Jürgen Maurer © Heike Blenk

Jürgen Maurer: Ich verstehe nicht, wie eine Gesellschaft, der es an nichts fehlt, so egoistisch sein kann.

Herr Maurer, in der Serie „Vienna Blood“ spielen Sie den Kommissar Oskar Reinhardt. Wie können Sie sich die Faszination von Krimis – nach wie vor – erklären? 
Jürgen Maurer: Da müssen wir vermutlich bei „Kain und Abel“ anfangen (lacht). Das Buch der Bücher fängt ja so an. Das ist der Stoff, aus dem die Geschichten sind. In einem hochtechnisierten Zeitalter sehnen wir uns vermutlich nach wie vor nach den Geschichten, in denen meist schnell erkennbar ist, was Gut und Böse ist. Und, dass es der einzig richtige Weg ist, das Böse zu besiegen. 

Sie sind seit 30 Jahren eine fixe Größe im österreichischen Schauspiel. Was braucht es, um in der Branche nachhaltig Fuß zu fassen?
Ehrlich gesagt frage ich mich das manchmal selbst, wenn ich in meiner Vita zurückschaue. Ich glaube Talent und Glück sind die zwei großen Komponenten. Bei mir hat es einfach funktioniert. Was mir auch sehr geholfen hat in der Branche ist, dass ich mir keine Sorgen gemacht habe. Ich war immer sehr unbekümmert und vielleicht macht einen das bekömmlich für die Umgebung. Dadurch, dass ich mich früh für den Beruf entschieden und dann nach meinem ersten Engagement immer wieder neue Chancen bekommen habe, die ich auch ergreifen konnte. Ich bin sehr glücklich.

Die Eigenleistung eines Schauspielers am Set variiert häufig abhängig vom Regisseur. Sehen Sie sich eher als Dienstleister oder als Künstler?
Man würde sich natürlich schon gerne als Künstler empfinden (lacht). Für das endgültige Produkt, den Film, ist man als Schauspieler allerdings nur in geringem Maß verantwortlich. Ganz anders als beim Theater, wo der Prozess des Erarbeitens und des Probens und der direkte Kontakt zum Publikum ein viel essenziellerer ist. Da hat man einen ganz anderen Anteil am Gelingen so eines Abends. In Sachen Text lernen und Skript wiedergeben, fühle mich aber durchaus als Dienstleister. Wie erzählt man eigentlich eine Geschichte vor der Kamera? Mir liegt die Begrifflichkeit vom Handwerk an dieser Stelle auch näher als die vom Elfenbeinturm. Ich bin ein Mensch, der gerne an den Dingen arbeitet.

Sie gelten in der Branche als Meister der Mimik und Gestik. Wie wichtig sind solche Zwischentöne im Schauspiel? 
Denken hat noch nie geschadet, auch nicht beim Filmedrehen. Man hat einen Charakter darzustellen und hat die Aufgabe dahinterzukommen, was denkt dieser Mensch. Vor allem, wenn er nicht spricht. Und dann denkt man das im Idealfall vor der Kamera. Was dann dazu führt, dass man die Figur wirklich real spielen kann und ein Publikum einem abkauft, dass man diese Person in dem Moment ganz durchdrungen hat. 

Sie sagten mal in einem Interview „übersteuerte Eitelkeit deformiere den Charakter“. In aller Zeit voller Selbstdarsteller und Influencer, in der das Visuelle immer noch wichtiger zu werden scheint, wirft das kein gutes Bild auf unsere Gesellschaft, oder?
Ja und ich habe ein entsetzliches Problem mit dieser Inhaltslosigkeit. Selbst das Wort Image finde ich schrecklich und das scheint ja in der heutigen Zeit das wichtigste Gut überhaupt zu sein. Und daraus entstehen dann viele dumme Taten, die meist in narzisstischen Motiven fußen. Was mir die meisten Sorgen bereitet ist allerdings der Einfluss dieser visuellen Reize auf die Kinder und die Jugend, die dann plötzlich ein perfektes Bild über alles stellen. Natürlich ist der Schauspieler per se eitel, schließlich sagen wir quasi die ganze Zeit „schaut mir zu, ich kann euch zeigen, wie dies oder das ist oder wie diese Rolle funktioniert“. Trotzdem sind mir die Kollegen am liebsten, die auch spielen können, ohne ständig im Hinterkopf zu haben, ob gerade ihre Schokoladenseite in der Kamera zu sehen ist. 

Als Schauspieler ist ihr Äußeres ihr wichtigstes Instrument. Ist es folglich Teil ihres Jobs, auf Ihre Figur und Ihre Erscheinung zu achten?
Ich bin im Gegensatz zu einigen Kollegen kein großer Gestaltwandler. Es gibt bei mir eitelkeitsbedingt auch eine gewisse Gewichtsgrenze, die ich ungern überschreite (lacht). Wenn ich mich in einem Film sehe, denke ich von Zeit zu Zeit, ich sollte mal wieder ein paar Kilo abnehmen. Grundsätzlich versuche ich natürlich fit zu bleiben, auch um der Arbeit willen, aber in erster Linie für mich selbst. Ich glaube da an den Rat der Römer, die sagen, ein gesunder Körper fördert einen gesunden Geist. Aber ich kasteie mich nicht für eine Rolle, wenn sie es nicht erfordert, dafür bin ich ein viel zu großer Genussmensch. 

Sie sagten außerdem, „sie seien keiner, der seine Persönlichkeit mit Textilien nach außen hin verlängert. Was ist ihr Ventil? 
Ich drücke meine Gedanken und Gefühle gerne über grafisches Arbeiten aus. Ansonsten versuche ich meine Persönlichkeit nicht über Dinge oder Fähigkeiten nach außen zu tragen, sondern über das, was ich zu sagen habe, meine Meinung, Haltung und meine Einstellungen zu bestimmten Themen. 

Der Schauspieler Max von Thun sagte uns in einem Interview: „Kreativität muss nicht immer etwas sein, was man mit nach Hause nimmt oder daran Geld verdient. Das ist ein Trugschluss der heutigen Gesellschaft.“ Wie sehen Sie das?
Da hat er recht und das finde ich sehr erschreckend. Ich versuche mich so gut es geht davon loszumachen und habe mir in unserem Haus im Souterrain ein kleines Atelier eingerichtet, wo ich male. Dabei geht es mir nie um das Ergebnis oder darum dass meine Arbeit irgendjemand zu Gesicht bekommt, sondern einfach nur um den Prozess des Kreativseins und des Schaffens. Es geht dabei ganz grundsätzlich um die Beschäftigung an sich und ich glaube das haben wir heute verlernt. Etwas einfach zu tun, ohne es groß zu hinterfragen und das Ergebnis auf irgendeine Weise präsentieren zu wollen. 

In der Serie „Vienna Blood“ wird immer wieder auf die Sprache der Direktheit verwiesen. Wenn Sie alle Vorsicht und Höflichkeit beiseitelegen könnten, was würden Sie der Gesellschaft von heute gerne einmal direkt sagen? 
Ehrlich gesagt, würde ich die meisten Menschen am liebsten fragen: Was ist los mit euch? Man ärgert sich in letzter Zeit so wahnsinnig viel und regt sich auch extrem auf. Ich möchte den Menschen an dieser Stelle zu mehr Vernunft raten. Es gab mal so eine Bewegung, die hieß Aufklärung, ich habe das Gefühl, davon haben wir heute alle relevanten Ergebnisse vergessen und verloren. In erster Linie brauchen wir heute Vernunft und Empathie! Ich verstehe einfach nicht, wie sich eine so fortschrittliche Gesellschaft, in der wir leben, so entsolidarisieren kann. Ich verstehe nicht, wie eine Gesellschaft, der es an nichts fehlt, so egoistisch sein kann. Man muss sich schämen für die Menschen, die einen aktuell in der Weltpolitik vertreten. Und dann schämt man sich noch mehr, wenn man merkt, dass ein Großteil der Gesellschaft hinter diesen Menschen und Werten steht. Etwas anderes als Fassungslosigkeit gibt es für mich da nicht. 

Wie haben Sie privat und beruflich die letzten Corona-Monate wahrgenommen?
Für mich war das eine sehr entschleunigte Zeit, die ich genossen habe. Natürlich sind es gesundheitlich und politisch schwierige Zeiten – jedoch hatten wir das Glück finanziell so sicher aufgestellt zu sein, dass wir uns keine Sorgen machen mussten und die ungewohnt freie Zeit für uns nutzen konnten. Die Zeit hat in mir zum Beispiel ein neues Triebwerk ausgelöst und ich bin auf einmal wieder laufen gegangen und hatte plötzlich den Drang mich zu bewegen. Das möchte ich beibehalten.

Sie haben jahrelang am Theater gespielt. Haben Sie Angst vor einer Zeit ohne Kunst und Theater wie wir es bisher kennen? Wie würde solch ein Fehlen unsere Gesellschaft verändern? 
Wer Kultur abbaut, bereitet Kriege vor. Das wusste schon Erich Mühsam. Es wird keine Zeit ohne Kunst und Kultur geben, davon bin ich überzeugt. Genauso wenig, wie das Theater kaputtgeht. Das tut es seit über 100 Jahren nicht. Kunst und Kultur sind ein Grundbedürfnis der Menschen und absolut systemrelevant. Das ist das, was den Menschen ausmacht und von den Tieren unterscheidet. Die Aufgabe der Politik ist es unter anderem, kulturelles Leben auch in schwierigen Zeiten möglich zu machen, weil: Den Kasperl kann man nicht derschlagen, wie man bei uns in Österreich sagt, aber verhungern lassen soll man ihn auch auf keinen Fall!

Motorrad fahren gilt als eines Ihrer größten Hobbies, eine sinnliche, selbstvergessene Angelegenheit. Warum?
Die Konzentration auf die Straße und das Beherrschen des Körpers in beschleunigter Bewegung versetzt mich in einen Zustand hoher innerer Fokussiertheit. Dabei entschleunigt sich paradoxerweise das Denken und kommt in einen schönen, ruhigen Fluss. Abgesehen davon, dass man dabei auch noch herumkommt, um die Welt auf sehr direkte Art kennenzulernen. Ich mag das seit nunmehr über dreißig Jahren, das ändert sich auch nicht mehr…

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