Jutta Allmendinger © WZB/David Ausserhofer

Wir müssen den Menschen klar machen, dass sie Fähigkeiten haben, sich entwickeln zu können.

von Laura Bähr

Frau Allmendinger, was macht Sie aktuell wütend? 
Jutta Allmendinger: Ich bin richtig wütend, dass die chinesische Regierung klare Hinweise auf das Coronavirus unterdrückt hat. Damit wurde der Welt wertvolle Zeit gestohlen. Was mich noch sehr aufbringt: Die Wiederzulassung von Landminen. Diese Entscheidung Donald Trumps ist ein schwerer Schlag für alle internationalen Bemühungen, diese heimtückischen Waffen ein für alle Mal zu verbannen.

Sie haben bereits in jungen Jahren eine schwere Krankheit überlebt. Wie prägt einen eine solche Erfahrung sein restliches Leben?
Jutta Allmendinger: Carpe diem

Sie sind immer wieder für politische Posten gehandelt worden. Würden Sie sich in der Politik wohlfühlen? 
Jutta Allmendinger: Klar. Im Team mit gemeinsamen Zielvorstellungen und ohne Animositäten. Seite an Seite für eine gerechtere Gesellschaft werben und hart arbeiten.

Was werfen Sie den Politikern von heute vor?
Jutta Allmendinger: Vorwürfe stehen mir nicht zu. Kritik kann man dennoch üben: Viele Ansätze sind zu kleinteilig, die langen Linien fehlen, die Verzahnungen, die Visionen. Es braucht mehr Koordination zwischen den einzelnen Politikbereichen und den Mut für große Würfe. Nehmen Sie als Beispiel das Thema Wohnungsarmut: Es gibt nicht genügend bezahlbaren Wohnraum. Inzwischen ist die Sorge, nicht mehr ausreichend Geld für die Miete zu haben, in der Mittelschicht angekommen. Die Zahl der Wohnungslosen, die einer geregelten Arbeit nachgehen, steigt. Der Blick in die USA zeigt uns, welche Zustände auch in Deutschland drohen könnten. Damit das nicht passiert, müssen beispielsweise in einer Stadt wie Berlin die Bezirke mit der Senatsverwaltung zusammenarbeiten: um Bedarfe zu ermitteln und effektive Hilfsangebote vorzuhalten. Seit Kurzem setzt hier ein Umdenken ein, es gibt einen gesamtstädtischen Steuerungsansatz. Und, noch wichtiger: Es gibt erste Versuche, die Politik des Misstrauens durch eine Politik des Vertrauens zu ersetzen. „Housing First“-Programme gehen davon aus, dass Wohnungs- und Obdachlose zuallererst Wohnraum brauchen, also Würde und eine Privatsphäre. Und erst danach andere Probleme angegangen werden können. 

Die einzelnen Gesellschaftsschichten scheinen immer mehr auseinander zu klaffen. Die Reichen werden immer reicher bilden sich weiter, die Armen kämpfen ums Überleben. Kann diese Schere überhaupt noch aufgehalten werden? 
Jutta Allmendinger: Natürlich. Durch eine gezielte Politik des Mit- und Füreinander. Über die Ermächtigung aller. Durch mehr Vorsorge als wir sie uns heute leisten. Momentan haben nicht alle Menschen in unserer Gesellschaft Zugang zu den Ressourcen, um ihr Leben gestalten zu können. Partizipation hängt von einer gut bezahlten Arbeit, von guter Gesundheit, von breiten sozialen Netzwerken und von einer guten Ausbildung ab. Deshalb ist es gut für unsere Demokratie, wenn die Ungleichheiten, die bei den Zugangschancen vorherrschen, abgebaut werden. Was wir auch unbedingt brauchen, ist ein stärkerer Fokus auf präventive Politik: Wie können wir erreichen, dass ein Mensch gar nicht erst wohnungslos wird?

Herkunft, Gesundheitssystem und Bildung scheinen unteranderem die wichtigsten Weichen im Leben zu sein. Ist der Gedanke vom Tellerwäscher zum Millionär heute überhaupt noch möglich? 
Jutta Allmendinger: Das hoffe ich doch sehr. Wir müssen den Menschen klar machen, dass sie Fähigkeiten haben, sich entwickeln können. Zu viele schieben Misserfolge auf eigenes Versagen und sehen nicht, dass die Gesellschaft ihnen geringe Chancen gibt. Das mag sich seltsam anhören, bei den vielen Klagen, die wir tagtäglich hören. Befragungen zeigen uns aber genau das. Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss, oft aus Elternhäusern, die nicht viel Unterstützung geben können, meinen, sie seien einfach dümmer als andere. Das ist falsch. Und erstickt jede Hoffnung.

Wenn die soziale Marktwirtschaft an ihre Grenzen stößt, was tun wir dann? 
Jutta Allmendinger: Dann müssen wir alles tun, um das soziale an ihr zu retten. Der ungebändigte Kapitalismus ist keine Gesellschaftsform, die nachhaltig ist. 

Können wir uns den großen gesellschaftlichen Problemen, wie dem Klimawandel überhaupt stellen, solange wir keine gut funktionierende Gesellschaft sind?
Jutta Allmendinger: So lange wir denken, selbst nichts tun zu können, und auch kein Vertrauen in den Staat oder andere Akteure haben, so lange wird sich nur wenig ändern. Deshalb ist die Ermächtigung aller, von der ich vorhin sprach, auch so wichtig.

Sie beschäftigen sich auch viel mit der Position der Frau in der Gesellschaft und im Arbeitsmarkt. Kann es – solange nur die Frauen Kinder bekommen können – eine Gleichberechtigung wirklich geben? 
Jutta Allmendinger: Das eine schließt das andere nicht aus. Wir müssen nur entschlossen die bezahlte und unbezahlte Arbeitszeit zwischen Männern und Frauen umverteilen, Frauen- und Männerarbeit gleich bewerten und gleiche Aufstiegschancen geben. 

Sie wurden als junge Professorin in München von Frauen ausgebuht, weil sie ihr neugeborenes Kind mit in ihre Vorlesungen nahmen. Wieso sind gerade die Frauen immer noch so streng untereinander und kein Team gegen den Rest? 
Jutta Allmendinger: Das ist jetzt 26 Jahre her. Die Situation hat sich geändert. Je mehr Frauen in Führungspositionen kommen, desto stärker wird das Selbstvertrauen. War ich damals eine von sehr wenigen Frauen, und erst recht Müttern, auf einer Professur, so sind wir nun doch deutlich mehr. Aber: Ja, auch die Toleranz und der Zusammenhalt von Frauen kann noch wachsen. 

Sie haben in einem Interview mal gesagt „man sollte nicht nach jeder Karotte schnappen, die einem vor die Nase gehalten wird“. Was meinen Sie damit genau? Woher weiß man, welche Karotten, die richtigen für einen sind? 
Jutta Allmendinger: Schauen sie auf das Ehegattensplitting. Im Moment mag diese Steuerform dazu führen, dass der Haushalt das gleiche Nettohaushaltseinkommen hat, gleich ob die Frau einige Stunden mehr oder weniger arbeitet. Doch auf mittlere und längere Frist ist das falsch. Kommt es zu einer Trennung, hat es die Frau schwer, noch Karriere zu machen, ihre Möglichkeiten und Fertigkeiten umzusetzen. Ganz davon abgesehen, dass niedrige Arbeitszeiten auch zu einer niedrigen Rente führen.

Der Autor Philipp Weiss hat in einem Interview gesagt: „Unser Wirtschaftssystem und unser Ökosystem befinden sich im Krieg.“ Was sagen Sie dazu? 
Jutta Allmendinger: Ich halte generell wenig von solchen Zuspitzungen. Sie verdecken das Machbare. Auch eine soziale Marktwirtschaft kann sich ökologisch aufstellen. Zumindest wesentlich besser, als sie das im Moment tut.

Sie analysieren seit Jahren gemeinsam mit der Zeit, die Deutschen, wovor sie sich fürchten und wovon sie träumen. Wovon sollten wir uns aktuell am meisten fürchten und wovon am sehnlichsten träumen?Jutta Allmendinger: Fürchten sollten wir uns vor all den Versuchen, unsere Demokratie kaputt zu reden, von Volksverhetzern und Untergangsvisionen. Träumen könnten wir von Neugier, Interesse füreinander und dem Willen, zu gestalten. 

Was sind die spannendsten sozialen Fragen der nächsten zehn Jahre für Sie?
Jutta Allmendinger: Im Moment beschäftige ich mich dem Vertrauen zueinander und dessen Wurzeln. Für die soziale Frage scheint mir Vertrauen unverzichtbar zu sein, denn sie bildet den Kitt für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Mein neues Buch, das ich zusammen mit Jan Wetzel geschrieben habe, handelt davon.

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