JORIS © 1. Chris Heidrich 2. Paul Hüttemann

Joris: Das Streben nach Perfektion ist in der Kunstwelt gefährlich, denn in dem Moment, in dem man sie erreicht, verliert man die Magie. 

von Laura Bähr

Joris, du sagst „ich merke, dass ich auch als Erwachsener oft an den Punkt komme, wo ich viel zu wenig träume.“ Was ist aktuell dein größter Traum? 
Joris: Das ist jetzt vermutlich ein bisschen klischeebehaftet für einen Musiker (lacht), aber mein größter Traum ist es, dass ich wieder auf großen Bühnen stehen und große Häuser füllen darf. Dass wir wieder zu dieser kulturellen Vielfalt gelangen, diesem diversen Feld, in dem alle auf ihre Kosten kommen können. Ich wünsche mir Festivals und Club-Touren zurück, bei denen man eng an eng und ohne andere zu gefährden, gemeinsam das Leben feiern kann. 

In der Flut an Musik und Künstlern ist es heute schwer, etwas „ganz neues“ zu schaffen. Hast du den Anspruch, mit deiner Musik etwas Neues zu schaffen oder was möchtest du mit deinen Songs erreichen?
Joris: Ich glaube, es gab schon immer viele Menschen, die Musik gemacht haben, aber vermutlich sehen wir heute mehr davon, weil durch das Internet und die sozialen Medien die Möglichkeiten auf sich aufmerksam zu machen, einfach viel größer geworden sind. Durch Streamingdienste, die wenig bis gar nicht filtern, wie es vielleicht früher der Fall war, kommt erst mal alles auf den Markt. Früher war das anders, da kamen nur wenige Platten raus, weil allein schon die Produktion mit hohen Kosten verbunden war und nicht jede*r Künstler*in sich diese Investition leisten konnte.

„Ich glaube, es gab schon immer viele Menschen, die Musik gemacht haben, aber vermutlich sehen wir heute mehr davon, weil durch das Internet und die sozialen Medien die Möglichkeiten auf sich aufmerksam zu machen, einfach viel größer geworden sind.“

Nichtsdestotrotz ist es für mich gerade in der aktuellen Zeit wichtiger denn je, das zu machen, worauf ich Lust habe. Da beißt sich die Katze aber auch direkt in den Schwanz (lacht). Es gibt natürlich das Künstlerherz in mir, was den Anspruch hat, etwas ganz Neues zu erschaffen. Bei meiner zweiten Platte „Schrei es raus“, waren wir 1,5 Jahre in einem großen Studio und haben alles Geld, was wir mit der ersten Platte verdient hatten, rausgehauen, um krampfhaft zu versuchen, alles anders zu machen als bei der ersten Platte. Wenn man aber mit dem roten Stift des Anspruchs in jeden Song reingeht, dann macht man viel kaputt, was Musik ausmacht. Nämlich eine Intuition und die Möglichkeit Dinge so zu präsentieren, wie man sie gerade fühlt. Und nicht selten sind die einfachsten Songs, die vielleicht nicht die Welt neu erfinden, die besten. 

„Nicht selten sind die einfachsten Songs, die vielleicht nicht die Welt neu erfinden, die besten.“

Dein Hit „Herz über Kopf“ verhalf dir 2015 zum großen Durchbruch. Was empfindest du, wenn du den Song heute hörst oder spielst?
Joris: Es gab auf jeden Fall eine Phase, wo ich den Song ein bisschen „über“ hatte (lacht). Wenn heute gefragt wird wer ist Joris, weiß das vielleicht jeder 20. Wenn man fragt, wer hat „Herz über Kopf“ geschrieben, dann sind es auf einmal wesentlich mehr, die meinen Namen kennen. Das ist ein Riesenglück für mich, weil ich mich gerne frei bewege.

Ich bin irgendwann zu dem Entschluss gekommen, dass es eigentlich ein großes Privileg ist, dass die Leute meine Musik kennen, ich mich aber gleichzeitig auf den Straßen noch relativ frei bewegen kann und nicht wie ein Schauspieler ständig angesprochen werde. „Herz über Kopf“ war der Türöffner für alles und ich bin natürlich sehr glücklich, dass ich diesen Song habe. Gleichzeitig habe ich aber natürlich auch immer das Gefühl, dass ich wesentlich mehr zu erzählen habe als in diesem einen Song. 

Du sagtest mal, „ich habe das Gefühl, ein Bühnenjahr entspricht ungefähr einem Katzenjahr.“ Fehlt dir dieses schnelle Leben oder konntest du der erzwungenen Corona-Pause für dein Leben auch etwas Positives abgewinnen?
Joris: Die Zeit hat mir als Mensch gutgetan. Dadurch habe ich die Zeit bekommen, vieles zu reflektieren. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich nicht in dem Trott, direkt daran zu denken, was als Nächstes kommt. Stattdessen habe ich einmal zurückgeschaut und erkannt, was ich eigentlich in den letzten Jahren alles erleben durfte und wie viele tolle Menschen man um sich hat. Die Zeit hat meine Sinne geschärft, aber gleichzeitig aber auch meine Lust gesteigert, dass es bald wieder losgeht.

„Wenn heute gefragt wird wer ist Joris, weiß das vielleicht jeder 20. Wenn man fragt, wer hat „Herz über Kopf“ geschrieben, dann sind es auf einmal wesentlich mehr, die meinen Namen kennen.“

Nimmst du Musik anders wahr, seitdem du dein Geld damit verdienst? 
Joris: Ich glaube, dass wir Menschen an sich Musik in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedlich wahrnehmen. Ich habe das Gefühl, dass die meisten Leute, die ich kenne, Musik am intensivsten in ihrer Jugend wahrgenommen haben. Jeder und jede von uns hat Platten, die man immer gerne hört, die kommen aber verdächtig oft aus dieser Zeit (lacht).

Dadurch, dass ich schon immer Musik gemacht habe, ist bei mir diese Krankheit schon lang da, dass man nicht mal nur hören kann, sondern immer darüber nachdenkt, wie das jetzt gespielt und aufgenommen wurde. Das ich mal nicht darüber nachdenke, welche Ideen hinter den Zeilen oder den Melodien stecken, habe ich sehr selten und wenn, dann sind es sehr gute Livekonzerte. Aber darum geht es bei guter Musik im Grunde ja auch, in dem Moment über nichts anderes nachzudenken. 

Wie schafft man es heute in der Flut an Musik Aufmerksamkeit für seine Songs zu generieren? Ist das Marketing mittlerweile wichtiger als der Inhalt und die Stimme?
Joris: Es kommt darauf an, was man will. Künstlerisch würde ich sagen nein. Wenn es darum geht, die Musik auch hörbar zu machen und in dem großen Ozean aufzufallen, dann ja. Und das macht es auch so schwierig. In den ganzen Musik-Formaten steckt sehr viel Kurzweiligkeit drin. Deshalb ist vermutlich auch Hip Hop aktuell so erfolgreich, weil die Medien, in denen Musik stattfindet, sehr auf Social Media und Streamingdienste fokussiert sind. Es gibt kaum noch klassische Musiksendungen, die im TV ausgestrahlt werden. Wenn man also erfolgreich Musik machen will und bekannt werden möchte, dann ist Marketing vermutlich mittlerweile mindestens genauso wichtig, ja. 

„Ich habe das Gefühl, dass die meisten Leute, die ich kenne, Musik am intensivsten in ihrer Jugend wahrgenommen haben.“

Der Schauspieler Max von Thun sagte in einem Interview mit uns: „Kreativität muss nicht immer etwas sein, was man mit nach Hause nimmt und daran Geld verdient. Das ist ein Trugschluss der heutigen Gesellschaft.“ Fühlst du dich manchmal unter Druck gesetzt, eine gute Melodie im Kopf oder einen guten Text direkt in einen Song umzusetzen? 
Joris: Es wäre nur eine halbehrliche Antwort, wenn ich sagen würde, Nein. Teils teils würde ich sagen. Andererseits habe ich mir bei meinen letzten Alben rund 3,5 Jahre Zeit genommen, was überdurchschnittlich lange ist. Aber natürlich gibt es ein paar Faktoren, die dafürsprechen, dass man heute nicht mehr ganz so lange warten sollte. Es wird so wahnsinnig viel Musik veröffentlicht, dass man schnell in Vergessenheit gerät. Deshalb sollte man vermutlich seine Zeit und seinen „Run“ ausnutzen.

Was muss ein guter Musiker von heute deiner Ansicht nach mitbringen? Geht es in erster Linie um Talent, muss man den Puls der Zeit treffen oder braucht es einfach nur die richtigen Kontakte? 
Joris: Wenn es eine Formel gäbe, würden wir vermutlich alle versuchen, nach ihr zu leben. Ich glaube, als Musiker*in muss man in irgendeiner Art und Weise herausstechen. Ob es eine besondere Stimme, eine andere Art von Musik oder ein spezieller Look ist. Wenn ich einen Tipp geben müsste, würde ich sagen, man sollte unbedingt man selbst bleiben, denn alle anderen Versuche werden irgendwann scheitern. 

„Es wird so wahnsinnig viel Musik veröffentlicht, dass man schnell in Vergessenheit gerät.“

Als Künstler muss man sich heutzutage in den sozialen Medien inszenieren. Siehst du diese Möglichkeit als Chance oder Gefahr für deine Branche? 
Joris: Sowohl als auch. In erster Linie finde ich es sehr positiv, dass alle mit ihrer Musik gesehen werden. Es war, glaube ich, eine ganze lange Zeit so, dass alte weiße Männer darüber bestimmt haben, wie die Musikbranche aussieht und wer die Chance bekommt, sich zu beweisen. Und nur ganz selten ist dann irgendetwas rausgekommen wie eine Künstlerin wie Billie Eilish, mit der niemand gerechnet hätte. Andererseits wird die Aufmerksamkeitsspanne auf diesen Formaten immer kürzer. Es geht mehr und mehr darum, möglichst schrill und möglichst plakativ Dinge anzusprechen. Es geht heute weniger um die Kunst als um Aufmerksamkeit. 

Tom Beck sagte in einem Interview mit uns: „Jeder Künstler könnte an jedem Album bis ans Ende seines Lebens weiterarbeiten. Das ist die Hürde der Kreativen.“ Wie schaffst du es ein Song oder sogar ein Album zu Ende zu bringen und dann zu sagen „das ist gut, das lassen wir jetzt so“? 
Joris: So einen richtigen Weg habe ich da auch noch nicht gefunden. Ich vertraue mehr und mehr darauf Momente im Studio und in der Schreibphase mitzunehmen. Dass ich etwas schreibe und 50-mal drüber höre, bis es mir nicht mehr gefällt, um dann festzustellen, dass es kein guter Song ist, das habe ich mittlerweile ablegen können.

Trotzdem drehe und wende ich Dinge immer noch zu oft, dass sie rund anstatt kantig werden. Ich glaube immer mehr, dass ein gutes Album auch von besonderen Momentaufnahmen lebt. Das immer „besser werden wollen“, macht das Musikmachen natürlich spannend und treibt einen als Künstler an. Aber das Streben nach Perfektion ist in der Kunstwelt gefährlich, denn in dem Moment, in dem man sie erreicht, verliert man die Magie. 

„Es geht heute weniger um die Kunst als um Aufmerksamkeit.“

Du giltst als detailverliebt und akribisch und trotzdem gibt es im neuen Album Tracks, die mit Handyaufnehmen bestückt sind. Wird man im Laufe seiner Karriere lockerer in Sachen Albumgestaltung?
Joris: Das ist genau das, was ich gerade meinte. Beim zweiten Album hatte ich mit meinem besten Freund nachts in unserer WG in der Küche Songs aufgenommen, super intuitiv und aus dem Bauch heraus. Und dann sind wir ins Studio gegangen und haben versucht, diesen Sound analog einzuspielen. Das hat natürlich nicht funktioniert und man hat die Magie verloren. Vor lauter Rauskitzeln der letzten 5 % Sound war es einfach nicht mehr diese Stimmung, die alles besonders gemacht hat. Aus diesen Fehlern haben wir im neuen Album gelernt und auch Aufnahmen aus dem Tourbus mitgenommen. Authentisch, ehrlich und voller Magie. 

In einem Interview meintest du mal, „Das gemeinsame Musikmachen bringt uns meiner Meinung nach auch als Gesellschaft insgesamt zusammen.“ Hat das Fehlen von Kunst und Kultur die Menschen im letzten schwierigen Jahr weiter voneinander entfernt?
Joris: Ich würde nicht sagen, dass wir uns entfernt haben, aber wir hatten die Musik auch nicht als einende Kraft. Ich glaube, dass wir in der jetzigen Zeit vor allem mit unseren Unterschieden konfrontiert wurden und auch die Faktenresistenz der Zeit ihr Übriges tut. Es wird immer schwierig miteinander im Dialog zu bleiben, weil man irgendwann nur noch Irrsinniges diskutiert.

Es fehlen Kulturveranstaltungen wie Festivals, wo man gemeinsam im Matsch die Musik feiert. Das schweißt zusammen. Ich bin nach einem Konzert, einem guten Film oder Buch mindestens noch zwei Wochen wie beseelt. Dieses Gefühl gibt einem solch eine innere Zufriedenheit und macht auch eher auf die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede aufmerksam. Das hat in den letzten zwei Jahren gefehlt und zu einer Art Isolation geführt. 

„Es wird immer schwierig miteinander im Dialog zu bleiben, weil man irgendwann nur noch Irrsinniges diskutiert.“

Für viele muss Musik heute ständig verfügbar und am besten kostenlos sein. Wie sieht die Zukunft der Musikbranche deiner Ansicht nach aus?
Joris: Ich glaube, es wird für die Musiker*innen immer schwieriger. Aber ich bin Optimist und vertraue darauf, dass genug Menschen erkennen, dass die Verteilung gerade nicht gerecht ist, um langfristig neue Musik zu fördern und Kunst und Kultur zu bewahren. Wenn es nur darum geht, möglichst hohe Zahlen zu erreichen, mit Streams zum Beispiel, dann stellt sich irgendwann ein algorithmisches Schreiben ein und es wird nur noch für bestimmte Bedürfnisse geschrieben.

So werden ja schon Filme gedreht, die bestimmte Dinge triggern, von denen man weiß, dass sie gut angekommen. Aber wer sich solche Filme schon mal angesehen hat, merkt schnell, dass den meisten irgendwie die Seele fehlt. Ich hoffe, dass da ein Umdenken stattfindet und die Streamingdienste erkennen, wie wichtig eine faire Verteilung ist und es nicht nur darum gehen darf, wer die meisten Streams bekommt.

Du bist dafür bekannt, immer Kopfhörer dabei zu haben. Was macht einen guten Kopfhörer aus? 
Joris: Das kommt darauf an, was man will (lacht). Ich war früher nie ein großer Fan von den Noise Cancelling-Kopfhörern, aber wenn man viel reist, verändert es alles, weil man sich für bestimmte Momente wirklich aus der Welt beamen kann. Meine Kopfhörer müssen auch immer groß sein und aufs Ohr kommen. Kopfhörer im Ohr kann ich gar nicht leiden. Und das Wichtigste: Sie müssen sich auf den Ohren gut anfühlen. 

Musik-Tipp: Das Deluxe-Album „Willkommen Goodbye“ von JORIS kommt am 12.11.21.

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