Oliver Wnuk © Steffen Böttcher

Heute muss der Mann, genauso wie die Frau, alles können.

von Laura Bähr

Herr Wnuk, in Ihrem aktuellen Film der Reihe „Nord Nord Mord“ soll Ihre Kollegin zu Ihrer Vorgesetzten werden und Ihre Figur prangert die „Frauenquote“ an. Wie stehen Sie persönlich dazu? 
Oliver Wnuk: Das muss man differenziert betrachten. Was ich nicht verstehen, dass es da immer noch Unterschiede bei der Bezahlung gibt. Was die Weltliteratur angeht, ist es so, dass von Schriftstellern einfach mehr männliche Figuren geschaffen worden sind, da würde aber auch eine Frauenquote nichts bringen. Und im Film ist es so, dass sind immer noch mehr männliche Regisseure am Drücker sind, das kann ich auch persönlich bestätigen. Ich weiß jetzt aber nicht, ob es künstlerisch wertvoll ist, da eine Quote als Basis für kreative Unternehmungen zu nutzen. Ich finde es gibt keinen Grund, warum Männer in der Regie öfter besetzt werden sollten, aber ob jemand gut oder schlecht ist, kann man ja auch nicht am Geschlecht festmachen. 

Haben Sie eine Ahnung woran das liegt, dass die Männer da immer noch am Drücker sind? 
Natürlich ist das ein Beruf, wo man dirigieren muss und man die Verantwortung für mehrere Millionen Euro trägt, aber es gibt für mich keinen Grund, warum das nicht auch eine Frau können sollte. Für mich als Schauspieler ist es auch völlig egal, ob da ein Mann oder eine Frau auf dem Regiestuhl sitzt, die Person muss einfach gut sein. Aber ich halte ehrlich gesagt auch nichts davon, dass Frauen weiblicher oder emotionaler inszenieren können als Männer, das ist genauso Quatsch. 

Was macht denn einen guten Regisseur aus? 
Ein Regisseur muss kommunizieren können. Zuhören können, Timing haben, gucken können. Und natürlich brauchen verschieden Genres andere Gewichtung der Talente. Aber allgemein, würde ich sagen, sollte er so „egobefreit“ wie möglich agieren. 

Haben es die Männer denn vor lauter Frauenquote und Feminismus immer schwerer? 
Die Männer von heute müssen plötzlich viel breiter aufgestellt sein als vor wenigen Jahrzehnten noch. Sie sollen übermäßig talentiert in der Kindererziehung sein und besonders sensibel sein. Früher war es so, dass der Mann die Brötchen nach Hause gebracht hat und die Frau den Haushalt geregelt und die Kinder erzogen hat. Heute muss der Mann, genauso wie die Frau, alles können. Diese Entwicklung ist wahnsinnig schnell gegangen und ich glaube, dass die soziale Evolution da noch nicht so ganz hinterherkommen ist. Deswegen stoßen Männer und Frauen auch öfter mal an ihre Grenzen, übernehmen sich und schämen sich dafür, nicht allen gesellschaftlichen und den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Es droht der soziale Burnout, wenn man das Gefühl hat, nicht der gesellschaftlichen Supernorm zu entsprechen.

Ihre Figur verändert während des Films Ihren Stil, um ein „neues Ich“ zu präsentieren. Wie stehen Sie zur Mode und zum bekannten Credo „Kleider machen Leute“?
Das ist auch sowas, wo sich die Geschlechterrolle ein bisschen gedreht hat. Bei uns ist es so, wenn wir als Familie verreisen, dann bin ich derjenige, der die meisten Klamotten hat und meine Frau und mein Sohn teilen sich einen Koffer. Ich brauche da einfach die Auswahl, auch wenn ich weiß, dass ich das alles gar nicht anziehe (lacht). Wenn der Körper immer mehr erschlafft, dann muss wenigstens das drum herum noch gut ausschauen. Ich bin schon gerne gut angezogen. 

Im Film wird auf die schlechten Bedingungen in Altersheimen hingewiesen. Nehmen wir in der Gesellschaft aktuell zu wenig Rücksicht auf die Alten? 
Das kann ich nicht beurteilen, was ich aber weiß, ist, dass diejenigen, die die alten Menschen pflegen nicht ausreichend bezahlt werden. Wir müssten alle sozialen Berufe aufwerten – dann käme bestimmt auch den Menschen zugute,die von diesen Menschen abhängig sind. 

Heutzutage müssen Sie sich die meisten Menschen in kreativen Berufen Sorgen um Ihre Altersvorsorge machen. Machen Ihnen solche Gedanken auch Angst?
Mir persönlich nicht, weil ich mich schon länger mit dem Thema beschäftigt habe. Gerade wenn man in so einem Beruf ist, ist es wichtig, dass man früh lernt, wie man mit Geld umgeht. Dass es zu einem Freund wird und nicht zum Problem. Trotzdem kann ich das gut nachvollziehen und ich glaube, da muss man sich auf jeden Fall früh damit beschäftigen, sonst kommt das böse Erwachen. 

Können Sie gut mit Geld umgehen?
Ja. Ich finde Geld als Energieform sehr interessant. Es ist ein spannendes Thema, wie Menschen zu Geld stehen und wie sich diese Beziehung auch meistens im Geldbeutel widerspiegelt. Das Verhältnis zu Geld entwickelt man ja durch eine frühkindliche Prägung, man übernimmt also meistens die Einstellung der Eltern. Ich kenne ganz viele intelligente, versierte Menschen, die alles in ihrem Leben im Griff haben, die man um jeden Rat fragen kann, die aber paradoxerweise überhaupt nicht mit Geld umgehen können. 

Die Reihe „Nord Nord Mord“ ist neben dem Tatort in diesem Jahr die erfolgreichste Krimi-Reihe. Warum? Was ist das Besondere an den deutschen Krimis? 
Ich muss gestehen, ich schaue selten deutsche Krimis. Aber was unsere Reihe ausmacht, ist das Ensemble, die Komik, die Leichtigkeit und natürlich die Insel, auf der wir spielen. Am wichtigsten ist aber die Energie zwischen den Darstellern. 

Die jungen Zuschauer sind in Zeiten von Netflix und Co immer schwieriger vor den Fernseher zu locken. Haben Sie eine Idee? 
Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass es eine Möglichkeit gibt, die Jugend wieder zum linearen Fernsehen zu führen. Allerdings gibt es da auch keinen Grund dafür. Wieso sollte man unbedingt um 20:15 Uhr vor dem Fernsehen sitzen, wenn man doch andere Gewohnheiten kennt. Die Zukunft sind die Mediatheken, das haben die Sender mittlerweile begriffen. Durch das gebührenfinanzierte Fernsehen haben wir, glaube ich, die Möglichkeit eine besondere Vielfalt zu präsentieren, bei der für jeden etwas dabei ist. Die Gefahr die ich sehe, ist die, dass wenn man zum Beispiel ein Format zu einem spezifischen Thema sucht und auf Netflix durch einen schwedischen Krimi fündig wird, kein deutsches Format mehr braucht, schließlich ist ja alles international. Das heißt, der Markt wird viel kleiner, es braucht weniger Teams und weniger Schauspieler. 

Das heißt es gäbe überhaupt keine Formate aus unterschiedlichen Ländern mehr? 
Genau. Stromberg hätte es zum Beispiel so in all den Versionen in beinahe jedem europäischen Land vermutlich gar nicht gegeben. Die nationalspezifische Filmkunst wird so immer mehr aussterben. Jedes Land schaut dann nur noch, was können wir herstellen, was für ganz Europa oder weltweit funktionierten könnte. 

Was könnten wir Deutschen dem großen Markt denn liefern? 
Wir können alles. Ich war mal in der Jury des deutschen Schauspielerpreises und hatte zur Aufgabe, mir alle deutschen Produktionen anzuschauen und ich habe da einen guten Eindruck davon bekommen, wieviel qualitatives, vielfältiges Potenzial hier vorhanden ist. Ich glaube nicht, dass wir uns verstecken müssen. Das einzige was uns fehlt, ist das Geld, um bei den ganz großen US-Produktionen mitzuhalten.

Anfang März war Ihr Film „Klassentreffen“ zu sehen, bei dem Sie kein festes Drehbuch, sondern lediglich Rollenprofile erhalten haben. Sind das die Formate der Zukunft?  
Das war natürlich ein tolles Ereignis! Wenn man die richtigen Leute und das nötige Kleingeld hat, ist das auf jeden Fall ein wiederholenswertes Format. Sowas bricht natürlich mit bekannten Sehgewohnheiten. Ich glaube, ältere Menschen konnten damit nicht so viel anfangen, jüngere schon. Für die Schauspieler ist es natürlich toll, weil jeder seinen eigenen Film spielen konnte.

Sie sind dafür bekannt, Ihrer Rolle in „Nord Nord Mord“ immer wieder komödiantische Züge zu verpassen. Wäre der Beruf des Regisseurs auf Dauer etwas für Sie? 
Ich sehe mich als kreativer Unternehmer und das Leben in erster Linie als Gestaltungsraum. Wenn ich gerade keine Rolle habe und nichts reproduziere, produziere ich sehr gerne, zum Beispiel als Autor. 

Was fasziniert Sie am Schreiben? 
Ich liebe den Moment, wenn man merkt, dass die Figuren ein Eigenleben bekommen und die man selbst zu einer Art Medium wird, durch das die Figuren interagieren. Manchmal weiß man gar nicht wie es weitergehen soll, aber dann wird man still und man bekommt ganz von selbst einen Weg präsentiert. Wie im Leben.

Ist das heute schwieriger, zur Ruhe zu kommen? 
Auf jeden Fall. Der Buchmarkt hat in den letzten Jahren über 6 Millionen Leser verloren, was unter anderem auf Netflix und Co. zurückzuführen ist. Die Leute können nämlich parallel zur Serie viel besser ihre Nachrichten beantworten, als wenn sie ein Buch lesen. 

Merken Sie das selbst auch? 
Ja. Gestern war ich mal wieder im Theater, das Stück ging drei Stunden, das war schon anspruchsvoll (lacht). Man es ist es einfach nicht mehr gewohnt drei Stunden fokussiert auf eine Sache zu bleiben. Vor allem die junge Generation wird da auch immer mehr Probleme damit haben. Ich bin gespannt, wie das in den nächsten Jahren die Bildung beeinflussen wird, schließlich merke ich mir Dinge, die ich lese häufig intensiver, wie wenn ich nur einen schnellen audiovisuellen Eindruck davon bekomme. 

Also brauchen wir neue Bildungsstrategien? 
Ich glaube, die jungen Menschen haben es auf jeden Fall schwerer sich zu fokussieren. Nicht nur aufgrund der vielen Möglichkeiten, sondern auch deshalb, weil man heute viel früher eine Meinung und auch eine Haltung entwickeln muss. Die Kinder und Jugendlichen müssen viel früher wissen, wer sie sind und sein wollen, als zum Beispiel meine Generation. Wir mussten uns damals entscheiden, ob wir „Hip Hoper“, „Punks“ oder einer von denen, die sich immer schwarz angezogen haben, sein wollen. Oder wenn man früher in der Schule Streit hatte, dann war das am nächsten Tag vergessen. Heute gibt es „Schul-Whatsapp-Gruppen“ in denen gleich besprochen werden muss, warum A jetzt B doof findet und was man selbst als C eigentlich dazu sagt. Die können überhaupt nicht mehr abschalten und sind „Dauer-On“. Man hat keine Zeit mehr, Dinge auszuprobieren und sich zu entwickeln. Wenn man aber überhaupt nicht zur Ruhe kommt, so meine Erfahrung, dann kann man auch viel weniger schaffen. 

Kann man da als Eltern in irgendeiner Art und Weise eingreifen? 
Man kann natürlich sagen, ab 20 Uhr kommt das Handy auf den Küchentisch, aber ich glaube auf lange Sicht, hast du da als Eltern keine Chance. Die prägenden Menschen sind in der Zeit die Freunde. Die wichtigste Aufgabe ist es, dass man seinen Kindern ein gutes Wertesystem mit auf den Weg gibt. Dann können sie vielleicht selbst besser einschätzen, was gut für sie ist.

Sie haben in einem Interview mit der Süddeutschen mal gesagt, „sie seien zielorientiert und kein Genießer“. Macht das Leben ohne Genießen überhaupt Spaß? 
Das ist ein sehr altes Interview (lacht). Zielstrebig bin ich immer noch, aber die Ziele müssen natürlich mit meinen Werten übereinstimmen, sonst bin ich nur gestresst und unglücklich. Genuss ist einer der Werte, an dem ich immer noch arbeiten muss, das gebe ich zu. Mittlerweile schreibe ich mir jeden Abend auf, was ich an dem Tag gut gemacht habe, das können auch ganz kleine Dinge sein. Es ist wichtig, sich auch immer wieder die positiven Dinge bewusst zu machen und nicht einfach nur so dahinzuleben. Dann klappt das auch mit dem Genießen ganz gut.

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