
„Die Idee wird die nächsten Jahre das wertvollste Gut in jeder Kreativbranche sein.“
von Laura Bähr
David, du hast deine Liebe zu Filmen und zum Geschichten erzählen schon als Kind entdeckt. Mittlerweile hast du dein Hobby zum Beruf gemacht. Wie schafft man es nicht die Freude an der Sache zu verlieren, wenn man damit plötzlich Geld verdienen muss…
David Helmut: Es zumindest für mich sehr wichtig, nicht den Spaß an der Sache zu verlieren und eine gute Balance zu finden. Auf der einen Seite braucht man natürlich seine „Moneyjobs”, die vielleicht nicht das geilste Skript hergeben aber wenigstens deine Miete bezahlen. Und auf der anderen Seite kannst du dir dann von dem Geld der Moneyjobs deine “Passion-Projekte” leisten sowohl im Werbe- als auch im Fiction Bereich. Jobs oder private Projekte in die man Leidenschaft und Liebe reinstecken kann und sein eigener Chef ist. Die sind dann zwar oft weniger gut bezahlt aber eine gute Zeit zu haben als Bezahlung hat schon auch sehr viel.
Wann wirst du das nächste Mal dein eigener Chef sein?
David Helmut: Diesen Sommer plane ich mit meinen lieben Kreativagentur Kollegen von ANY ein größeres Fiction Projekt – ist zwar alles nocht nicht in trockenen Tüchern aber da freue ich mich sehr drauf! Wir waren in letzter Zeit alle ein bisschen von den immer strengeren Vorgaben, auch bei den bis dato eher lockeren Streaminganbietern, genervt. Die “Mainstreamformel”, die man aktuell in jedem Stoff den man pitcht anwenden soll, nimmt einem den ganzen Spaß am Schreiben. Man gibt eine Idee ab und dann heißt es “ja aber wir wollen alle Zielgruppen bedienen” und “es ist nicht divers genug” und “es spielen nicht genug Influencer mit”.
„Ich muss an etwas arbeiten, etwas lösen, um glücklich zu sein.“
Es wird zwanghaft versucht dem hinterherzujagen was zurzeit hypet oder schon mal im Kino oder im TV funktioniert hat. Natürlich geht es hier um Sicherheiten um Performance und um das Geld der Investoren, das sich verständlicherweise vermehren sollte – diese Seite des Filmemachens ist mehr Business und weniger kreative Kunst. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich keine kommerziellen Projekte in Zukunft annehmen werde aber zwischendurch möchte man als Künstler einfach mal Dinge tun ohne dass einem jemand Regeln und Formeln aufdrückt. Ich denke das kann jeder nachvollziehen der kreativ arbeitet, egal in welcher Branche.
Vom Kino und auch vom TV kennt man das ja schon. Die Einspielergebnisse und Quoten müssen stimmen, komme was wolle. Hat sich diese Einstellung bei den Streamingdiensten auch in diese Richtung verändert?
David Helmut: Leider ja. Am Anfang haben die Streamingdienste genau damit geglänzt – besondere Stoffe. Es war alles erlaubt, man hatte so viele Freiheiten. Man hat tolle Inhalte geboten bekommen, die man sonst nirgends fand. Aber auch die Streamingdienste sind nunmal Wirtschaftsunternehmen und müssen natürlich stetig wachsen, Geld verdienen und neue Abos generieren. Das hat dazu geführt, dass die meisten diesen besonderen USP verloren haben. Was ich super schade finde.
Ist es in der Filmbranche, ähnlich wie in der Musik, vorprogrammiert, dass es irgendwann nur noch Varianzen von Geschichten gibt, oder ist der Topf an Stories unendlich?
David Helmut: Ehrlich gesagt glaube ich, der Topf an Geschichten ist unendlich, da ja täglich etwas neues in dieser Welt passiert und stetig eine Veränderung stattfindet. Im Filmstudium, hat mir mein Drehbuchprofessor damals schon gesagt: David, du wirst keinen Stoff komplett neu erfinden. Was du machen kannst, ist die Geschichten besser zu erzählen oder die Stoffe, die schon mal gut waren, auf deine Zeit, deine Erfahrungen und deine Emotionen zu übersetzen.
„Reality-Formate sind aktuell in meinem Leben eine sehr gute Möglichkeit, um einfach komplett abzuschalten und das Gesehene nicht zu bewerten.“
Dieser andere Blickwinkel und vielleicht auch der persönliche Humor geben so einer Geschichte eine ganz persönliche Note und machen sie zu einer einzigartigen Geschichte. Das Wichtigste ist, dass man sich Zeit für seine Geschichten nimmt. Das passiert leider, auch aus monetären Gründen, immer weniger. Wenn man früher ein Jahr Zeit hatte, um eine gute Geschichte zu entwickeln, wollen die meisten heute nach 2 Monaten mit der Vorproduktion starten. Und meiner Meinung nach merkt man das leider auch. Vieles wirkt heute flach, nicht zu Ende gedacht und schnell rausgeballert, es entstehen Fließband Filme.
Also wird man eigentlich dazu gezwungen immer mehr zum Dienstleister und immer weniger zum Künstler zu werden?
David Helmut: Am Ende des Tages muss auf allen Seiten Geld verdient werden. Sowohl der Streaminganbieter, als auch die Crew und jedes Department, was da mit reinspielt, muss seine Miete bezahlen. Deswegen sagen auch viele „Ja“ zu den neuen Bedingungen und lassen sich auf die Schnelllebigkeit ein. Aber, und das müssen wir uns einfach eingestehen, die Stoffe werden dadurch nicht besser. Wenn wir jedes Jahr 500 Filme rausballern, müssen wir uns nicht wundern, wenn auch viel Mist dabei ist.
Ist es denn schwieriger geworden gute Filme zu machen? Heute kann eigentlich jeder mit seinem Handy zum Regisseur werden…
David Helmut: Nein, das würde ich nicht sagen. Ich finde es toll, dass jeder heute mit seinem Handy die Möglichkeit hat, einen Stoff zu erschaffen und den irgendwie an die Öffentlichkeit zu spielen. Ich finde es gut, dass mittlerweile auch Menschen die Möglichkeit haben, in dieses Business einzusteigen, denen das vor einigen Jahren aufgrund der finanziellen und technischen Mittel eventuell noch nicht möglich gewesen wäre. Natürlich sorgt dieser offene Zugang auch dafür, dass sehr viel mehr langweiliges oder belangloses Zeug entsteht, aber ich glaube, am Ende des Tages werden wir Menschen trotzdem unterscheiden können, was gut oder schlecht ist. Es geht nicht mehr nur um die Technik und um schöne Bilder. Es geht um die Idee! Und das wird die nächsten Jahre auch das wertvollste Gut in jeder Kreativbranche sein. Es sei denn ChatGPT macht uns einen Strich durch die Rechnung.
„Wenn wir jedes Jahr 500 Filme rausballern, müssen wir uns nicht wundern, wenn auch viel Mist dabei ist.“
Wird das passieren?
David Helmut: Irgendwann bestimmt aber aktuell kann die KI gott sei dank nur auf vorhandene und schon erzählte Ideen zurückgreifen, weswegen den Ideen meistens noch überraschende Twists fehlen aber ich bin mir sicher dass auch das sich bald schon ändern wird. Wenn die Entwicklung in der Geschwindigkeit voranschreitet vielleicht auch schon in 5 Jahren.
Was braucht es, um sich heute in dieser Branche einen Namen zu machen? Ist es wichtiger die richtigen Leute zu kennen, als gute Geschichten zu schreiben?
David Helmut: Auch hier ist die Lösung in meinen Augen eine Mischung aus beiden Welten. Ich würde gerne sagen, dass es nur aufs Talent ankommt, aber das wäre gelogen. Es ist eine Mischung aus Talent, guten Ideen, aber eben auch der Tatsache zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und den richtigen Leuten seinen Stoff zeigen zu dürfen. Es sind so viele Geschichten im Umlauf. Ich glaube, jeder Streaminganbieter bekommt jeden Tag hunderte Ideen gepitcht. Die können gar nicht alle aufmerksam durchgelesen werden. Da werden bestimmt auch ein paar super Stoffe übersehen, die dann durch das Raster fallen, aber das können wir nicht ändern. Deswegen ist es nie schlecht einen persönlichen Kontakt zu denjenigen zu haben, die die Stoffe einkaufen, sowohl im Fernsehen als auch bei den Streaminganbietern.
Wie schafft man es trotzdem auf seine Geschichte aufmerksam zu machen?
David Helmut: Mein Tipp ist es, die guten Ideen die man hat nicht nur runterzuschreiben sondern auch loszuziehen und etwas daraus zu machen. Die Leute müssen heute etwas sehen. Und wenn es nur eine kurze Sequenz ist und nur mit dem Handy gefilmt. Das spielt keine Rolle. Man kann eine Geschichte in Bildern meist besser übermitteln, als mit Worten. Wie professionell das Ganze gemacht ist, ist an dieser Stelle unwichtig, die Leute müssen nur ein Gefühl dafür bekommen, was man vor hat und in welche Welt man den Zuschauer entführen möchte. Viele in der Branche reden immer viel, aber oft ist es eben wichtiger, einfach loszulegen und mal zu machen. Fehler passieren sowieso, aber man muss anfangen.
„Ohne Social Media wären viele Menschen ungesehen geblieben.“
Was war bisher dein wichtigster Fehler, die wichtigste Enttäuschung in deinem Leben?
David Helmut: Da gab es viele (lacht). Ich bin jemand, der eigentlich nie zufrieden ist. Instagram ist für mich wie eine Art Trainingsplatz. Man muss in kurzer Zeit eine Geschichte erzählen und die Idee manchmal auch in wenigen Sekunden in Form eines Reels an die Menschen bringen. Selbst wenn das dann auch mal funktioniert und gut klickt, bin ich trotzdem immer sofort auf Fehlersuche, denn nur durch Fehler kann man wachsen und besser werden.
Erkennst du deine Fehler selbst oder musst du von außen darauf hingewiesen werden?
David Helmut: Die meisten erkenne ich selbst, weil der Perfektionist in mir alles nochmal akribisch durchdenkt. Aber ich bin natürlich trotzdem super dankbar, wenn ich ein ehrliches Feedback zu meiner Arbeit bekomme, am liebsten natürlich noch von Personen, auf deren Meinung ich etwas gebe (lacht). Schließlich hat jeder seinen eigenen Geschmack. Im Film gibt es wenig richtig und falsch und viele Köche verderben nunmal den Brei. Wenn man bei einer Filmidee 20 Menschen fragt, bekommt man 20 Antworten und 20 neue Ansätze. Die große Gefahr ist jedoch, dass die Geschichte dann schwammig und auf eine gewisse Art und Weise auch mainstreaming wird. Man schleift der Skulptur alle Ecken und Kanten ab. Dann ist das Ganze gefällig und bekannt, aber eben nicht mehr besonders.
Wann bist du wirklich glücklich? Comedian Phil Laude meinte im Interview mit uns, das er häufig enttäuscht sei, dass sich nicht dieses große langanhaltende Glücksgefühl einstellt, wenn man ein persönlich gesetztes Ziel erreicht hat.
David Helmut: Das kann ich sehr gut nachfühlen. Mark Manson hat mal gesagt, dass man im Leben nicht glücklich ist, wenn man alles hat, sondern wenn man an Problemen arbeiten kann. Ich finde das ist ein sehr gesunder und schöner Blick auf das Leben. Problemlösungen machen mich glücklich. Ich muss an etwas arbeiten, etwas lösen, um glücklich zu sein. So kann man sich sogar auf Probleme freuen im Leben, denn die Bezahlung für das Lösen dieser ist ein nachhaltiges Glücksgefühl.
„Im Film gibt es wenig richtig und falsch und viele Köche verderben nunmal den Brei.“
Für deine Mockumentary „Wrong“ hast du den Nachwuchspreis beim „Blauer Panther – TV & Streaming Award“ 2022 erhalten. Kann und sollte man Filmprojekte überhaupt bewerten? Schließlich ist doch alles in erster Linie Geschmacksache oder?
David Helmut: Mhm. Auf der einen Seite ist es natürlich Balsam fürs Ego, da müssen wir uns gar nichts vormachen. Bestätigung tut immer gut. Aber wenn man länger über das ganze Thema nachdenkt und sich überlegt, wer das eigentlich wo, wann, wie und warum entscheidet, kann man das Ganze natürlich auch hinterfragen. Man darf es glaube ich nicht zu ernst nehmen und muss es eher als „cherry on the top“ betrachten. Am allerschönsten finde ich eigentlich immer, dass man solche Momente mit seiner Crew feiern kann. Wir feiern alle viel zu wenig. Solche Momente müssen zelebriert werden, man macht sich schick, freut sich, erlebt das Ganze als Team. Die ganze Mühe, das Aufopfern, die Überstunden, all das wird in dem Moment gefeiert und das ist auch gut so.
Aktuell wird die deutsche TV-Landschaft von Krimis und Reality-TV geprägt. Was glaubst du, welche Geschichten braucht das Land?
David Helmut: Ich muss zugeben (lacht) dass Reality-Formate aktuell in meinem Leben eine sehr gute Möglichkeit sind, um einfach komplett abzuschalten und das Gesehene nicht zu bewerten. Als Filmemacher bewertet man ansonsten natürlich immer alles. Da kann ich nicht aus meiner Haut. Reality-TV ist immer so schön “echt”. Natürlich ist es psychologisch in eine Richtung gepusht, aber eben nicht geskriptet. Keiner dieser Teilnehmer – die ich so liebe –könnte sich so eine Storyline ausdenken (lacht). Auf der anderen Seite freue ich mich natürlich sehr, wenn ich nach langer Zeit mal wieder einen richtig guten Film sehe.
Was braucht ein Film heute, um im Gedächtnis zu bleiben und die Menschen emotional zu berühren?
David Helmut: Eine gute Geschichte. Es ist eigentlich so simpel. Es braucht einen klaren Konflikt, ein paar überraschenden Wendungen und eine Hand voll Szenen, die einem im Gedächtnis bleiben und einem etwas zum Nachdenken mitgeben. Mehr ist es eigentlich nicht.
„Manchmal schicken mir Follower Nachrichten auf Instagram, dass sie alleine zuhause sitzen und schon lange nicht mehr so laut gelacht haben bei einer Serie. Solche Nachrichten sind mir viel mehr wert als jeder Filmpreis.“
Du gibst auf deinem Instagram-Account auch viel von deinem privaten Leben mit deiner Verlobten Lena Meckel preis. Gehört das heute dazu? Muss man sich auch als Mensch zeigen, um beruflich gesehen zu werden?
David Helmut: Ich glaube, es gibt gute Beispiele für beide Varianten. Jeder muss das für sich selbst entscheiden. Streamer und Sender besetzen immer häufiger, und das ist bekannt, nach Followerzahlen. Auf der anderen Seite gibt es dann natürlich auch die, die auf Social gar nichts machen und trotzdem gecastet werden, weil sie einfach gut sind. Wenn man jetzt aber gerade startet und noch nicht so wirklich die Möglichkeit hatte, sich zu zeigen, ist Social Media, wenn es einem liegt, natürlich eine „einfache“ Art, sich der Welt zu präsentieren.
Wieviele Comedians sind in letzter Zeit durch Social Media bekannt geworden? Die hätte keiner gefunden und die hätten auch keinen interessiert, wenn sie diese Plattform nicht genutzt hätten. Ohne Social Media wären viele Menschen ungesehen geblieben. Dafür sind unsere Strukturen einfach noch zu festgefahren. Jeder Sender „züchtet“ sich seine eigenen Talente ran, da bleibt nicht viel Platz für andere. Ein Grund mehr, sich seinen eigenen Channel aufzubauen, wenn einem das Medium liegt und Spaß macht.
Für was möchtest du am Ende deines Lebens bekannt gewesen sein?
David Helmut: Manchmal schicken mir Follower Nachrichten auf Instagram, dass sie alleine zuhause sitzen und schon lange nicht mehr so laut gelacht haben bei einer Serie. Solche Nachrichten sind mir zum Beispiel viel mehr wert als jeder Filmpreis. Man hat dem Menschen eine gute Zeit beschert – auch wenn es nur für ein paar Sekunden war – du hast eine echte positive Emotion ausgelöst und diesem Menschen damit eventuell den stressigen Alltag etwas leichter gemacht – das ist in meinen Augen unbezahlbar. Dafür mache ich das alles und dafür würde ich auch gerne im Gedächtnis bleiben.