Anna Basener © Jens Oellermann

Im Roman kannst du schreiben, dass eine Tür schließt, bei einem Hörspiel muss dir immer bewusst sein, wie es klingt.

von Laura Bähr

Frau Basener, Sie haben früher unter Pseudonym Heftromane geschrieben. Warum? 
Anna Basener: Romantik-Heftromane, die ich geschrieben habe, werden immer unter Pseudonym geschrieben, das gehört irgendwie dazu. Da viele Autoren verschiedene Genres bedienen, hat die gleiche Autorin oft andere Pseudonyme für zum Beispiel einen Heimatroman als einen Adelsroman. Es war damals der größte Spaß, mein Pseudonym zu finden. 

Ihr Sachbuch über das Verfassen von Heftromanen gilt mittlerweile als Standardwerk. Kann man das Schreiben lernen oder ist es ein gegebenes Talent? 
Es ist eine Mischung. Ich könnte zum Beispiel nach 10.000 Stunden Üben und Proben bestimmt einen Ton halten, aber ich wäre dann immer noch keine gute Sängerin. Andere hingegen werden mit 10.000 Stunden Weltklasse. Mit ein bisschen Talent, Fleiß und Durchhaltevermögen kann man sehr viel lernen, auch das Schreiben. Aber ein bisschen Talent braucht es eben schon.

Sie haben 2018 den ersten Putlitzer Preis für den amüsantesten deutschsprachigen Roman erhalten. Verändert so eine Auszeichnung den Schreibprozess?
Es macht ein bisschen Druck. Nach so einer Auszeichnung hat man dann natürlich ein Label bekommen, und das kann manchmal auch hemmen. Muss ich jetzt immer witzig sein? Ist der Satz, den ich gerade schreibe, witzig genug? Das muss man dann zur Seite schieben.

Sie haben für das Audible Original-Hörspiel „Die juten Sitten“ eine Geschichte über die Welt der zwanziger Jahre geschrieben. Woher nehmen Sie Ihre Inspiration? 
Grundideen habe ich meistens sehr viele im Kopf. Die spannende Frage ist dann eher, was man genau damit macht und wie man die Ideen verknüpft. Nur über die 20er zu schreiben, ist ja noch keine Idee, aber dann kam noch das Bordell hinzu, und das war der ausschlaggebende Einfall. Dann konnte ich damit beginnen, die Geschichte zu schreiben. Natürlich ist schon viel über die 20er erzählt worden, es ist auch schon viel über Bordelle erzählt worden, aber eben nicht aus der Sicht der Huren. 

Wie haben Sie über einen so speziellen Ort wie die „Ritze“ in Berlin recherchiert? 
Es gab tatsächlich mal eine Kneipe in der Mulackstraße, die die „Ritze“ hieß, unddie auch eine sogenannte Hurenstube hatte. Diese „Ritze“ war nicht hauptsächlich ein Bordell, aber es gab Prostituierte. Teile dieser Kneipe stehen noch im Gründerzeitmuseum in Berlin Mahlsdorf, und die habe ich durch Zufall entdeckt. Da steht noch die Originaltheke aus den 20ern, und Marlene Dietrich und Hans Albers sollen in dieser Kneipe gefeiert haben. Dieser Raum hat damals super viel mit mir gemacht, und da war klar, ich will auf jeden Fall was über diese „Ritze“ schreiben. Und dann habe ich sehr viel gelesen, recherchiert und Literatur führt zu weiterer Literatur. Zum Beispiel zu einem wunderbaren Bildband von Mel Gordan über Sex in den 20ern, der auch beschreibt, was es für unterschiedliche Felder der Prostitution gab. Das ist total interessant, teilweise auch echt eklig, aber ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen, weil es mich so gepackt hat. 

Sie sagten „es war nicht immer leicht die Figuren auszuhalten oder die Wahrheit dieser Zeit“. Welche Wahrheit ist das?
Ein Beispiel dafür sind die „wilden Cliquen“, das waren in den 20ern rivalisierende Banden von obdachlosen Jungen in Berlin, die von Diebstahl und Prostitution gelebt haben. Die hatten wirklich die widerlichsten Aufnahmerituale inklusive Vergewaltigungen. Ich hatte die Idee für die Rolle eines Strichers, der aus dieser Welt kommen sollte: Emil. Er ist durch diese Entscheidung aber natürlich Teil dieser Gewaltwelt worden – und mein Schreiben damit auch. Das war an manchen Stellen schwer auszuhalten.

Gibt es beim Schreibprozess eine moralische Grenze für Sie? Tendenziell Nein. Wenn eine Figur bestimmte Dinge braucht, dann braucht sie die. Ich schreibe keine Lehrbücher oder moralische Leitfaden. Aber die Frage ist natürlich, wie drastisch man es beschreiben muss. Da kann man dann vielleicht auch Dinge durch den Sprachgebrauch zurücknehmen.

Schauspielerin Jeanette Hain sagte in einem Interview über Ihre Geschichte „das Buch ist ein Fest“. Wie wichtig ist die Anerkennung der Schauspieler?
Das ist natürlich ein großes Lob und macht mich stolz. Aber ich kann das nur zurückgeben: Jeanette ist eine tolle Schauspielerin – Traumbesetzung für Hedi. Beim Schreiben denke ich aber nicht darüber nach, ob das jetzt den Schauspielern gefällt, sondern schaue in erster Linie, wo die Geschichte hinwill. Sonst würde ich wahnsinnig werden. „Die juten Sitten“ hat sieben Hauptfiguren, ich kann mich beim Schreiben nicht fragen, wie sieben Schauspieler, die noch gar nicht besetzt sind, den Text wohl finden werden.

Das Wichtigste, so die Meinung vieler Sprecher beim Hörspiel ist, dass die Sprache zum eigenen Herzschlag wird. Die Sprache bei „ Die juten Sitten“ ist sehr direkt und nimmt kein Blatt vor den Mund. Wie haben Sie sich in diese Sprache reinversetzt? 
Unsere Umgangssprache heute unterscheidet sich glaube ich gar nicht so sehr von der Sprache in „Die juten Sitten“. Wenn ich so was lese wie „Fabian“ von Erich Kästner, und ich nicht wüsste, dass das Buch 1931 erschienen ist, dann würde man glauben, „Fabian“ erzählt die Geschichte eines coolen Werbers aus dem Jahr 2019, nur eben ohne Anglizismen.

Aufgrund der derben Sprache ist das Hörspiel erst ab 18 Jahren. Ist der Jugendschutz in der heutigen Zeit, in der Kinder durch Social-Media und die Digitalisierung bereits früh mit solchen Welten in Kontakt kommen nicht überflüssig?
 Ich kenne mich mit Jugendschutz nicht besonders gut aus. Es geht aber bei „Die juten Sitten“ nicht nur um Wörter wie „Ficken“, „Muschi“ und „Schwanz“, sondern auch um moralische Grauzonen, in denen sich die Figuren bewegen. Wer sich damit auseinandersetzt und dieses Hörspiel hört, sollte durchaus schon ein gefestigter Mensch sein und nicht 14 Jahre alt und auf der Suche nach seiner Sexualität. 

Hören Sie privat auch gerne Hörspiele? 
Nicht so viel. Ich schreibe wahnsinnig gerne Dialoge, auch meine Prosa ist sehr dialoglastig, deswegen hatte ich sofort Lust auf die Arbeit an einem Hörspiel. Und seit ich das erste Mal mit Audible für „Be my Match“ zusammengearbeitet habe, beschäftige ich mich auch intensiv mit dem Thema Hörspiel. Da ich während meiner Schaffensphase aber immer sehr viel auditiven Output habe, kann ich dann nicht so gut mit auditivem Input umgehen. 

In unserer heutigen Zeit scheint es schwer, nur eine Sache gleichzeitig zu tun und sich beispielsweise nur dem Hören hinzugeben und der Fantasie damit freien Lauf zu lassen. Teilen Sie diesen Eindruck? 
Ja, die Welt wirkt eher so, als könne sie das aktuell gar nicht alles aushalten. Alles geht schnell, ist bunt und man muss gefühlt immer noch 20 Sachen parallel auf dem Handy erledigen. Aber immer dann, wenn es den Anschein hat, als ob diese Phase auf dem Höhepunkt ist, habe ich das Gefühl, es entwickelt sich eine Gegenbewegung. Und Hörspiele und Podcasts sind glaube ich Teil von genau dieser Gegenbewegung, wenn eben die Sehnsucht einsetzt, jetzt bitte nur noch einen Sinn bespielen und mir ein bisschen Ruhe geben. 

Worin unterscheidet sich die Aufgabe eines Autors im Schreiben eines Buches und im Schreiben eines Stoffes für ein Hörbuch?
Alles was passiert, sollte eine auditive Entsprechung haben. Im Roman kannst du schreiben, dass eine Tür schließt, bei einem Hörspiel muss dir immer bewusst sein, wie es klingt. Dass die Tür mit einem Klack ins Schloss fällt oder mit einem Knall oder dass sie quietscht. In Regieanweisungen aber auch im Erzähltext war Hören beim Schreibprozess der Hauptsinn. 

Auf Ihrem Instagram-Account beschreiben Sie sich als „Writer. Living of lipstick and literature.“ Was macht einen guten Lippenstift aus? 
Dass er hält (lacht). Nach einem Schluck Wasser sollte nicht alles am Glas hängen, und er sollte hoch pigmentiert sein. 

Wozu braucht „Frau“ den Lippenstift? 
Ich glaube, das muss jede Frau für sich beantworten. Wenn wir jetzt die 20er nehmen und „Die juten Sitten“, dann gibt es allein da zwei Frauen, die den Lippenstift ganz unterschiedlich nutzen. Colette ist immer geschminkt und Minna gar nicht. Das war auch so ein Vorurteil, das ich hatte, bevor ich mich mit der Materie Sexarbeit beschäftigt habe, dass alle Prostituierten bestimmt immer stark geschminkt sind. Aber das stimmt nicht, es gibt für alles einen Markt. Auch für Natürlichkeit.

Hedi erzählt in ihrer Geschichte von den „großen Frauen“, die sie geprägt haben. Welche Frauen haben Sie geprägt und warum? 
Privat ist das natürlich meine Familie. Meine Mutter, meine Oma, meine Schwester … Im öffentlichen Leben  gibt es natürlich sehr inspirierende Frauen wie Coco Chanel oder Kaiserin Elisabeth von Österreich, die Golden Girls und Irmgard Keun liebe ich für ihre wundervollen Romane.

Der Weltfrauentag ist mittlerweile ein Feiertag in Berlin. Eine positive Entwicklung? 
Ja, auf jeden Fall. Einmal weil ich überzeugte Feministin bin, und weil ich finde, dass es auch Feiertage geben sollte, die nicht christlichen Ursprungs sind. Wir leben in einer säkularisierten Gesellschaft und gefühlt sind 80% unserer Feiertage noch religiös. Man kann doch auch andere Dinge feiern. 

Was macht Weiblichkeit für Sie aus?
Ich muss sagen, die Frage kann ich jetzt noch weniger beantworten, als vor meiner Arbeit an „Die juten Sitten“, weil mein Bild von Weiblichkeit immer weiter wird. Ich schaue aktuell sehr gern die Serie „RuPauls Drag Race“, eine Talentshow für Drag Queens. Dort lernt man, dass Weiblichkeit nichts anderes außer Inszenierung und die Entscheidung dafür ist. 

Bei „Die juten Sitten“ wie im Titel vermerkt, handelt es sich um in der Gesellschaft vorhandene Regeln des Sozialverhaltens, die jedoch keine Gesetze darstellen. Welche Sitten bestimmen unsere Zeit heute und was können wir eventuell von den damaligen Sitten lernen? 
Also, wenn wir uns die Großstadt in den 20ern anschauen, erscheinen mir die „Sitten“ extrem progressiv, teilweise progressiver als heute. Es sieht so aus, als wären die zum Teil weiter, was Diversität von Geschlecht und Sexualität angeht. Das war bestimmt nicht so, besonders nicht, wenn man ländlichere Gesellschaften von damals betrachtet. Aber die heutige Diskussion um Gender und Diversität scheint mir damals schon auf der Startrampe gestanden zu haben, und sie wäre bestimmt viel früher abgehoben, wenn die Nazis nicht an die Macht gekommen wären.

DIE JUTEN SITTEN sind ab dem 28.3.2019 exklusiv bei Audible verfügbar

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