Pinar Atalay
Pinar Atalay © RTL / Morris Mac Matzen 

Die Demokratie ist aktuell herausgefordert.

von Laura Bähr

Frau Atalay, Ihnen sehen jeden Abend bei den Nachrichten Millionen Menschen zu. Gibt es Momente, in denen Sie sich manchmal nicht gewachsen fühlen, so viele Menschen mit Ihrem Format zu erreichen? 
Pinar Atalay: Das Nachrichtenbedürfnis der Menschen ist in diesen Zeiten besonders hoch, und dem werden wir bei RTL direkt und RTL aktuell tagtäglich gerecht. Ich stehe da als Moderatorin an vorderster Stelle, ich werde nach einem intensiven Tag in der Redaktion zum Gesicht der Sendung, am Ende ist es Teamwork und wir geben immer unser Bestes.

Sie gelten als News-Junkie. Lesen Sie lieber klassisch die Zeitung, sind auf Websites unterwegs oder nutzen Sie die App-Angebote bekannter Nachrichtensender? Warum?
Pinar Atalay: Ich lese so ziemlich alles auf Papier, auf meinem Smartphone oder auf dem Computermonitor. Es vereint sich ja alles. Die klassischen Zeitungen sind für mich nicht wegzudenken, aber auch online sind diese ja so wie die RTL und ntv News auch jederzeit abrufbar. 

„Das Nachrichtenbedürfnis der Menschen ist in diesen Zeiten besonders hoch.“

Sie sagten in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, Sie seien “halbe Expertin für alles”. Eine Notwendigkeit in der heutigen Zeit oder gefährliches Multitasking? 
Pinar Atalay: Ich sehe mich als Journalistin immer in der Rolle der Fragenden, der Neugierigen. Als jene, die jeden Tag in verschiedene Welten eintaucht und diese dann abends ihren Zuschauer:innen präsentiert. Ich komme in ihr Wohnzimmer und nehme sie dann mit, ob ich mit Bundeskanzler Scholz spreche oder dem Lungenarzt Cihan Celik, ich will einen Mehrwert für alle die, die zuschauen erreichen. Im aktuellen Nachrichtenbusiness, aber auch bei Talksendungen, die ich moderiere, muss ich mich schnell in verschiedene Themen einarbeiten, ich muss sie durchdringen, das heisst aber nicht, dass ich tatsächlich Expertin für alles bin.

Sie befassen sich – so macht es den Eindruck – 24 Stunden am Tag mit Politik. Wie schafft man es als Journalistin dem Thema nicht überdrüssig zu werden? 
Pinar Atalay: Wir leben in besonders herausfordernden Zeiten, vieles ändert sich teils rasant. Für eine Journalistin sind es besonders spannende Zeiten und ich bin dankbar, dass ich in verschiedenen Sendungen Politik beleuchten und hinterfragen kann. So wie im ersten Kanzler- Triell bei RTL, die eine der wichtigsten Sendungen ist, die man in einem Wahljahr moderieren kann.

„Im aktuellen Nachrichtenbusiness aber auch bei Talksendungen die ich moderiere, muss ich mich schnell in verschiedene Themen einarbeiten, ich muss sie durchdringen, das heisst aber nicht, dass ich tatsächlich Expertin für alles bin.“

Was bereitet Ihnen, mit Blick auf die Gesellschaft, aktuell Sorge? 
Pinar Atalay: Die Pandemie macht uns allen zu schaffen, es sind anstrengende Jahre, für jeden und jede einzelne. Aber auch für uns Journalist:innen, die wir teils angegriffen werden aufgrund unserer Corona-Berichterstattung. Die Demokratie insgesamt ist herausgefordert.

Hat sich die Art, wie man die wichtigen Themen aufbereiten muss, damit sie in den vollen Köpfen der Menschen hängen bleiben, geändert, seit Sie mit 19 Jahren Ihre Karriere beim Radio gestartet haben?
Pinar Atalay: Das Nachrichtengeschäft ist schneller und diverser geworden, die Sozialen Medien gab es, als ich als Volontärin beim Radio begann, noch nicht. Ich besinne mich immer auf das gute, alte Handwerk des Journalismus, das bleibt.

Aktuell, so Persönlichkeitstrainer Christian Bischoff in einem Interview mit uns, herrscht das Zeitalter der „Darstellung“ und „Selbstinszenierung“. Viele Jugendliche definieren sich in erster Linie über ihr Äußeres und ihre Besitztümer… Wie kann Wissen wieder attraktiv werden?
Pinar Atalay: Da sind wir wieder bei den Sozialen Medien, dort findet jeder und jede eine Plattform, was ja auch viel gutes hat. Und ich sehe auch, dass junge Leute ebenso zunehmend seriöse Informationen wollen und sich diese bei uns abholen. Unser RTL-Wahl-Triell haben besonders viele junge Menschen gesehen. 

„Ich besinne mich immer auf das gute, alte Handwerk des Journalismus, das bleibt.“

Inwieweit hat sich Ihr Arbeitsalltag als Journalistin verändert, seid Sie von der ARD zu RTL gewechselt sind? 
Pinar Atalay: Es hat sich wenig geändert, ich sende ja sogar mit RTL direkt zur gleichen Uhrzeit wie früher. Jetzt aus Berlin, das hat den Vorteil, dass wir viele Gäste direkt im Studio haben und sie nicht zuschalten müssen. Den SPD-Chef Lars Klingbeil beispielsweise, der nach der News, dass er das Amt antreten will gleich abends live bei uns im Studio stand. Oder Bundeskanzler Scholz, der am Tag seines Amtsantritts zum Interview bei mir war.

Was halten Sie von der stetig anhaltenden Debatte zwischen den privaten und den öffentlich-rechtlichen Sendern? 
Pinar Atalay: Je mehr Nachrichten, desto besser. Und ich kann es als Journalistin und News-Anchor nur begrüßen, dass RTL als Privatsender weiter in den News-Bereich investiert. 

Wann sind Sie nach einer Nachrichtensendung mit sich und Ihrer Leistung zufrieden? 
Pinar Atalay: Ich gehe immer kritisch mit mir und der Sendung um, nur so verbessert man sich. Und in erster Linie sollen die Zuschauerinnen und Zuschauer sich gut informiert fühlen.

„Je mehr Nachrichten, desto besser.“

Wünschen Sie sich manchmal einfach „nur“ Redakteurin zu sein und Journalismus zu machen, ohne seine Recherchen direkt mit seinem Konterfei zu verbinden oder möchte man das offensichtliche „Copyright“ der eigenen Arbeit irgendwann gar nicht mehr abgeben? 
Pinar Atalay: Als erste Journalistin von RTL bin ich sowohl Redakteurin als auch Moderatorin, ich bin Journalistin und Anchor. Und das ist gut so.

Sie sind Mutter einer vierjährigen Tochter. Wenn Sie die Wahl hätten, welche Nachrichten möchten Sie für die Zukunft Ihres Kindes für immer streichen? 
Pinar Atalay: Pandemie.

„Ich gehe immer kritisch mit mir und der Sendung um, nur so verbessert man sich. Und in erster Linie sollen die Zuschauerinnen und Zuschauer sich gut informiert fühlen.“

In Ihrem neuen Buch „Schwimmen muss man selbst“ erzählen Sie von Ihrem Werdegang und Chancengleichheit. Was war Ihr „Freischwimm-Moment“? Welche Werte möchten Sie Ihrer Tochter mit auf den Weg geben?
Pinar Atalay: Mir geht es in meinem Buch darum, zu zeigen, dass jeder und jede die gleichen Chancen bekommen sollte. Unabhängig vom sozialen Hintergrund, einer möglichen Migrationsgeschichte oder dem Bildungsstatus im Elternhaus. Und man soll etwas daraus machen können, also selbst schwimmen. Ich habe mit vielen bekannten Persönlichkeiten für das Buch gesprochen, der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, die im Osten groß geworden ist. Mit der Schauspielerin Sibel Kekilli, die einen steinigen Weg hinter sich hat und auch der First Lady, Elke Büdenbender. Sie alle machen Mut und zeigen aber auch Probleme unserer Gesellschaft auf.

Worin besteht für Sie der Sinn des Lebens? 
Pinar Atalay: Eine große Frage, mit einer kurzen Antwort, die sich auf die schwere Zeit beziehen soll, in der wir leben: gesund bleiben.

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