Manfred Braasch © BUND

Man muss kein Umweltfachmann mehr sein, um die Folgen des Klima-Wandels zu spüren.

von Laura Bähr

Herr Braasch, vor Ihrer Karriere beim BUND haben Sie eine Druckerausbildung bei Gruner und Jahr absolviert. Was hat Sie an der Branche fasziniert? 

Manfred Braasch: Nach dem Abitur wusste ich noch nicht genau, was ich studieren will und Gruner und Jahr war ein attraktiver Arbeitgeber. Eigentlich wollte ich in eine kreativere Richtung gehen, damals gab es ja noch den Beruf des Retuscheurs, der das Cover vom „Stern“ designt hat, das wollte ich unbedingt machen. Fünf Bewerber wurden damals genommen, ich war leider der Sechste. Als Alternative wurde mir dann die Ausbildung zum Drucker angeboten, die ich dann auch angenommen haben. Der Buchdruck begleitet mich auch bis heute. Bücher und Zeitungen halte ich auch im Zeitalter von Online-Formaten für eine wichtige Grundlage unserer Demokratie. 

Was sagen Sie zur aktuellen Lage des Journalismus? 

Die sehe ich mit einer gewissen Sorge. Einmal steht natürlich das große Zeitungssterben der nächsten Jahre im Raum und auch die Umstellung des Bezahlsystems von Print zu Online macht Probleme. Für einen abgesprungenen Print-Abonnenten braucht man mindestens fünf Online-Abonnenten, um das ökonomisch aufzufangen, das ist sehr schwer. Ich glaube, das lokale und regionale Nachrichten und Zeitungen wahnsinnig wichtig für die Meinungsvielfalt sind und auch bleiben. Wenn das ins Wanken kommt, können vermutlich nur noch die großen Medien mitspielen und ich würde ungern dem Springer-Verlag Deutschland überlassen. 

Sie sind enttäuscht, wenn ihre Töchter das Handy einem gedruckten Buch vorziehen? 

Zum Glück habe ich zwei Töchter die eifrig lesen (lacht). Aber natürlich ist Handynutzung mittlerweile eine Kulturtechnik, die ich auch bei mir zu Hause feststelle. Wichtig ist es, glaube ich, hier die Balance zu halten. Das Ziel muss es sein, vernünftig und reflektiert mit den neuen Techniken unserer Zeit umzugehen. 

Macht Ihnen die Digitalisierung Angst?

Angst wäre vielleicht übertrieben, aber Sorge auf jeden Fall. Zum einen gibt es da die Schnelligkeit, die auch in Unternehmen durch eine ansteigende Arbeitsbelastung zum Problem werden kann. Und es gibt mehr und mehr Fake-News, die viral viel schneller verbreitet werden können und die in bestimmten Milieus hohe Wellen schlagen. Auf der anderen Seite bietet der Online-Bereich durch seine Transparenz natürlich auch eine Chance für demokratische Strukturen. 

Es wird gemunkelt, sie hätten einen fast fertigen Krimi in der Schublade. Was macht einen guten Roman aus? 

Das Schreiben hat für mich einen sehr kreativen Faktor und ich liebe es, in diesem Zusammenhang Welten zu erschaffen. Bei meinem aktuellen Buch, einem Kriminalroman, bin ich gerade in der Redigier-Phase, die ich natürlich ein bisschen vor mir herschiebe (lacht). Mein Lieblingsbuch ist „Nachtzug nach Lissabon“. Da wird stilistisch von der Wortwahl, dem Erzählstrang und auch den Bildern, die durch das Lesen im Kopf der Leser erscheinen ganz viel geboten. Das ist tatsächlich meiner Ansicht nach auch das größte Qualitätsmerkmal, dass das Buch im Kopf der Leser etwas verändert. 

Fehlen uns Romane über den Naturschutz? 

In den letzten Jahren gab es ja einige Ökothriller, die auch hohe Auflagen erzielt haben. Aber wenn man darauf abzielt, was der Umweltschutz braucht, dann haben wir mittlerweile kein wirkliches Erkenntnisproblem mehr. Egal ob als Roman, wissenschaftliche Studie oder Pressemeldung. Die Schwierigkeit liegt darin, dass wir von der Erkenntnis nicht in die Umsetzung kommen, weil einfach immer viele legitime und illegitime Interessen dagegenstehen. Schaut man sich die zwei großen Probleme unserer Zeit an, den Klimawandel und das Artensterben, muss man sich natürlich mit mächtigen Strukturen anlegen.

Sie sind seit 1996 Geschäftsführer des BUND Hamburg – was waren die größten Veränderungen der letzten Jahre? 

Die Anforderungen an uns, an einen Verband, der auch medial wahrgenommen werden will, sind ziemlich gestiegen. Außerdem sind viele Probleme komplexer geworden, die Grundproblematiken scheinen jedoch in der Bevölkerung immer häufig bekannt. Das gesellschaftspolitische Engagement im Ehrenamt hat sich auch verändert, hier haben wir tatsächlich einen leichten Aufwärtstrend. Viele Leute wollen sich engagieren und helfen, aber nicht mehr unbedingt in einem Arbeitskreis, der sich einmal die Woche trifft. 

Allgemein scheint Umweltschutz heute wieder sehr „en vogue“ zu sein. Woran liegt das? 

Ich glaube immer mehr Menschen begreifen, dass vieles auf dieser Welt nicht mehr gut läuft. Man muss kein Umweltfachmann mehr sein um die Folgen des Klima-Wandels zu spüren. So ein Hitzerekord wie im Sommer 2018 hilft zu begreifen, dass die Folgen des Klimawandels uns jetzt wirklich erreichen. Daraus erwächst die Erkenntnis ok, wir müssen was tun. Und wenn man sich dann noch informiert, was bereits getan wird und registriert, das ist zu wenig, dann möchte man sich vielleicht sogar selbst engagieren. In vielen Medien wird auch ein neuer Lifestyle eingeführt. Da geht es dann plötzlich um Mülltrennung, Plastikfasten und den eigenen Kaffeebecher. Der Umweltschutz zieht sozusagen in den Alltag ein. Es tut sich was. 

Die tote Elbe, die Stadtbahn für Hamburg oder das Energieprogramm. Was sind aktuell Ihrer Meinung nach die drei dringlichsten Probleme der Hansestadt? 

Das größte Thema ist der Klimaschutz in Hamburg. Aktuell wird ein neuer Klimaplan aufgesetzt, mit Zielen und Instrumenten, wie Hamburg seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann. In den Metropolen dieser Welt wird sich die Zukunft des Klimaschutzes entscheiden. Das zweite große Thema ist der Verkehr, also wir organisieren wir urbane Mobilität. Da findet aktuell auch in der jüngeren Generation ein großes Umdenken statt. Viele junge Menschen möchten kein eigenes Auto mehr, wenn sie Car-Sharing betreiben können. Die Lösung liegt auch nicht im Elektromotor, wie viele denken. Batterien und Elektromotoren brauchen enorme Ressourcen bei ihrer Herstellung. Meiner Ansicht nach wäre für Hamburg eine Stadtbahn ein echter Fortschritt, weswegen wir das Thema aktuell wieder hochgezogen haben. Der dritte Punkt ist der Flächenschutz, also wie organisieren wir den Zuzug in unsere Stadt und erhalten trotzdem die Lebensqualität durch grüne Flächen. Aktuell setzt da die Stadt leider mehr auf Masse statt auf Klasse und zerstört sogar Landschaftsschutzgebiete.

Sie betonen immer wieder, der BUND sei kein Club der „Verhinderer“ und kein Neinsager-Verein. Sollten wir in der heutigen Zeit, in der gefühlt nur gelobt wird, nicht auch mal wieder „nein“ sagen lernen und bereit sein zu debattieren?

Der BUND spricht auf jeden Fall Klartext. Wir brauchen weniger reines Akzeptanzmanagement und mehr Streitkultur und Auseinandersetzungen. Wir erleben das bei vielen Planungsprozessen, dass die Politik natürlich schaut, wie hoch ist die Beschwerdemacht, und dann wird mit großem Aufwand Akzeptanzmanagement betrieben, aber nicht die eigentliche Auseinandersetzung gesucht. Wenn es gute Gründe gibt, sagen wir auf jeden Fall klar „nein“ und versuchen ein unsinniges Projekt aufzuhalten. Aber es gehört auch dazu, Alternativen aufzeigen, um eben nicht nur zu den „Nein-Sagern“ zu gehören. 

Sie haben in einem Interview mit der Welt gesagt „Hamburg kommt beim Klimaschutz nicht voran“ und das obwohl wir 2011 Umwelthauptstadt waren. Was ist schiefgelaufen? 

2011 war das erste Jahr, indem der Preis vergeben wurde. Hamburg hatte sich damals mit einer Mischung aus gegenwärtigen und zukünftigen Projekten beworben. Heute würde Hamburg diesen Preis nicht mehr bekommen, denn was wir mit dem damaligen Bewerbungskonzept versprochen haben, ist in großen Teilen  einfach nicht umgesetzt worden. 

Sie haben sich gegen den Ausbau des Hamburger Flughafen ausgesprochen und verlangen höhere Flugpreise. Warum? 

Wir fliegen zu viel, wenn man mit dem Klimaschutz ernst machen will. Im Flugbereich werden schon lange nicht mehr die realen Kosten abgebildet, weswegen die Flüge auch so billig sind. Meine Devise ist hier: Weniger Fliegen und da wo es geht, auch den Zug nutzen, da gibt es auch wirklich Alternativen, auch wenn man es zunächst nicht glaubt, wir haben das gerade untersucht (grinst). Wir kritisieren auch diese „Shoppingflugreisen“, bei denen man für ein paar Tage einfach mal so nach Stockholm fliegt. Das geht einfach nicht. Das andere Thema ist unser innerstädtischer Flughafen, der ausgebaut werden soll. An dieser Stelle müssen dringend mal die Grenzen des Wachstums aufgezeigt werden, letztlich auch um die Akzeptanz dieses Standortes nicht überzustrapazieren. 

Also sollten wir unser „Urlaubsverhalten“ überdenken? 

Ich glaube wir brauchen eine sehr klare Debatte, was an persönlichem Urlaubsverhalten noch gesellschaftsfähig ist. Es gab jetzt 20 Jahre Flugeuphorie, Fliegen wurde immer billiger und auch allen gesellschaftlichen Schichten zugänglich. Da jetzt als Umweltinitiative reinzugehen und zu sagen, das könnt ihr ab sofort nicht mehr machen, wäre falsch. Aber wir können einen Bewusstseinswandel anstoßen und andererseits aber auch klar machen, Fliegen hat seinen Preis. 

Was kann ich als normaler Bürger denn für den Umweltschutz tun? Weniger fliegen und Vegetarier werden? 

Ich bin selbst Vegetarier, werde aber auch manchmal bei Fischgerichten schwach (grinst). Aber klar, das ist eine Möglichkeit, mit seinem persönlichen Konsumverhalten etwas zu verändern. Das bezieht sich aber auch nicht nur auf den Fleischkonsum. Man kann auch bei anderen Lebensmitteln, Konsumgüter und Kleidung auf die ökologische Herstellung achten. Plastik vermeiden, den Müll trennen oder in Sachen Mobilität auf die Umwelt achten. Da hat jeder seinen Gestaltungsspielraum, den er oder sie auch nutzen sollte. Das ist aber nicht die allumfassende Lösung. Wir brauchen auch klare ordnungspolitische Rahmenbedingungen für den Klima- und Ressourcenschutz. Der Markt alleine regelt das nicht. 

In einem Interview mit der „Welt“ sagten Sie „Familie ist die moderne Herausforderung unserer Zeit“. Wie meistert man diese Herausforderung? 

Ich glaube der Schlüssel liegt in der Kommunikation. Wir versuchen es immer hinzubekommen, dass wir als Familie gemeinsam essen und uns austauschen. Und Kinder brauchen Zeit und Begleitung, auch wenn sie schon etwas älter sind. 

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