Franziska Pietsch © Sonja Werner

Wenn ich es schaffe, in einem Konzert auch nur einen Menschen zu berühren, sodass er für einen Moment innehält, dann habe ich meine Mission erfüllt.

von Laura Bähr

Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass Sie Musik mögen, die nicht gefällig ist und auch nicht ein Fan davon sind, wenn man gemütlich im Konzert sitzt. Was sollte Musik denn stattdessen Ihrer Ansicht nach schaffen?
Franziska Pietsch: Man braucht für verschiedene Situationen verschiedene Arten von Musik. Natürlich brauchen wir auch Musik, die nicht aufwühlend ist. Ich glaube aber, dass Menschen, die eine aufwühlende Geschichte haben, diese auch in ihrer Musik zum Ausdruck bringen müssen. Auch meine Vergangenheit voller Höhen und Tiefen beeinflusst ganz wesentlich meine Musik und wird somit zu einer lebendigen Stimme. Natürlich können ein Buch oder Film sehr inspirierend sein, doch Musik ist die direkteste Form der Gefühlsübermittlung, da braucht man kein Sprachrohr, um die Menschen zu berühren. Gerade in der heutigen Zeit ist es, glaube ich, enorm wichtig, die Menschen zu erreichen. Wenn ich es schaffe, in einem Konzert auch nur einen Menschen zu berühren, sodass er für einen Moment innehält, dann habe ich meine Mission erfüllt. In unserer digitalen Welt, in der sich alles immer schneller dreht und es mehr und mehr um Äußerlichkeiten geht, wird Musik wichtiger denn je. 

Was wäre denn Ihrer Ansicht nach der perfekte Gemütszustand während einem eines Konzertbesuches Konzertbesuch? 
Wenn ein interessierter Mensch in ein Konzert geht und Musik hört, kann er für einen Moment seinem Alltagswahnsinn entkommen. In diesem Augenblick konzentriert er sich ganz auf das Geschehen, je nachdem, wer spielt und was man in dem Moment spürt – häufig passieren auch Dinge im Unterbewusstsein – wenn einen die Musik richtig packt und die Seele berührt wird. Gerade Menschen, denen es schwerfällt, innezuhalten, stellen sich in dem Moment vielleicht häufig wichtige Lebensfragen wie: Bin ich glücklich? Das kann der Moment sein, der alles verändert. 

Haben Sie aktuell in der Gesellschaft das Gefühl, dass die Musik untergeht? Dass es nur noch um die optischen Komponenten geht? 
Absolut. Natürlich sind wir Menschen, die mit den Augen sehen und damit auch in erster Linie leben. Ich komme ja ursprünglich aus dem Osten, da gab es nichts zu sehen, da war nur die absolute Dunkelheit. Unsere Welt ist sehr visuell geworden, demzufolge auch einen Tick zu oberflächlich. Was wir als Künstler tun, ist und wird wichtiger denn je. Wir müssen versuchen, solche besonderen Momente zu schaffen, um zu reflektieren und Abstand von dem normalen Wahnsinn zu bekommen.

Wie sind Sie denn zur Musik gekommen, genauer noch zur Geige? 
Meine Eltern waren beide Musiker, weshalb ich natürlich schon früh mit der Musik in Kontakt kam. Überzeugt hat mich letztendlich jedoch ein Konzert in Ost-Berlin mit dem legendären russischen Geiger David Oistrach. Ich war damals gerade einmal fünf Jahre alt, aber wusste sofort, dass ich genau dieses Instrument spielen wollte. Ich war fasziniert wie schön man singen und gleichzeitig weinen kann auf einer Geige. Ich wollte Geige spielen, das sollte meine Sprache werden. 

Würden Sie sagen, dass es Kindern, die aus Musikerfamilien stammen, leichter fällt, sich an diese Sprache zu gewöhnen, oder überhaupt damit so früh in Kontakt zu kommen? 
Grundsätzlich ja. Aber wir wissen, es gibt nichts, was es nicht gibt. Es gibt auch Kinder, die so eine Begabung in sich tragen, ohne davor je mit Musik in Kontakt gekommen zu sein. 

Sie haben auch mal gesagt: Wenn man Profi werden will, muss man gerade bei der Geige bereits mit 14 Jahren komplett fertig sein. Was kommt denn danach, wenn man alles schon technisch beherrscht? Was bleibt dann beim Rest des Lebensweges für dieses Instrument?
Das ist die entscheidende Frage, gerade bei den sogenannten „Wunderkindern“, die schnell lernen und offensichtlich eine Begabung in sich tragen. Ein großes Talent ist einerseits ein Geschenk, eine Gabe. Andererseits ist es auch eine Bürde, denn von diesem Talent kommt man nie los. Man wird anders groß, man hat keine normale Kindheit, egal ob man das selbst locker oder straff sieht. Man muss in diesem jungen Alter, extrem diszipliniert sein. Man steht auf der Bühne, man muss Erwartungen erfüllen, darf sich keinen Ausrutscher leisten. Man muss sich in einem Alter für einen Lebensweg entscheiden, in dem andere noch gar nicht wissen, was sie mit ihrem Leben überhaupt anfangen sollen. Natürlich muss man sich aber parallel zur Musik auch selbst finden, damit nicht das ganze Leben von der Musik bestimmt wird. Die Technik ist natürlich die Grundvoraussetzung, um ein Instrument spielen zu können, aber man muss vor allem seine eigene Sprache darin finden. Ein Instrument ist ein bisschen vergleichbar mit dem Leistungssport, man darf nicht aufhören zu trainieren. Nur auf dieser Basis kann man eine eigene Sprache entwickeln und etwas aussagen. 

Was mussten Sie für die Musik alles zurückstellen? Wenn man schon von Kind an von dem Talent getragen wird, aber vielleicht dann auch in der eigenen Selbstfindung unterdrückt wird?
Ich habe das lange Zeit nie so empfunden, weil ich wirklich Geige spielen wollte. Es gibt natürlich viele, die ebenfalls diesen Traum haben, aber sich mit dem Üben schwertun. Wenn ich früher von der Schule nach Hause gekommen bin, habe ich nicht direkt Hausaufgaben gemacht, sondern zuerst stundenlang Geige gespielt. Man kann sich nicht wie ein normales Kind einfach verabreden, die Geige hat immer Vorrang. Irgendwann waren in meinem Umfeld dann nur noch Kinder, die etwas Ähnliches gemacht haben, denn in der DDR gab es ab der 6. Klasse Spezialschulen für Musik. Im Laufe des Lebens erlebt man natürlich Situationen, in denen man merkt, dass man doch das eine oder andere im Leben verpasst hat. Man muss sich schon sehr früh mit einer enormen Ernsthaftigkeit auseinandersetzen.

Sie hatten ab dem 14. Lebensjahr eine gezwungene Geigenpause. Wie fühlt sich das an, wenn einem der Lebensmittelpunkt entzogen und verboten wird? 
Nachdem mein Vater von einer Tournee im Westen nicht wieder zurückgekehrt war und meine Mutter einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellte hatte, veränderte sich mein Leben von einem auf den anderen Tag komplett.

Das schlimmste für mich war, zu begreifen, dass die gleichen Menschen, die noch am Vortag meine Förderer, meine Freunde waren, nun Feinde wurden. Das war ein riesiger Vertrauensverlust. Keine Geige spielen zu dürfen, bedeutete in der Praxis keine Wettbewerbe, keine öffentlichen Auftritte und keinen Unterricht mehr zu bekommen. Natürlich hätte ich zu diesem Zeitpunkt aufhören – und endlich wieder ganz Kind sein können, aber das stand nie zur Debatte. Ich habe gewusst, dass ich meinen persönlichen Weg finden muss, um mit dieser Situation klarzukommen. Es war für mich damals sehr schwierig zu erleben, dass die anderen an mir vorbeizogen und ich das Gefühl hatte immer mehr aufs Abstellgleis gestellt zu werden. Aus heutiger Sicht bin ich aber fast dankbar für diese extreme Herausforderung, weil sie mich in dem was ich tun wollte, noch mehr gefestigt hat. Letztlich war es die wichtigste Weichenstellung in meinem Leben auf dem Weg zu dem Menschen und Künstler der ich heute bin.

Was würden Sie sagen, was braucht man, um erfolgreich zu sein? 
Grundsätzlich braucht man Talent, ohne Talent funktioniert nichts. Dazu kommt eine unglaubliche Disziplin – man muss sein Leben lang an dieser einen Sache arbeiten und an seine Vision glauben. Und dann gehört auch, wie in allen Bereichen, ein Quäntchen Glück dazu. Jeder wird in irgendeiner Situation von einer Initialzündung berichten können, durch die sich etwas ergeben hat, was man vielleicht nie erwartet hätte, was dann aber eben eine Spirale, ein Karussell in Gang gesetzt hat. In Sachen Erfolg hat jeder seine eigene Geschichte. Für die Tiefe in seiner Kunst braucht man einfach ein Stück Leben. Das ist die Schwierigkeit. Große Künstler haben es geschafft, diese Balance irgendwie zu halten und in sich zu erschaffen, immer wieder. Vielleicht auch mal nein zu sagen, wenn die Konzertangebote überhandnehmen. Selbst zu erspüren, ob es vielleicht doch zu viel ist und die Qualität darunter leidet. Viele Faktoren spielen da definitiv eine Rolle. 

Gibt es große Unterschiede als Solist oder in einem Orchester zu spielen?  
Ja. Definitiv. Einem Orchestermusiker werden ganz andere Qualitäten abverlangt, es muss ein Gemeinschaftsklang entstehen. Dafür ist in erster Linie der Dirigent verantwortlich, der in seiner Interpretation darstellt, wie er sich etwas vorstellt. Bei mir als Solistin wird jeder Ton gehört. Man braucht die Nerven, die Technik und die Bühnenpräsenz. Man muss ein Charakter dafür sein. Orchestermusiker sind eher Gemeinschaftsmenschen, die glücklich sind, wenn sie in einer Gruppe harmonieren.

Sie werden von der Branche ja immer wieder als Ausnahmetalent bezeichnet. Mögen Sie denn diese Bezeichnung selbst gerne?
Nein. Ich persönlich würde das natürlich nicht so formulieren. Das, was ich selbst mache, empfinde ich nicht als etwas Besonderes.  Dennoch, vielleicht animieren solche Geschichten ja andere Menschen, mit dem Geigenspiel anzufangen. Aber es freut mich natürlich, in der Welt als Talent wahrgenommen zu werden. Andererseits habe ich mittlerweile gelernt, dass es in unserer medialen Welt viel Schall und Rauch gibt und man auch die Chance haben muss, als Ausnahmetalent sein Können zeigen zu dürfen.

Sie haben ja auch schon in vielen großen Musikhäusern gespielt. Ich habe immer den Eindruck, dass die Häuser wie die Elbphilharmonie in Hamburg auch mit Architektur und ihrem Ambiente im Fokus stehen und man das Konzert, dass in diesen Räumen stattfindet, so ein bisschen aus den Augen verliert. 
Natürlich ist die Elbphilharmonie ein architektonisch sensationeller Bau der allein deswegen schon einen Publikumsmagneten darstellt. Doch glaube ich, dass nach dem Hype in den ersten paar Jahren, das Publikum zunehmend wegen der Musik in die Elbphilharmonie kommt. 

Fühlen Sie sich in bestimmten Musikhäusern wohler als in anderen?
Ja, aber ich kann es gar nicht richtig erklären. Je größer ein Haus, desto anonymer wird es und ich persönlich finde, dass die schönsten und nachhaltigsten Erlebnisse oft eher in kleineren Sälen stattfinden. Dennoch gehört es zu den schönsten Aufgaben, vielleicht auch Missionen, eines Musikers, seine Botschaft unabhängig von der Größe des Raumes und des Publikums rüber zu bringen 

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