die Debatte zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern gar nicht mehr relevant ist, sondern eher die Realisation des Internet-Fernsehens und der Aufbau der Mediatheken und Streamingdiensten. Das ist eine Entwicklung, die werden wir nicht aufhalten können. Trotzdem bin ich sicher, dass Streaming-Dienste weder das lineare Fernsehen noch das Kino ablösen werden. Das wird sich alles wieder einpegeln und dann gibt es eben beide Möglichkeiten. Diese Entwicklung sieht man jetzt schon bei den E-Books. Seit es E-Books gibt, hat die Buchbranche auch bei den gedruckten Büchern ein deutliches Plus gemacht. 

Sie werden in Ihren Produktionen immer wieder als mysteriöser Bösewicht eingesetzt. Würden Sie auch gerne mal einer ganz anderen Seite von sich zeigen oder sind Sie froh über Ihre Nische? 
Beides. Auf der einen Seite gibt es diese Nische und das ist ein gutes Gefühl, wenn man da direkt im Kopf von den Leuten auftaucht, wenn es um einen bestimmten Typen geht. Auf der anderen Seite freue ich mich aber auch, dass es in letzter Zeit immer mehr Angebote gibt, die aus dieser Nische ein bisschen rausfallen, wie zum Beispiel die Rolle des Tanzlehrers bei „Das wichtigste im Leben“ oder die des Hackers bei „You are wanted“. Ich kann aber nun mal nicht aus meinem Körper raus, mein Gesicht ist mein Gesicht und ich spiele,  wie ich spiele. 

Vor Ihrer TV und Kino Erfahrung waren Sie auch in Musicals wie „Starlightexpress“ und „Greace“ zu sehen. Im Feuilleton werden Musical-Produktionen vergleichsweise selten erwähnt. Zu Unrecht? 
Ich glaube, dass die Menschen sich sehr von einfach strukturierten Geschichten, wie sie bei Musicals oft erzählte werden, blenden lassen und dann denken, die hätten keine Tiefe. Aber in Wirklichkeit sind das brillante Stücke und tolle Erzählstränge und jeder, der beim Musical mitmacht, kämpft gegen sehr viel Konkurrenz, um da überhaupt eine Stelle zu bekommen. Allein die Tatsache, dass man tanzen, singen und schauspielern muss, ist eine riesen Aufgabe und ich finde es schade, dass das nicht ausreichend gewürdigt wird. Obwohl es schon deutlich besser geworden ist, als in den 80ern. Da gab es zwar diesen einen großen Hype, aber auf der anderen Seite haben viele über die Branche gelacht. Ich weiß noch, dass ich zu der Zeit extra mit dem Tanzen aufgehört habe, weil gesagt wurde, wer tanzt, kann nicht schauspielern. 

Sie waren erst 16 Jahre alt, als Sie in Hamburg Ihrer Karriere starteten. Mit welchen Problemen hatten Sie als Jugendlicher in der Großstadt zu kämpfen? 
Das war natürlich schon ein aufregender Weg. Von Serbien nach Deutschland. Dann von einer Kleinstadt in eine Metropole wie Hamburg, da hat man am Anfang schon Schwierigkeiten sich zurecht zu finden. Ich muss aber sagen, dass mir das nach ein paar Wochen sehr leichtgefallen ist und ich das Gefühl hatte, schon immer in einer Großstadt gelebt zu haben. Mit 20 habe ich dann ein Jahr in New York gewohnt und mit 25 in Toronto, also es wird dann auch schnell normal. (lacht)

Sie wurden 2018 von Fatih Akin und Til Schweiger empfohlen Teil der deutschen Filmakademie zu werden, wurden aber trotz Ihrer Preise abgelehnt. Was sagen Sie heute zu dem Vorfall?
Ich war, als das damals passiert ist im Yoga-Urlaub in Portugal. Mich hat es nicht wirklich verletzt, weil mir direkt klar war, dass es politische Entscheidungen waren, die dazu geführt haben und an denen kann man nun mal nichts ändern.

Als Begründung wurde angegeben, Sie hätten bei zu wenigen Kinoproduktionen mitgewirkt. Sind TV-Produktionen in der Branche immer noch weniger wert?
Meiner Meinung nach sind Serien gerade auf der Überholspur. Immer mehr große, amerikanische Hollywood-Stars bekennen sich zu Serien oder TV-Formaten. Ob das von der Akademie dann anders bewertet wird oder nicht, ist mir egal. Es handelt sich ja dabei ja auch um eine Filmakademie und keine TV-Akademie, das darf man nicht vergessen. 

Was muss ein Schauspieler Ihrer Ansicht nach mitbringen, um einen „wesentlichen oder gewichtigen Beitrag zum deutschen Kinofilm zu leisten“? 
Ich glaube, dass wir Schauspieler unbedingt den Mut haben sollten, Risiken einzugehen, uns selbst zu überraschen, in den Rollen, die wir spielen, das Publikum zu überraschen und so tief wie möglich in die Seelen einzusteigen, die wir zu verkörpern versuchen. Das ist unsere Aufgabe, aber ob das dann auch so geschnitten und im Film gezeigt wird, liegt ja gar nicht mehr in unserer Hand. 

Gelingt Ihnen das heute weniger als früher sich selbst zu überraschen? Es wird eigentlich immer mehr, weil man sich immer mehr vom Druck befreien kann. Inklusive der Tanzerei mache ich das Ganze jetzt seit über 32 Jahren und irgendwann hört man einfach auf sich Gedanken zu machen, was andere Leute denken könnten und verlässt sich ganz auf sein Gefühl. 

Neben Ihrer Tätigkeit als Schauspieler sind Sie auch als Kurzfilmregisseur tätig. Was für Filme brauchen wir aktuell? 
Ich glaube wir dürfen uns in Deutschland mittlerweile an ein eigenes Genre wagen, weil wir immer mehr eine individuelle Handschrift verkörpern können – eine europäische Filmidentität. Wir haben keinen Grund mehr irgendwas zu kopieren. Welche Themen dann im Vordergrund stehen, das muss jeder Regisseur und jeder Mensch selbst entscheiden. 

Sie setzen sich sehr für Nachhaltigkeit ein, betreiben mit Ihrer Frau sogar einen eigenen Youtube- und Instagram-Kanal. Haben Sie das Gefühl, dass sich in der Gesellschaft auf diesem Gebiet so langsam etwas tut? 
Ich glaube da tut sich eine Menge. Alleine in meinem Umfeld sind so viele Vegetarier geworden. Ich glaube wir können einfach nicht mehr die Augen vor der Wahrheit verschließen, dass irgendwas falsch läuft in der Verteilung der Kräfte und in der Verteilung des Reichtums. Der maßlose Konsum und die Wegwerfgesellschaft tut uns selbst und unserer Welt am Ende des Tages nicht gut. Ich bin sehr glücklich darüber, dass sich da auf so vielen Gebieten etwas tut. In manchen Ländern ist das natürlich aktuell noch schwierig. Ich komme gerade aus Indien, und da spielt das Thema Nachhaltigkeit im Vergleich zu Deutschland noch gar keine Rolle. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass es auch immer ein Zeichen von Wohlstand ist, dass wir uns über solche Themen überhaupt Gedanken machen können. 

Welchen konkreten Tipp haben Sie an alle, die ihr Leben nachhaltiger gestalten möchten – abseits vom Nahrungskonsum oder dem Minimalismus?
Ich würde bei einer Frage anfangen. Und zwar mit dem Gedanken, was mir wirklich wichtig im Leben ist und was Reichtum für mich bedeutet – unabhängig von den drei Säulen Gesundheit, Freiheit und Liebe, die vermutlich bei den meisten Menschen ganz oben stehen. Sondern wirklich eher monetäre Dinge, die man haben will. Wofür ist man bereit zu arbeiten? Geld ist nur eine Zwischenwährung für Lebenszeit. In dem Moment, indem einem klar wird, dass man nicht mit Geld, sondern mit Lebenszeit bezahlt, ändert sich bei vielen der Blickwinkel. Ich nehme an dieser Stelle die Menschen jetzt mal raus, die Geld geerbt haben und sich da vielleicht nicht so viele Gedanken darüber machen müssen. Es geht um die Menschen, die für ihr Geld, für die Dinge die sie kaufen möchte, arbeiten und somit Lebenszeit investieren. Wofür gibt man Leben aus? Und in was investiere ich meine Lebenszeit? Ich habe lange gebraucht, diese Fragen zu beantworten. Aber wenn man das geschafft hat, fällt es einem vieles leichter, weil man begreift, dass man eigentlich so viel weglassen kann, ohne dass etwas fehlt. Und plötzlich reduzieren sich Vorstellungen, wo man unbedingt noch hinmuss und Gegenstände, die man zum Leben braucht. Dann bleiben nur noch die Goldstücke. 

In einem Interview mit dem NDR sagten Sie „ich glaube, dass wir alle nicht unabhängig sind. Der Trick ist es, sich Abhängigkeiten aussuchen zu können.“ Von wem oder von was sind Sie abhängig? 
Die Frage der Abhängigkeiten kommt mit der Antwort, was ist mir im Leben wichtig ist und wovon ich abhängig sein möchte. Wenn wir jung sind, denken wir alle, dass wir unabhängig sein können, sobald wir von zuhause ausgezogen sind. (lacht) Aber diese Unabhängigkeit gibt es nicht! Es gehört zur Freiheit des Erwachsenwerdens dazu, dass man sich seine Abhängigkeiten aussuchen kann. Ich persönlich möchte gut und gesund essen, möchte mich ständig weiterbilden und die Freiheit haben zu reisen. Und nur auf der Basis von diesen drei Dingen, bilde ich meine Abhängigkeiten. Dann brauch man irgendwann auch keine 15 T-Shirts mehr, die man nicht trägt. Und man kauft auf Reisen auch immer weniger ein, weil einfach nichts so wichtig ist, dass man es haben muss. Das ist auch ein Fehldenken der Menschen. Wenn etwas „schön“ ist, müssen wir es sofort haben. Dabei kann doch auch einfach mal etwas einfach nur schön sein, ohne dass man es gleich besitzen muss. 

Eine interessante Erkenntnis. Wieso glauben Sie ist das so? 
Wir wurden in einem dualistischen Denken erzogen. Etwas ist gut oder schlecht. Ich mag etwas oder mag es nicht. Wenn ich etwas schön finde, muss ich es auch haben. Aber wenn ich etwas nicht haben mag, muss ich es doch nicht gleich schlecht finden, oder? Das haben wir an ganz vielen Stellen in unserem Leben, das wir Sachen bewerten und durch die Bewertung geraten wir in Stress. Wenn wir etwas gut finden, müssen wir auch etwas schlecht finden, sonst existiert gut nicht. Wenn wir also jemanden als erfolgreich einstufen, kommt sofort der Vergleich dazu und wir müssen auch jemanden finden, der nicht erfolgreich ist, um diese Dualität einhalten zu können. Je mehr wir uns auf diese Dualität einlassen, umso mehr vergleichen wir uns, werden unglücklicher und verlieren unseren eigenen Weg aus den Augen. Dann lassen wir uns vom äußeren Algorithmus leiten, anstatt uns auf unsere Intuition zu verlassen. 

Gibt es einen Ausweg? 
Uns muss bewusst sein, dass alles womit wir uns umgeben irgendwie Teil von uns wird. Die Orte, die Menschen, aber auch schon unser Essen. Was wir zu uns nehmen, wird Teil unseres Körpers, deshalb sollten wir auch öfters überlegen, was wir da eigentlich essen. (lacht) Ich schaue mir auch zum Beispiel keine Horror-Filme an, ich möchte nicht das so brutale Szenen in meinen Geist kommen. 

In der Serie „You are wanted“ haben Sie einen Hacker gespielt. Macht Ihnen das Internet Angst? Erlauben wir dem Staat in Sachen Privatsphäre Ihrer Ansicht nach zu viel? 
Die Suche nach einer Antwort auf diese Frage ist glaube ich mühselig. Die Art und Weise, wie das Internet aufgebaut ist, erlaubt uns diese Gedanken nicht mehr. Der Vorgang ist nicht aufzuhalten. Der ganze Apparat Internet beruht auf Überwachung – ob das jetzt vom Staat oder einzelnen Wirtschafts- oder Politikkräften ausgeht, ist am Ende des Tages dann auch egal. Ich glaube, dass die Frage, wofür man das Internet nutzt und wie man es sinnvoll für sich einsetzt, viel spannender ist. Neulich habe ich mich zum Beispiel über ein Bett informiert und dann wochenlang Bettenwerbung bekommen, sogar E-Mails mit speziellen Angeboten. Da habe ich mich schon gefragt, woher die eigentlich meine Mailadresse haben. Die holen sich einfach die Infos, ob wir wollen oder nicht. Finde ich das gut? Nein. Habe ich davor Angst? Auch nicht. Schließlich kann ich es nicht ändern. 

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