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Mike Keller ©Greenpeace Energy

Mit einem Sound, der den ganzen Raum einnimmt, kann keiner mehr etwas anfangen.

von Laura Bähr

Mike, du hast bereits in Giganten wie der O2-World oder dem Tempodrom gearbeitet. Was sind die größten Unterschiede zur Markthalle hier in Hamburg?
Keller: In erster Linie gibt viele Gemeinsamkeiten. Wenn wir Veranstaltungsorte betreiben, dann sind diese erstmal Hüllen, in denen Events stattfinden. Natürlich gibt es Unterschiede in Sachen Geld, Sponsorenattraktivität, Zielpublikum und so weiter. Der Umfang variiert, aber das Prinzip bleibt das gleiche. Ich habe mal einen Film gesehen, ich glaube der hieß „Trainer“ und da hieß es damals, dass die Trainer der niederen Vereine genau dasselbe leisten müssen, wie der Bundestrainer, nur mit sehr viel weniger Ressourcen. In den Arenen ist der Grad der Professionalität sehr viel weiter ausgebaut.

Was macht die Markthalle in Hamburg besonders?
Unsere Tradition und das gesamte Team sind Teil des Erfolges. Wir haben drei Mitarbeiter, die sich hier nur um das Buchen kümmern und ich glaube, das macht unser Programm so besonders. Es gibt ja den Trend, dass durch die Digitalisierung immer mehr Arbeitsplätze wegfallen und ich glaube auch, dass immer mehr Prozesse in diesen Rahmen fallen, aber trotzdem ist es wichtig, dass wir den Direktkontakt zum Menschen nicht verlieren. Das spürt man bei der Musik besonders. Wenn die seelenlos am Computer zusammengebastelt wird, dann hat sie einfach nicht diese Wirkung. Es ist wichtig, dass wir diese zwischenmenschlichen Dinge beibehalten, schließlich sind wir auch Teil des Kultursystems, eine Art Bindeglied der Gesellschaft.

Was meinst du mit Bindeglied?
Die Veranstaltungen und Konzerte hier sind Teil der Sozialisation von den Menschen. Ich habe selbst hier früher als Jugendlicher Konzerte besucht und bin daran auch irgendwie gewachsen. Manchmal ist es Kompensation, manchmal die Begeisterung für neue Sachen. Ich komme aus der Supertramp und Genesis-Zeit, das waren so meine Helden und die hat man dann damals auch verfolgt. U2 und Simple Minds waren Bands, die mich auf Amnesty International aufmerksam gemacht haben. Die waren viel mehr als nur Musiklieferanten. Heute hat kaum mehr eine Band eine politische Einstellung. Ich weiß nicht warum, weil sie Angst haben Ärger zu bekommen vielleicht. Wenn es die ganzen Clubs nicht geben würde, dann gäbe es die Möglichkeit nicht mehr sich mit seinen musikalischen Helden auf Augenhöhe auszutauschen. Ich möchte diese Zeit in meiner Jugend nicht missen.

Was braucht es, damit ein Club erfolgreich läuft?
Flexibilität. Man muss offen sein für Neues und eine gute Kundenorientierung mitbringen. Außerdem sollte man natürlich immer mit der Zeit gehen und auch mal neue, moderne Lösungen zulassen. Das Thema Nachhaltigkeit spielt auch eine wichtige Rolle, das ist allerdings eher ein langfristiger Prozess.

Was darf ich mir unter Nachhaltigkeit in dem Musik-, Eventbereich vorstellen?
Also im Prinzip ist das ja das Ausbalancieren von den drei wichtigsten Säulen. Einmal die Wirtschaftlichkeit, der Schutz der Umwelt und die soziale Dimension, also was kann ich für die Mitarbeiter und auch die Menschen tun, die sich hier aufhalten. Die Wirtschaftlichkeit spielt dabei natürlich die wichtigste Rolle, ohne sie geht nichts, das muss man ehrlich sagen. Wie man das durchführt, ist sicherlich auch eine Frage der Ressourcen. Man muss sich dem ganzen Thema schrittweise annähern. Man könnte den ganzen Club natürlich auch ein paar Monate schließen und alles in einem Rutsch umsetzen, aber das ist nicht praxistauglich.

Was hälst du von neuen digitalen Formen wie Spotify und Co. Nehmen die bald die ganze Branche ein und ersetzen die klassischen Konzerte?Ich glaube das kommt darauf an. Ich nutze auch Spotify und das hilft mir neue Dinge zu entdecken, aber die vergesse ich dann auch schnell wieder. (lacht) Ich gehöre zu der Generation, die Platten hört und diese als Kunstwerk zu schätzen weiß, die man zelebrieren muss. Die jüngere Generation kennt ja nur noch Streaming. Ich versuche meinen Kindern beizubringen, dass es noch Platten gibt und dass da jemand Jahre an Arbeit reingesteckt hat. Das hat ja auch etwas mit Wertschätzung zu tun, aber heute schätzt das fast keiner mehr wert. Ich finde, dass wenn man sich nur diese Songs hört und sich gar keine Gedanken macht, wer da dahintersteckt und was der sich für Gedanken gemacht hat, dann fehlt das Wichtigste.

Erkennst du solch einen Wandel auch im Publikum?
Was wir feststellen, ist, dass die Menschen ein ganz anders Soundgefühl haben, als noch vor ein paar Jahren. Wir kennen heutzutage alle nur noch diese Musik, die aus den kleinen PC-Lautsprechern kommt. Einen Sound, der den ganzen Raum einnimmt – damit kann kaum mehr jemand was anfangen.

Hat sich die Musikbranche grundsätzlich stark gewandelt?
Die ganzen Bands haben häufig ein hartes Programm. Wenn die nur noch davon leben, dass die Konzerte ihnen Geld bringen, bedeutet das manchmal 20 Konzerte in einem Monat.  Unsere Branche ist ein Wachstumsmarkt und es gibt natürlich immer mehr Bands, Konzerte und immer mehr Songs. Das heißt, so eine Tour wird häufig zur Existenzgrundlage, auch wenn das öffentliche Auftreten vielleicht gar nicht so ihr Ding ist. Dann werden die in ihren kleinen Bussen jeden Abend von A nach B gefahren, ohne Off-days versteht sich, sonst lohnt es sich nicht. Die Musikbranche ist schon ein sehr geldgetriebenes Business.

Was macht die Musikszene in Hamburg für dich besonders?
Die Vielfältigkeit! Wir haben wirklich viele Clubs, da sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein. Ich finde es auch richtig und gut, dass die Kulturbehörde und das Clubkombinat viel Unterstützung bieten und mit den Fonds auch kleineren Clubs unter die Arme greifen. Wir brauchen diese Vielfalt und in Hamburg macht das die ganze Szene besonders. Im Mojo kannst du Dance und Elektro hören, in der Fabrik kannst du Folk und Weltmusik genießen, es gibt Giganten wie die Große Freiheit und auch kleine Jazzclubs.

Das Gerücht des Clubsterbens macht ja in Hamburg aktuell die Runde. Was hältst du davon?
Clubsterben klingt immer so brachial, aber wir haben in den Clubs auch einfach enorm viel Druck. Wir müssen wirtschaftlich funktionieren. Außerdem hängt hier sehr viel davon ab, wie sich der Markt entwickelt. Im Kiez-Bereich ist das Cornern ein großes Problem. Am Ende des Tages ist aber der Verbraucher auch immer Teil des Ganzen. Wenn die Leute nach wie vor das günstige Bier in den Kiosken kaufen und dann noch nicht mal dort auf die Toiletten gehen, sondern vor die Clubs zu pinkeln, dann ist das natürlich auch eine asoziale Verhaltensweise, die der Gemeinschaft schadet. Jetzt müsste man sich fragen, warum gibt es diese Kioske überhaupt noch in der Menge? Da müsste man glaube ich mit den Behörden ins Gespräch kommen, allerdings ändert das nichts am Grundproblem, der aktuellen „Geiz ist geil“-Haltung. Da muss sich jeder an die eigene Nase fassen.

Besteht auch eine Konkurrenz unter den Veranstaltungen selbst?
Auf jeden Fall. Je mehr Veranstaltungen stattfinden und je mehr Clubs dazukommen, desto größer ist da auch der Druck, schließlich verändert sich die Kaufkraft des Publikums nicht. Man hat nicht plötzlich mehr Geld und kann auf 10 Konzerte im Monat gehen. Bei Festivals gibt es jetzt sogar so genannte Sperrklauseln, dass Künstler in einem bestimmten Umkreis manchmal 3 Monate davor und 3 Monate danach nicht spielen dürfen. Das betrifft auch Festivals wie das Reeperbahnfestival, darüber will aber kaum einer reden.

Du möchtest die Markthalle in die Moderne führen ohne die Traditionen zu vergessen. Was meinst du damit?
Ich finde das Haus mit seiner 40 Jahren Musikgeschichte sollte unbedingt erhalten bleiben. Das erste Deutschlandkonzert von Depeche Mode war hier. Das muss man sich mal überlegen. In dieser Zeit haben hier eine ganze Menge Topbands gespielt. Ein Veranstaltungsort sollte solch eine Geschichte unbedingt beibehalten. Auf der anderen Seite dürfen wir uns den Dingen draußen natürlich nicht verschließen und müssen up-to-date bleiben.  Es gibt heutzutage einfach viele Ansprüche, angefangen vom WLAN. Man braucht eine gute Verpflegung, Infrastruktur und eine gute Technik, damit sich die Künstler und das Publikum hier wohlfühlen. Das ist ein Spannungsfeld, was man ausbalancieren muss.

Nebenher bist du noch als Dozent für nachhaltiges Event- und Festivalmanagement tätig. Was bringst du deinen Schülern bei?
Ich versuche das Thema Nachhaltigkeit zu vermitteln und erstmal einen Überblick zu schaffen, was eigentlich Nachhaltigkeit ist. In einem zweiten Schritt geht es immer viel um Beispiele aus der Praxis anhand derer ich versuche zu erklären, was mögliche Handlungsfelder sind und das es um mehr geht, als nur um die Wirtschaftlichkeit. Manchmal habe ich das Gefühl es fehlt ein bisschen an Grundlagenwissen, wie überhaupt ein Ökosystem funktioniert, aber ich glaube das ist auch dem geschuldet, das heute fast zu viel Wissen vorhanden ist, ohne dass man das Grundprinzip vieler Dinge verstanden hat. Bildung ist im Bereich Nachhaltigkeit das A und O!

Was macht für dich eine gute Club-Nacht aus?
Das alle zufrieden sind und mit einem Lächeln nach Hause gehen. Die Band, die Gäste und meine Mitarbeiter.

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