Guya Merkle © Cem Günes

Die Diskrepanz zwischen einem Luxusprodukt und der Quelle ist immens groß, weshalb Nachhaltigkeit in der Schmuckbranche auch so schwer umsetzbar ist.

von Laura Bähr

Guya, Nachhaltigkeit ist gerade in allen Branchen ein wichtiges Thema. Passen Nachhaltigkeit und Schmuck überhaupt zusammen? 
Guya Merkle: Ja und gerade, weil man diese Verbindung nicht unbedingt auf dem Schirm hat, ist es so wichtig darüber zu sprechen. Die Diskrepanz zwischen einem Luxusprodukt und der Quelle ist immens groß, weshalb Nachhaltigkeit in dieser Branche auch so schwer umsetzbar ist.  Bei einem T-Shirt, das fünf Euro kostet, kann man sich vielleicht denken, dass da irgendwas nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Aber wenn ein Ring 1000 Euro kostet, geht man in der Regel davon aus, dass das Produkt unter fairen Bedingungen hergestellt wurde. Gerade in der Luxusbranche ist es deshalb wichtig, dass man diese Missstände aufzeigt. Wenn wir mal ehrlich sind, braucht eigentlich kein Mensch Schmuck (lacht). Wir könnten auch prima ohne Schmuck leben, aber er macht das Leben einfach schöner, erinnert häufig an besondere Momente und dieses Gefühl sollte eigentlich nicht auf einem dreckigen Geschäft aufgebaut sein. 

Warum ist Gold nach wie vor so ein dreckiges Geschäft?
Letztendlich ist es wie mit jedem anderen Rohstoff auch. Ob wir jetzt über Kobalt sprechen, der für unsere Elektroautos abgebaut wird oder eben über Gold für die Schmuckindustrie. Die Rohstoffe kommen leider immer oft aus den Regionen der Erde, die zwar eigentlich aufgrund ihrer Bodenschätze reich sein sollten, jedoch in der Geschichte nicht gut weggekommen sind. Themen wie Korruption und Ausbeutung spielen da leider immer noch eine große Rolle. Die reichen Länder wollen die Rohstoffe günstig einkaufen, um diese gewinnmaximierend verkaufen zu können. Und das passiert eben auch beim Gold. Gold hat eine lange Geschichte und gilt bis heute als sicheres Invest in Krisenzeiten. Das ganze Problem basiert auf einem Systemfehler, bei dem man sich wirklich die Frage stellen muss, wie wir diese eigentlich reichen Länder, arm zurücklassen können. 

Anm. d. Red.: Am 15. November wird der erste „WORLD GOLD DAY“ von Guya Merkle und der Earthbeat Foundation initiiert, um weltweit (erstmal) ein grundlegendes Bewusstsein für einen verantwortungsvollen und zukunftsorientierten Umgang mit Gold schaffen.

Alle großen Juweliere und bekannten Marken haben mittlerweile Fair-Trade-Linien. Kann man ihnen trauen? Auf was muss man als Kunde achten?
Generell kann man allen offiziellen Zertifizierungen vertrauen. Trotzdem sollte man sich die einzelnen Marken noch einmal genauer ansehen. Goldminen umzustrukturieren ist ein langer und steiniger Prozess, weil man natürlich mit allen möglichen Bereichen in Verbindung kommt. Mittlerweile gibt es ungefähr fünf bis zehn Minen, die zertifiziert sind und damit den fairen Goldabbau unterstützen. Wenn ich dann immer höre, dass eigentlich gefühlt alle großen Marken „fair“ sind, frage ich mich immer, wie diese zwei Fakten zusammenpassen (lacht). Ich finde es natürlich toll, dass sich immer mehr große Marken diesem Thema annehmen, aber trotzdem fehlt mir persönlich die Transparenz. Wir müssen einen ganzen Industriezweig verändern und mir ist klar, dass ich das alleine nicht schaffen kann, das könnte keiner. Um das hinzubekommen, müssten alle Marken in dieser Branche zusammenzuarbeiten und an einem Strang ziehen und nicht auch noch in diesem Punkt in den Wettbewerb treten. Es geht gar nicht darum perfekt zu sein, das ist in kurzer Zeit auch gar nicht möglich, aber wir sollten transparent sein, um dem Kunden klarzumachen, dass es kein leichter Weg wird. 

Was muss eine Schmuckmarke von heute mitbringen, um erfolgreich zu sein? 
Ein tolles Design! Natürlich ist Nachhaltigkeit gerade ein wichtiger Begriff und die Marken, die sich in Zukunft auf dem Markt behaupten wollen, müssen sich diesem Thema auch annehmen, aber das Schöne, der persönliche Stil, darf dabei nicht zu kurz kommen. Wenn wir wirklich langfristig etwas verändern wollen, dürfen wir nicht anfangen Dinge zu verkaufen, die nur fair sind – das Design eines Produktes steht nach wie vor im Vordergrund. Mir ist es auch wichtig ein zeitloses Design zu kreieren. Ich möchte Geschichten vermitteln, die Menschen mit auf die Reise des Schmuckstückes nehmen und sich individuell an sie anpassen. 

Du hast dein Unternehmen „Vieri“ von deinem Vater beziehungsweise Großvater übernommen. Inwieweit prägt diese Familienzugehörigkeit deine Marke auch in aktuellen Entscheidungen? 
Eigentlich prägt sie mich in allem! Ich hätte mir selbst niemals die Schmuckbranche als Arbeitsumfeld ausgesucht, wenn es kein Familienunternehmen gewesen wäre, somit war bereits der Eintritt sehr prägend. Die Schmuckbranche ist eine unglaublich beeindruckende Industrie, schließlich arbeitet man mit den schönsten Rohstoffen der Welt, um noch schönere Designs daraus entstehen zu lassen. Mit solchen besonderen Materialien zu arbeiten hat etwas sehr Demütiges. Besonders stolz bin ich allerdings darauf, welche Transformation unser Familienunternehmen bereits durchlaufen hat. Zu Beginn hatte das Ganze natürlich wenig mit Nachhaltigkeit zu tun, da muss man ganz ehrlich sein.

Du hast mit 21 Jahren das Familienunternehmen übernommen. Fehlt es dir deine Jugend und deine Studentenzeit nicht richtig ausgelebt zu haben? 
Total! Im Nachhinein bin ich aber natürlich auch sehr dankbar für diese Chance und bin stolz auf meinen Weg. Mit Anfang 20 haben sich alle aus meinem Freundeskreis nochmal neu entdeckt, sind auf Weltreise gegangen und wollten von großer Verantwortung nichts wissen. Und ich habe das Familienunternehmen übernommen, das war natürlich im ersten Moment schon eine Umstellung und ich habe auch immer wieder mit der Situation gehadert. Trotz der harten Schule bin ich heute sehr froh, dass ich diese Chance genutzt habe und die Welt auf eine andere Art kennenlernen durfte. Ich bin auf jeden Fall an dieser Aufgabe gewachsen. 

Warum spielt Schmuck heute nach wie vor so eine wichtige Rolle im Leben der Menschen?
Da spielt natürlich die Geschichte eine große Rolle, schließlich galt Schmuck bereits von Anfang an als Zeichen für Schönheit und Reichtum und damit schmücken sich die Menschen eben auch heute noch gern (lacht). Dann ging das mit den Verlobungs- und Eheringen los und schon war Schmuck eigentlich nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken. Schmuck beziehungsweise die einzelnen besonderen Steine sind ein Produkt, was aus unserer Erde hervorgeht und über Millionen von Jahren zu dem wurde, was es dann letztendlich ist. Ich finde das ist ein unglaublicher Werdegang und ein tolles Gefühl für den Träger. Schmuck ist auch häufig ein Ausdruck der Persönlichkeit. Meistens haben besondere Schmuckstücke auch eine Geschichte, die wir über Generationen hinweg weitertragen. Schmuckstücke halten besondere Momente im Leben fest, an denen wir uns jeden Tag erfreuen können.  

Deine Stücke werden auch von Stars wie Rihanna und Emma Watson getragen. Werden solche prominenten Träger immer wichtiger? 
Ich bin sehr zwiegespalten, was dieses Thema angeht. Ich muss sagen, dass es mir damals rein wirtschaftlich überhaupt nichts gebracht hat, dass große Stars meinen Schmuck getragen haben. Also die Verkaufszahlen sind danach nicht durch die Decke gegangen (lacht). Natürlich freut man sich immer, wenn berühmte Menschen sich für das eigene Design entscheiden. Meiner Marke an sich hat es aber nicht so viel gebracht. Vielleicht sind wir dafür aber auch zu klein. Wir wollen eher mit unseren eigenen Geschichten überzeugen und nicht auf Stars verweisen, die sich zwar für unseren Schmuck entschieden haben, aber am nächsten Tag ja auch schon wieder etwas anderes tragen. 

Welche Rolle spielen die sozialen Medien für deine Marke? 
Die werden natürlich immer wichtiger – für alle Marken, in allen Bereichen – schließlich informieren und inspirieren sich die Menschen immer mehr über diese Plattformen. 

Woher nimmst du die Inspiration für deine Entwürfe? 
Das ist tatsächlich ein bunter Mix. Ich nehme die Inspiration aus meinem Umfeld, aus der Kunst und aus der Natur. Bei der aktuellen Cloud-Kollektion wollte ich eine Linie schaffen, bei der die Weiblichkeit im Vordergrund steht. Als mir die Idee kam, war ich gerade an einem Sommertag am See und habe die Wolken am Himmel beobachtet, die sich immer wieder gewandelt und verändert haben. Für mich war das, dass perfekte Vorbild für die Vielfältigkeit und Wandelbarkeit der Frau von heute und schon stand das Design fest. Wenn solch ein Symbol dann noch als Schmuckstück toll aussieht, ist die Arbeit eigentlich getan. Die nächste Kollektion wird von der Lilie, unserem Familienwappen, inspiriert sein, dass ich neu aufleben lasse und Geschichte mit modernem Design verbinde. 

Für wen ist dein Schmuck gemacht? 
Natürlich muss man Schmuckaffin sein und auch eine Leidenschaft für schöne Dinge haben, wenn man sich ein teureres Schmuckstück leisten möchte. Allerdings muss ich sagen, dass auch immer mehr junge Menschen von unserem Design begeistert sind und auch die Botschaft dahinter unterstützen möchten. Solche Menschen sparen dann auch schon mal ein halbes Jahr auf ein Stück. In einer Welt, in der wir uns gefühlt häufig alles sofort, per Mausklick auf dem Sofa und ohne große Überlegungen kaufen können, finde ich diese Entscheidung beeindruckend. Dass man sich mehrere Monate auf ein Stück freut und bewusst dafür Geld zurücklegt, das gibt es heutzutage selten. Allgemein mache ich Schmuck für Frauen, die stolz auf ihre Weiblichkeit sind und dabei spielt das Alter, der Status oder das Einkommen keine Rolle. Mir geht es darum Frauen und ihre Schönheit zu feiern!

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