
„Es bringt einem nicht das versprochene anhaltende Glück, wenn man seine Ziele erreicht hat.“
von Laura Bähr
Phil, du wolltest als Kind ein Star werden. Heute hast du 1,6 Millionen Follower, eine große Fangemeinde, eine eigene Serie bei der ARD. Ziel erreicht?
Phil Laude: Ja, ich glaube schon (grinst). Von Zeit zu Zeit fühlt es sich so an, als ob man sein Ziel erreicht hätte. Aber sobald das dann der Fall ist, fängt man an, die bisherigen Ziele zu hinterfragen. Die letzten Jahre hatte ich einen kleinen Deep-Dive in mich selbst und habe mich gefragt, woher das eigentlich kam, warum ich das damals unbedingt wollte. Es war wahnsinnig spannend, sich auf diese Art mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Heute will ich weniger Star sein, um Star zu sein, sondern um die Möglichkeit zu haben, mich kreativ ausleben zu können. Die Follower sind mir nicht mehr so wichtig, wie das Produkt an sich.
Braucht es Talent fürs Lustig sein, oder ist alles nur Übungssache?
Phil Laude: Ich glaube es braucht vor allem die Motivation, dass man lustig sein will. Ich hatte eine sehr turbulente Kindheit. Meine Mutter ist selbst Künstlerin, Geigerin, und mein Vater kommt aus einer Militärfamilie aus Preußen. Das heißt, es gab schon immer viel Konfliktpotenzial und ich habe meinen Humor früh genutzt, um Wogen zu glätten. Humor ist eine super Methode, um Spannungen aus einer Situation zu nehmen. Außerdem bringe ich einfach unfassbar gerne Menschen zum Lachen, weil ich das Gefühl haben, damit tut man allen etwas Gutes. Und es kostet einen nichts, außer ein paar Minuten Zeit.
Dieser Antrieb macht dann vermutlich auch das Talent aus. Mein Bruder konnte beispielsweise viel besser Stimmen nachmachen als ich, aber dann wollte ich das so unbedingt, dass ich es einfach gelernt habe. Es gibt auch Videos von Ed Sheeran, die quasi seine Anfänge zeigen, bei denen man sich denkt, ja gut, der kann ganz gut singen, aber man sieht jetzt noch nicht den Superstar. Und jetzt ist einfach Ed Sheeran.
Du meintest gerade, du nutzt Humor auch häufig um Spannungen rauszunehmen, da hätten wir auf der Welt ja gerade die ein oder andere Situation, bei der wir das dringend bräuchten. Kommt Humor deiner Ansicht nach auch irgendwann an seine Grenzen?
Phil Laude: Es ist wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, das Konflikte, Probleme und schlimme Dinge zum Leben dazugehören. Humor kann sie nicht abwenden oder sie verschwinden lassen, aber er hilft dabei, mit ihnen umzugehen. Ich liebe die Kölsche-Weisheit: „Es hat noch immer gutgefangen.“ Ich glaube, genauso sollte man ans Leben herangehen. Natürlich gibt es auch diese Resignation, da kann man die Dinge dann auch einfach nicht mehr positiv sehen. Aber auch das gehört zum Leben dazu. Ohne Negatives gibt es nichts Positives. Die Probleme an sich lösen, kann Humor natürlich nicht. Aber er kann helfen, sich ihnen zu widmen und sie einzuordnen.
„Die Follower sind mir nicht mehr so wichtig, wie das Produkt an sich.“
Es macht den Anschein, als seist du ein sehr emphatischer Mensch. Ist das in der Comedy-Branche nicht eher kontraproduktiv? Schließlich werden Witze meistens auf die Kosten anderer gemacht…
Phil Laude: Es ist eine totale Gratwanderung, ja. Humor kann natürlich verletzend sein, aber das, und hier muss man leider auch ehrlich sein, macht ihn auch häufig so prägnant. Wenn man auf die Gefühle aller Rücksicht nimmt, wird das Ganze schnell langweilig. Ich persönlich fühle mich dann wohl, wenn ich am Ende des Tages das Gefühl habe, alle haben gelacht. Vielleicht hat es hier und da mal ein bisschen gepikst aber es hat keinem wirklich wehgetan. Das ist mir sehr wichtig. Da habe ich es mit meinen Sketchen und Serien aber auch etwas leichter, als mit dem klassischen Stand-Up-Programm. Wenn man da mit dem Publikum Jokes macht, ist es super schwierig, nicht mal über die Stränge zu schlagen.
Wer beim Stand-Up zu langweilig ist, muss schließlich auch direkt gehen, oder?
Phil Laude: Ja und das Programm wird dann auch zu unehrlich. Wenn man so tut, als gäbe es gar keine Probleme und als wäre alles nur Friede, Freude, Eierkuchen, dann ist das Programm nicht mehr authentisch. Und in der Folge dann auch nicht mehr lustig. Comedy hat wahnsinnig viel mit Ehrlichkeit zu tun.
Du schreibst Gags damit andere lachen, gibst aber natürlich auch immer etwas von dir selbst mit in dein Programm. Würdest du dich eher als Künstler oder als Dienstleister bezeichnen?
Phil Laude: Diese Frage beschäftigt mich sehr. Ich habe mit 16 Jahren angefangen YouTube-Videos zu machen. ZU diesem Zeitpunkt hatten die Zuschauer natürlich eine krasse Macht über einen, schließlich bestimmen sie ein stückweit, wie weit man in diesem Game kommt. Auf der anderen Seite hat man als Künstler natürlich auch immer den Anspruch, seine eigene Intention rüberzubringen. Da ist mir neulich auch ein Zitat von Rick Rubin im Gedächtnis geblieben, der meinte: „The audience comes last.“ Er sagt, dem Künstler sollte es im ersten Schritt darum gehen, seine eigene Vision umzusetzen. Wenn das gelingt, wird diese zwangsläufig beim Zuschauern ankommen. Ich glaube, ich vereine beide Seiten.
Es gibt Dinge, die ich unbedingt machen möchte, weil ich sie einfach super cool finde und dann ist es mir in dem Moment auch egal, wie die Zuschauer das finden könnten. Auf der anderen Seite weiß ich natürlich auch meistens, was die Zuschauer sehen wollen und versuche auch diesem Wunsch gerecht zu werden. Ich glaube, so geht es auch den meisten Comedians. Die romantische Vorstellung wäre natürlich, dass man alles nur aus sich selbst heraus, als Künstler auf die Bühne bringt. Aber und da muss man auch ganz ehrlich sein, man will und muss ja auch Geld mit seinem Beruf verdienen. Wie immer im Leben macht es vermutlich die Mitte. Man sollte nie die eigene Vision verraten, aber auch stets ein offenes Ohr für das Feedback der Menschen haben.
„Wenn man so tut, als gäbe es gar keine Probleme und als wäre alles nur Friede, Freude, Eierkuchen, dann ist das Programm nicht mehr authentisch.“
Du bist mit YouTube erwachsen und berühmt geworden, machst mittlerweile auch viel auf Instagram, hast jetzt aber auch deine eigene Serie im TV. Gibt es die perfekte Plattform für Comedy?
Phil Laude: Da Comedy, zumindest für mich, super viel mit Feedback und Austausch zu tun hat, machen die Social Media-Plattformen hier schon Sinn. Meine Alman-Figur ist zum Beispiel auch ein Resultat der Zusammenarbeit mit dem Publikum. Ich habe ein Video hochgeladen, in dem ich davon berichte, dass ich für meine Birkenstock-Sandalen fertig gemacht wurde und kurze Zeit später bekam ich super viele Antworten und kleine ähnliche Geschichten, wie Leute beispielsweise für ihre Filz-Möbelgleiter belächelt werden. So konnte ich mit meiner Community und der Kommentarspalte zusammen eine Figur für die Serie entwickeln. Sowas geht nur mit Social Media.
Du sagtest mal in einem Interview erwachsen sei man nicht plötzlich mit 18. Das ist ein lebenslanger Prozess. Was war dein letzter wichtiger Schritt ins Erwachsensein?
Phil Laude: Ich habe zu meinem 29. Geburtstag einen Gutschein für einen Fallschirmsprung bekommen. Das war ein wahnsinnig spannendes Erlebnis und danach war ich so auf Adrenalin, dass ich unbedingt einen alleine schaffen wollte. Also habe ich zu meinem 30. Geburtstag einen Gutschein für einen Solo-Sprung bekommen. Nachdem das Adrenalin dann aber aus meinem Körper raus war, fand ich die Idee eigentlich gar nicht mehr so gut. Im Nachhinein wurde mir dann klar, dass ich eigentlich schon beim ersten Sprung die ganze Zeit total Schiss hatte und mir das überhaupt keinen Spaß gebracht hatte. Als ich vor ein paar Monaten dann mit Entsetzen festgestellt habe, dass der Gutschein bald abläuft, habe ich beschlossen, ihn umzutauschen. Jetzt ist mein Fallschirmsprung eine Ayurvedische Massage und ich finds toll (lacht). Ich glaube das war ein wichtiger Schritt zu mir selbst (grinst).
Wir haben vor kurzem mit dem Persönlichkeitstrainer Christian Bischoff gesprochen, der meinte wir leben in einer Welt, in der sich jeder selbst verwirklichen will. Hast du dich schon selbst verwirklicht?
Phil Laude: Ja! Mein erstes großes Ziel im Leben war, von der Comedy leben zu können. Das habe ich erreicht und darauf bin ich auch sehr stolz. Ich bin super happy, das ich wusste, was mein Ziel ist. Ich glaube, es ist ein totales Privileg früh zu erkennen, was man mit seinem Leben anstellen möchte. Mir war das schon während der Schulzeit klar und davon habe ich mich auch nicht abbringen lassen. Wenn irgendein Lehrer mir komisch kam, habe ich schon immer gesagt, kein Problem, ich werde sowieso Youtuber.
Ich hatte den absoluten Tunnelblick und nichts und niemand konnte mich abhalten. Im Nachhinein bin ich für meine Naivität aus dieser Zeit super dankbar. Ich weiß nicht, ob ich den gleichen Weg heute genauso gehen könnte, weil ich natürlich viel mehr vom Leben weiß, man ist zwangsläufig vorsichtiger und ängstlicher als als Kind. Aber und das darf man auch nicht vergessen, man braucht auch immer ein neues Ziel. Nichts ist schlimmer, als ziellos zu sein.
„Ich glaube, es ist ein totales Privileg früh zu erkennen, was man mit seinem Leben anstellen möchte.“
Braucht es heute auch immer ein bisschen Egoismus, um die eigenen Ziele zu erreichen?
Phil Laude: Ich glaube, um da hinzukommen, wo wir mit Y-Titty waren, war dieser Tunnelblick schon immens wichtig und das ist ja auch eine Form von Egoismus. Um aber langfristig erfolgreich zu sein und vor allem, und das ist für mich mittlerweile das sehr viel wichtigere Ziel, ein erfülltes und glückliches Leben zu führen, ist es total wichtig, nicht zu sehr in irgendeine Charaktereigenschaft reinzurutschen. Ein gesunder Egoismus ist im Leben von Bedeutung, ganz klar, aber dieses Radikale tut glaube ich keinem gut. So bekommt man gar nicht mit, was links und rechts von einem passiert und dann wird das zwangsläufig ein sehr einseitiges Leben. Ich für meinen Teil möchte das nicht. Zum Glücklichsein darf man kein kompletter Egoist sein.
Was würdest du sagen, war die wichtigsten Enttäuschung in deinem Leben?
Phil Laude: Eine sehr gute Frage. Ich glaube, dass es einem nicht das versprochene anhaltende Glück bringt, wenn man seine Ziele erreicht hat. Ich war ehrlich gesagt ein bisschen enttäuscht, als wir mit unserem YouTube-Game die erste große Hürde erreicht hatten. Wir waren der größte Kanal in Deutschland und ich war in erster Linie… enttäuscht. Ich war bis dato immer davon ausgegangen, dass ich mich in dem Moment bestimmt total erfüllt fühlen würde und super happy wäre, aber das Gegenteil war der Fall. Da habe ich mich vom Leben ein bisschen veräppelt gefühlt (lacht).
Aber es war natürlich ein super wichtiges Learning. Ich weiß es klingt super profan, aber der Weg ist das Ziel. Man braucht immer etwas Neues worauf man hinarbeiten kann. Wenn ich von Zeit zu Zeit wieder in solche Gedanken rutsche, dass ich ein Star und ganz nach oben will, führe ich mir immer wieder vor Augen, dass das ein sehr äußeres Ziel ist, und das ich eigentlich tief in meinem Inneren weiß, dass mich das nicht wirklich glücklich machen würde.
„Zum Glücklichsein darf man kein kompletter Egoist sein.“
Du sagst von dir selbst, du bist nicht gut im Connecten, gehst gar nicht so gerne auf Veranstaltungen. Hat man ohne „Connecterei“ in der Branche heute überhaupt noch eine Chance?
Phil Laude: Die Onlinewelt bietet hier viele neue Möglichkeiten. Man muss nicht mehr auf Krampf auf solche Events gehen. Ich liebes es beispielsweise, Menschen, die ich bewundere oder deren Arbeit ich feiere, das auch ganz direkt so zu sagen. Und das eben auch gerne online, wann immer mir danach ist. Daraus entwickeln sich oft super schöne und interessante Konversationen. Ich glaube, das ist einer der großen Zugewinne vom Internet und von Social Media, dass man nicht mehr so abhängig von bestimmten Momenten ist. Von gemeinsamen Situationen, vom punktuellen Aufeinandertreffen. Man kann online jederzeit durch diese Tür gehen.
Wurdest du in der Vergangenheit von solchen Aufeinandertreffen auch schon enttäuscht?
Phil Laude: Natürlich. Ich habe, wie vermutlich die Meisten, in der Medienbranche in der Vergangenheit ein paar unschöne Erfahrungen gemacht. An der Stelle hat die öffentliche Persönlichkeit überhaupt nicht mit der privaten Person übereingestimmt. Das ist im ersten Moment natürlich immer erstmal ein kurzer Schock. Aber es gibt auch total schöne Gegenbeispiele und auf die muss man sich dann auch vermehrt konzentrieren. Wie immer im Leben.
Du sagst von dir selbst, du hättest ein großes Sicherheitsbedürfnis. Was ist deine größte Angst im Leben?
Phil Laude: Tatsächlich hat sich bei mir in den letzten Jahren eine große Angst um die Gesundheit entwickelt. Gefühlt bin ich ein bisschen zum Hypochonder geworden. Ich glaube Gesundheit ist einfach eine von den Sachen, die so unfassbar wertvoll sind, aber eben auch nicht zu 100% in unserer Hand liegen. Eine beängstigende Kombination. Ich mag das Leben gerne und um es voll und ganz genießen zu können, muss man einfach gesund sein, da führt kein Weg daran vorbei. Deshalb, wann immer möglich, passt gut auf euch auf! (grinst).
„Man braucht immer etwas Neues worauf man hinarbeiten kann.“
Deine Serie „Almania“ geht jetzt in die zweite Staffel, was war das wichtigste Learning aus der ersten Staffel?
Phil Laude: Stimpel ist jetzt endlich in seiner Welt angekommen und hat das Lehrer-Game ganz gut im Griff, wodurch es mehr um sein Privatleben gehen kann, was natürlich sehr sehr lustig ist. Es gibt einen Tanzkurs, auf den man sich freuen kann. Ich sage nur Standardtanz und TikTok (lacht). Und es gibt noch mehr Schülergeschichten, in denen sich bestimmt jeder von uns irgendwo wiederfindet.
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