Josefine Preuß © ZDF/ Oliver Ziebe

Jeder muss sich Gedanken um seine eigene Zukunft machen, dass macht bestimmt kein Politiker für einen.

von Laura Bähr

Josefine, du hast für deine Rolle in „Nix festes“ einen Jupiter Award bekommen. Was machst du mit so einer Auszeichnung? 
Josefine Preuß: Gerade diese Auszeichnung ist natürlich besonders toll, weil die ja ausschließlich von den Zuschauern vergeben wird. Die Leistung des Schauspielers ist aber auch immer nur die halbe Miete, schließlich kommt es in erster Linie auf ein gutes Drehbuch und auf ein tolles Team an. Ich muss diese Figur leider kaputt machen und zerschlagen, schließlich lebt eine Sitcom vom Ensemble (lacht). „Nix festes“ ist eine Gemeinschaftsleistung und ich fühle mich so, als ob ich diese Auszeichnung für uns alle annehmen darf. Meiner Ansicht nach könnten sowieso viel mehr Schauspielkollegen jeden Tag drei Auszeichnungen bekommen.

Ist die Serie wirklich ein Generationsporträt? 
Wir überzeichnen natürlich. Rein in die Wunde und ein bisschen mit den Klischees übertreiben. Es gibt diese vier jungen Berliner bestimmt irgendwo, aber ob das jetzt das Bild unserer Generation ist, weiß ich nicht. Es gibt schließlich auch sehr gefestigte 30-jährige, die auch schon Haus, Kinder und Garten haben. 

Was sind deiner Meinung nach die größten Probleme unserer Generation? 
Ich glaube, in erster Linie dieses „sich nicht festlegen können“ und die Entscheidungsmöglichkeiten. Jeder möchte nach der Schule erstmal in die Welt und sich ausprobieren, das ist auch toll und das sollte jeder wahrnehmen. Allerdings gibt es eben dann auch junge Menschen, die es nicht schaffen, aus dieser Lebensphase wieder herauszukommen und nicht wissen, was sie danach machen wollen. Die sind dann aber meistens auch nicht auf der Suche nach einem „Ich will ankommen“-Punkt. Die Entscheidungsfreudigsten sind wir heute mit Sicherheit nicht. 

„Nix Festes“ spielt in Berlin, wobei die Stadt als anonyme Großstadt beschrieben wird, in der man sich trotzdem nicht verstecken kann. Was macht das Leben in einer Großstadt für dich aus?
Ich liebe Berlin jetzt schon einige Jahre, durch das Multikulturelle, durch das Offene und durch die Menschen. Diese Stadt hat so viele verschiedene Facetten und Gesichter. Trotzdem kann es manchmal auch ein Dorf sein, wenn man in seinen Vierteln wohnt und immer zum gleichen Bäcker und zur gleichen Apotheke geht. Berlin ist alles und nichts und ich glaube, deswegen zieht es viele Menschen an, aber stößt auch viele Menschen ab. Gerade haben wir hier zum Beispiel richtig schlechtes Wetter und Berlin scheint kalt und dreckig. Dieses Gefühl spiegelt sich dann auch immer in den Gesichtern der Menschen, die unterwegs sind. Das liebe ich. 

In einem Interview mit der FAZ sagtest du mal du musstest „privat nie deine Grenzen austesten, weil du das in ihren Rollen getan hast“. Wird man als Schauspieler anders erwachsen?
Ich wurde auf jeden Fall früher unabhängig. Die Schauspielerei hat meine Kindheit und meine Jugend sehr bereichert, weil ich mein Hobby und meine Leidenschaft zum Beruf machen durfte. Ich bin auch der Meinung, dass sich der Beruf mich ausgesucht hat, ich wollte nämlich nie bewusst Schauspielerin werden. Wenn man als Teenager schon so viele Geschichten durchleben darf, mit so vielen verschiedenen Menschen in Kontakt kommt, dann sind das natürlich Erfahrungen, die man anders vermutlich nicht gesammelt hätte. 

Oliver Berben hat über dich mal gesagt du bist eine der wandlungsfähigsten Schauspielerinnen unserer Zeit. Muss man das heute sein um im harten Schauspielbusiness überleben zu können?
Ich habe ihn bezahlt (lacht). Nein, ernsthaft, ich bin mir nicht sicher. Wandlungsfähigkeit ist meiner Ansicht nach auch immer eine Teamleistung mit Maske und Kostüm. Da bin ich auch immer die erste am Set, die nach einer neuen Haarfarbe schreit oder dem Charakter, etwas anderes mitgeben will, eine Brille, eine Narbe, ein Piercing, alles, um ein neues Aussehen zu schaffen. Ich liebe es mich für meine Rolle zu verändern, wenn es nicht der Gesundheit schadet und keine Grenze überschreitet. Ich will vor der Kamera nicht aussehen wie Josefine, sondern wie der Charakter, den man sich erbaut hat. 

Du hast vor einigen Jahren in einem Musikvideo der Band „Emma 6“ mitgespielt. Privat auch deine Art von Musik? 
Die Jungs auf jeden Fall. Ich durfte ja auch einen Part mitsingen. Die machen gute deutsche Musik, gute Texte, die spielen ihre Instrumente noch selbst. Das ist mein Musikgeschmack, definitiv. 

Was sagst du aktuell zur Situation der deutschen Musik? 
Ich finde, die hält sich gut in den letzten Jahren. Natürlich in erster Linie durch die groß aufblühende Schlagerkategorie, aber auch in anderen Genres. In den letzten Jahren konnten sich ja einige deutsche Künstler etablieren, die sich auch halten können. Vor 10 Jahren war die Aufmerksamkeit und das Interesse Musik in der eigenen Sprache zu hören meiner Ansicht nach noch nicht so groß. Heute schämt man sich nicht mehr im Auto zu sitzen und Mark Forster mitzugrölen (lacht). 

Auch für die Schauspielbranche scheinen die sozialen Medien immer wichtiger, du selbst hast bereits über 60 Tausend Follower auf Instagram. Sind Follower die neue Währung?
Sie werden auf jeden Fall immer wichtig und das ist ganz gefährlich für meine Zunft. Wenn irgendwann das Besetzungskriterium ist, wie viele Follower man als Schauspieler hat und nicht wie viel Talent, dann haben wir viel falsch gemacht. Natürlich erhoffen sich die Macher von den Followern der einzelnen Schauspieler viele Zuschauer und potenziellen Kunden. Trotzdem sollte die passende Besetzung der Rolle an erster Stelle stehen. Ich finde es auch schön, wenn für Schauspielrollen klassische Schauspieler besetzt werden. 

Im SAT1-Film „Dein Leben gehört mir“ spielst du ein Stalking-Opfer. In einem Interview mit der Morgenpost hast du von deinen eigenen Stalkingerfahrungen gesprochen. Hast du das Gefühl wir sind heutzutage durch die neuen Medien neuen Gefahren ausgesetzt?
Auf jeden Fall. Das liegt ja aber auch in der eigenen Natur. Wenn wir ständig öffentlich machen, wo wir sind, was wir machen, was wir essen, dann können es andere auch in Erfahrung bringen. Es fängt immer bei einem selber an. In Zeiten von sozialen Netzwerken kann man nur sagen, auch wenn es ein paar Stunden dauert und man nicht alles versteht, bitte lest die AGBs. Und ich bin mir sicher, 90 % würden nicht mehr das posten, was sie posten. Das Leben ist viel transparenter geworden, wir sind viel transparenter geworden. Wir werden heutzutage gefühlt ständig überwacht. Auf der einen Seite ist das natürlich Sicherheit, zum Beispiel durch Sicherheitskameras im öffentlichen Raum. Trotzdem ist es auch eine Art Überwachung und somit ein Eingriff in unsere Privatsphäre. Um sich selber zu schützen, muss man bei sich selbst anfangen. Ich kann nur sagen, seid vorsichtig, wie ihr euch in den sozialen Netzwerken bewegt und was ihr preisgebt. 

Aktuell kommen immer mehr Filme über Stalking, die Gefahr von K.O. Tropen oder häusliche Gewalt ins Fernsehen. Wird Unterhaltung mit Haltung immer wichtiger? 
Ich glaube das deutsche Fernsehen probiert schon lange auch unbequeme Filme zu machen und auf die unschönen Themen des Lebens hinzuweisen. Wir haben im Film die Möglichkeit viele Menschen zu erreichen und eventuell auch für ein Thema zu sensibilisieren, das sollten wir nutzen. Es muss Filme über solche Themen geben, auch wenn der Zuschauer dann vielleicht mal kurz aus seiner heilen Welt gerissen wird. 

Der Film macht auch deutlich, wie sehr man sich in einem Menschen täuschen kann. Hast du eine gute Menschenkenntnis? 
Mittlerweile behaupte ich ja und wenn ich mir doch nicht so sicher bin, ist es immer gut sich ein Blick von außen zu holen. Was sagen die Freunde oder auch die Familie, die einen ja am besten kennen. Aber ich würde sagen, ich kann gut zwischen den Zeilen lesen.

Du hast dich vor ein paar Jahren in mehreren Interviews kritisch gegenüber der Familienpolitik geäußert. Hat sich die Lage mittlerweile deiner Ansicht geändert? 
Ich weiß gar nicht, ob sie sich verbessert oder verschlechtert hat. Es gibt natürlich immer mal Punkte, die einem vielleicht nicht so recht sind, aber damit müssen wir uns auseinandersetzen. Das sind Sozialthemen, mit denen wir als Gesellschaft umgehen müssen. Momentan haben wir aber glaube ich andere Probleme, als die Familienpolitik. Gerade ist es eher die Gesundheitspolitik oder auch immer noch die Flüchtlingspolitik. 

Ein weiteres schwieriges Thema scheint aktuell die Rentenvorsorge. Du selbst hast in verschiedenen Interviews schon deutlich gemacht, wie wichtig es ist selbst bereits in jungen Jahren etwas zur Seite zu legen und sich Gedanken zu machen. 
Man darf sich nicht nur Gedanken machen, sondern muss auch aktiv werden. Das ist der Kreislauf des Lebens und da muss man einfach vorbereitet sein, man kann das ja jetzt schon nachverfolgen, bei unseren Großeltern und Eltern. Und gerade auch durch aktuelle Änderungen wie dem Wandel von drei Pflegestufen auf fünf Pflegegrade, muss man informiert bleiben. Man muss sich da einfach „reinlesen“, um vorbereitet zu sein. Ich glaube, einige Menschen werden da später aus allen Wolken fallen. Die Rente wird nicht reichen, das sollte jedem bewusst sein. Wir dürfen uns da auch nicht auf andere verlassen und das wir auf das Thema aufmerksam gemacht werden, wir müssen selbst aufmerksam werden. Jeder muss sich Gedanken um seine eigene Zukunft machen, dass macht bestimmt kein Politiker für einen. Die sehen das große Ganze, aber der einzelne Individualist ist denen ja nicht wichtig. Die Lösung ist Selbstinitiative!

Auch in der Reihe „Lotta“, die gleich im Doppelpack mit zwei neuen Filmen im ZDF zu sehen sein wird, werden lebensnahe Themen behandelt…
Das mag ich an dieser Reihe. In diesen Filmen wird der Finger immer ganz tief in die Wunden gelegt, die Geschichten sind nie oberflächlich. Es gibt so viele Bereiche. Besonders wichtig finde ich, dass die gesundheitspolitischen Probleme in unserer Gesellschaft und die schlechte Gesundheitspolitik hier ganz unverschönt angesprochen werden. Gerade in Folge 8 geht es um den Notstand von Ärzten auf dem Land. Was machen die Bewohner auf dem Land, wenn sich gerade mal wieder kein Arzt niederlassen will? Oder Altersarmut, Pflegenotstand, demographischer Wandel und die inzwischen 5 Pflegegrade, weshalb sich viele im Alter die Pflege nicht mehr leisten können – das sind Themen, die richtig weh tun. Und mittendrin Lotta, die fast schon neurotisch die Welt retten will…

Dazu passt dann auch das Thema Aufputschmittel  an der Uni unter den Studierenden, womit Lotta als Dozentin konfrontiert wird…
Ja, ganz schrecklich. Die Studenten nehmen Aufputschmittel, um besser lernen zu können und damit dem Leistungsdruck standhalten zu können. Lottas großer „Verabschiedungsmonolog“ am Ende ihrer Vorlesung über die Wirkung und schlimmen Folgen dieser Drogen ist großartig recherchiert und reflektiert auf erschreckende Weise die Konsequenten einer Droge, die eigentlich mal als Partydroge gedacht war…

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Das fängt schon im Kindergarten an. Schon sehr früh geht es nur noch darum, welches Kind begabter ist und besser gefördert wird. Dabei geht es doch meist um unerfüllte Wünsche der Eltern, nicht die der Kinder, immer besser und besser zu sein. „Lass doch das Kind mal Kind sein“… denke ich da oft.

In einem Interview mit der Morgenpost hast du mal gesagt, dass du keine konkrete Lebensplanung im Kopf hast. In der heutigen Zeit in der gefühlt alles von Selbstoptimierung geprägt ist eine seltene Aussage. Kannst du dich da komplett rausnehmen?
Das Leben ist meiner Meinung nach unplanbar. Ich finde es schön, wenn andere solche Pläne haben, schließlich ist ja auch häufig schon der Weg das Ziel. Meiner Meinung nach muss man es manchmal auch einfach passieren lassen. 

“Lotta & der schöne Schein“ am 18.04.2019 im ZDF – und in der ZDF-Mediathek

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