Julia und Niklas Jessen © Schneid Studio

Schneid Studio: Eine gute Einrichtung hat weniger mit Geld als mit Aktionismus zu tun.

von Laura Bähr

Julia und Niklas, ihr seid seit Jahren als Designduo Schneid Studio unterwegs. Geschmack ist ja immer sehr persönlich… Was macht ihr, wenn ihr euch in Designfragen mal nicht einig seid? 
Schneid Studio: Wir vertrauen der Kritik des Anderen. Wir diskutieren prinzipiell viel und üben uns im Tolerieren der anderen Meinung. Es arbeiten ja nicht nur wir beiden bei Schneid Studio, sondern insgesamt zwölf weitere Mitarbeiter:innen. Da ist bei uns völlig normal, dass Ideen wieder verworfen werden und gehört quasi zum Berufsalltag dazu.

Ihr meintet in einem Interview „gutes Design muss euch vor allem emotional berühren“. Welches Design hat euch zuletzt berührt und warum? 
Schneid Studio: Da fällt uns jetzt kein konkretes Beispiel ein, aber gestern Abend saßen wir zum Beispiel wieder zusammen auf der Couch und haben miteinander gesprochen und festgestellt, wie glückselig wir sind, dass unsere Lampen bei so vielen Menschen Zuhause hängen – und auch bei uns im Haus – und das berührt uns dann schon sehr. Unsere Arbeit ist insgesamt ein recht gefühlvoller Prozess. Und das ist uns sehr wichtig; man muss ja etwas fühlen, um etwas gut zu finden.

„Wir vertrauen der Kritik des Anderen.“

Wann seid ihr mit einem Entwurf richtig zufrieden?
Schneid Studio: Irgendwann merkt man einfach, jetzt ist es so weit. Beim Entwurf kann man sich in die Idee verlieben und das kann auch oft sehr zäh werden; man verliert dann an anfänglicher Verliebtheit. Wir sind kein methodisch-klassisches Designstudio, Unsere Ideen entstehen spontan, wir arbeiten sehr intuitiv und schätzen das sehr. Unsere ersten Holzleuchten sind in der Werkstatt entstanden, dann haben wir die Prototypen gebaut, bei anderen Produkten haben wir uns Modelle bauen lassen und direkt daran verbessert. Es gibt verschiedene Wege, wie  ein Produkt entsteht. Am Ende gehört auch das zu unserer Arbeit: Von fünf Ideen wird durchschnittlich vielleicht eine am Ende auch produziert.

Was passiert mit euren Designs, die es nicht in die Produktion schaffen? Gibt es eine Schublade, die ihr dann nach Jahren wieder öffnet und einen neuen Versuch wagt?
Schneid Studio: Die sind natürlich nicht verloren und ab und an werden die auch nochmal hervorgeholt. Aber auch wenn nicht, möchten wir die auf keinen Fall missen, Schließlich bringen die uns trotzdem voran. Jede verworfene Idee zeigt uns ja, dass wir es so nicht machen wollen. Das ist enorm wichtig für unsere Arbeit.

„Jede verworfene Idee zeigt uns ja, dass wir es so nicht machen wollen. Das ist enorm wichtig für unsere Arbeit.“

Ihr wollt Produkte schaffen, die ihren Besitzer im besten Fall ein Leben lang glücklich machen. Stehen sich hier Design-Philosophie und lukratives Geschäftsmodell nicht im Weg? 
Schneid Studio: Ja, teilweise sicherlich bzw. ist das eine ganz große Herausforderung für uns. Wir wollen Produkte schaffen, die bezahlbar sind und würden uns selbst im Mittelpreissegment ansiedeln und das ist uns auch wichtig. Uns ist es wichtig, Design für normalverdienende Menschen zugänglich zu machen. Nach Corona sind aber die Rohstoffpreise teilweise extrem in die Höhe geschossen; z. B. ist Holz viel teurer geworden. Da wir in Deutschland produzieren müssen wir uns da anpassen, auch wenn das bedeutet, dass dann Produkte ad acta gelegt werden müssen.

Muss Qualität eurer Erfahrung nach immer teuer sein? 
Schneid Studio: Nein, absolut nicht. Es gibt große Brands, die minderwertige Dinge zu hohen Preisen verkaufen und es gibt so viele kleine Händler, die ihre Sachen unter Wert verkaufen.

Wie steht ihr dazu, dass immer mehr Labels entstehen oder bekannte Persönlichkeiten ihre eigenen Interior-Linien designen? Stellt die gesättigte Branche eine Gefahr für viele Designer dar?
Schneid Studio: Das stellt für uns keine Bedrohung dar. Zum einen ist Veränderung immer gut und belebt den Markt, zum anderen sind wir mittlerweile so etabliert, dass uns das mit Blick auf unser eigenes Geschäft keine Sorgen bereitet. Ganz im Gegenteil, wir vernetzen uns regelmäßig und gern mit anderen kleinen (Nachwuchs-)Labels. Im Dezember wird es in der Lübecker Innenstadt einen Pop Up Store geben, in dem wir neben unseren Sachen, Designs von 30 anderen Labels ausstellen werden.

„Wir wollen Produkte schaffen, die bezahlbar sind.“

Dieser Trend führt dazu, dass sich viele Designs – ähnlich wie in der Modebranche – auch immer mehr angleichen. Habt ihr manchmal Angst, dass alles immer einheitlicher wird? 
Schneid Studio: Ich (Niklas) zwinge mich häufiger dazu, mich mit solchen Dingen nicht zu viel zu beschäftigen. ich möchte unvoreingenommen an meine Arbeit herangehen. Ich (Julia) bin da anders und beschäftige mich viel mit dem Thema. Aber prinzipiell gleichen sich die Dinge im Mainstream immer mehr an, ja. Das war aber auch schon immer so. Da schau ich gar nicht so sehr hin. Vielmehr interessieren mich die vielen kleinen Labels, die total spannende Nischenprodukte machen.

Wurde eurer Ansicht irgendwann – ähnlich wie bei der Musik – alles designt und es gibt keine neuen Ideen mehr?
Schneid Studio: Nein, wir denken auch, dass das nicht auf die Musik zutrifft. Natürlich hat man schon alles gehört und auch gesehen. Wenn man so daran geht, muss man sagen, dass die Beatles auch schon alles gesagt haben und dass die letzten 40 Jahre Designgeschichte auch alles erzählt hat. Aber die Herausforderungen oder Anforderungen an gutes Design ändern sich doch stetig. Nachhaltigkeit war z. B. vor 30 Jahren kein Thema. Wir verwenden ausschließlich nachhaltige Materialien. Wir produzieren nur in Deutschland und verpacken ökologisch. Da gibt es natürlich noch viel Luft nach oben, wenn man z. B. an das Cradle-to-Cradle-Prinzip denkt. Aber so ändern sich eben die Herausforderungen der Zeit.

„Die Herausforderungen oder Anforderungen an gutes Design ändern sich stetig.“

Reicht es heute noch „schöne Dinge“ zu entwerfen oder muss ein Design immer eine Innovation darstellen?
Schneid Studio: Wir bewegen uns zwischen Design und Kunst. Eine funktionale Innovation braucht es nicht immer, nein. Eine Lampe muss z. B. nicht unbedingt auch eine Raumtrennung sein. Aber ein gutes Design muss Spannung im Betrachter auslösen. Das kann durch Farben, Formen oder sonstiges passieren. Unser meistverkauftes Produkt, die Junit Lampe, kommt z. B. ohne funktionale innovation daher; überzeugt aber durch Form und Farbe.

Einrichten und das perfekte Zuhause rücken immer mehr in den Fokus der Menschen. Chance oder Gefahr für die Szene? Kann man sich eurer Ansicht nach glücklich wohnen? 
Schneid Studio: Ja, ich glaube schon. Das merken wir auch bei uns selbst. Als wir in unser Haus eingezogen sind und da alles Baustelle war, war das schon oft ganz schön anstrengend. Das kann richtig unglücklich machen. Einrichtung hat für uns auch wenig mit Geld zu tun, sondern vielleicht mehr mit Aktionismus. Es ist eben die Frage, wie intensiv man sich mit seiner Einrichtung auseinander setzt und viel Energie und Kreativität man da rein investiert.

„Einrichtung hat für uns auch wenig mit Geld zu tun, sondern vielleicht mehr mit Aktionismus.“

Auch das Thema Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. In der Fashionbranche ist damit auch die Bewegung des Greenwashings einhergegangen. Gibt es diese „Blender“ in der Interior-Branche auch?
Schneid Studio: Das ist in unserer Branche noch nicht so richtig angekommen. Wir haben eher das Gefühl, dass Nachhaltigkeit an sich noch kein großes Thema in Deutschland ist. Wenn man sich die großen Marken anschaut, die dann nach wie vor ihre „skandinavischen Designs“ in fernen Ländern produzieren, hat man das Gefühl, dass da noch nicht so viel Awareness in der Branche für dieses sehr wichtige Thema herrscht. Wir produzieren hingegen nur in Deutschland. Wir hatten mal überlegt, unsere Keramik im europäischen Ausland zu produzieren, haben uns aber dagegen entschieden und fertigen jetzt in unserer eigenen Keramikwerkstatt.

Wie sehr lasst ihr euch vom Markt und den Bedürfnissen der Menschen beeinflussen? Designt man für sich selbst oder immer für den Endkunden? Seht ihr euch eher als Künstler oder als Dienstleister? 
Schneid Studio: Natürlich sind wir beeinflusst. Man kann sich davon einfach nicht komplett frei machen. Wir sind schließlich in Deutschland, einem der größten Wirtschaftsländer weltweit aufgewachsen. Wir sehen uns als Dienstleister und als Künstler. Wenn es in die Ideenentwicklung geht, sind wir ganz Künstler, wenn es an die Vermarktung geht, sind wir Dienstleister oder Vermarkter; irgendwie braucht man beides, um erfolgreich zu sein.

„Wir sehen uns als Dienstleister und als Künstler.“

Welche Rolle schreibt ihr Deutschland als Design-Land zu? 
Schneid Studio: Wir sind beide große Fans von vielen deutschen Designern, haben aber das Gefühl, dass das in Zeiten der Globalisierung und in Zeiten von Social Media gar nicht mehr so eine große Rolle spielt. Die Grenzen verschwimmen da sehr. Wir machen da gar keine nationalen Unterschiede und wollen das auch eigentlich gar nicht.

Was haltet ihr von den sozialen Medien für die Branche? Dass sich jeder überall und jederzeit über Design informieren und Inspiration austauschen kann? 
Schneid Studio: Einerseits ist das eine tolle Entwicklung; andererseits ist ja auch bekannt, dass Algorithmen dazu beitragen, dass man Dinge sieht, die sich ähneln. Dann muss man sich schon fragen, wie inspirierend das am Ende noch ist? Eine tolle Sache ist für mich (Niklas) z. B. YouTube. Als ich Teenager war und mir etwas beibringen wollte, war das enorm schwer, weil es nicht so etwas wie YouTube gab. Jetzt kann ich alles, was ich ausprobieren möchte, bei YouTube finden; das finde ich schon super. 

„Als ich Teenager war und mir etwas beibringen wollte, war das enorm schwer, weil es nicht so etwas wie YouTube gab.“

Was braucht ein Designer eurer Meinung nach heute, um erfolgreich zu sein?
Schneid Studio: Zu dieser Frage könnten wir ein Buch schreiben. Sicherlich Durchhaltevermögen, Mut und Ausdauer. Wenn man anfängt, darf man keine Scheu haben, sich auch mal mit Dingen zu beschäftigen, die einem fremd sind oder von denen man gar keine Ahnung hat. Für viele junge Designer ist der Verkauf ein Riesen Thema. Es ist enorm wichtig, dass man weiß, wie man sich selbst gut verkaufen kann. Eine sehr große Rolle spielt auch unsere Squarespace-Website. Hier müssen wir unsere Geschichte in kurzer Zeit erzählen, um uns gegenüber der Konkurrenz zu positionieren. Unsere Webseite bzw. unser Webshop bietet uns auch die Möglichkeit, außerhalb von Lübeck bzw. Deutschland zu verkaufen. Unser „digitales Studio“ ist enorm wichtig für unser Geschäft.

Verfällt man als Designer dazu zu viele schöne Dinge und eigene Designs zu Hause zu horten? Braucht ein gutes Design auch „Platz und Luft zum Atmen“? 
Schneid Studio: Bei uns zuhause ist es nicht so vollgestellt. Wir sind auch nicht super krasse Konsumenten. Wir müssen auf der Arbeit und fürs Studio so viele Maschinen und Geräte anschaffen, dass wir zuhause die Weite genießen. Von daher, ja – schöne Dinge brauchen Luft zum atmen. Unsere Designsprache ist ja auch sehr klar, das macht schon Sinn, den Dingen Raum im Raum zu geben. 

„Schöne Dinge brauchen Luft zum atmen.“

Wie oft ändert sich die Einrichtung bei euch Zuhause? Braucht man für einen frischen Kopf und neue Ideen Abwechslung in Sachen Design um sich herum?
Schneid Studio: Wir haben genug Veränderung im Leben, Zuhause brauchen wir daher Ruhe. Wir sind immer noch dabei diesen Ort, unser Zuhause aufzubauen und gehen da sehr bedacht ran: Wir haben sehr viel selbst gebaut. Unser Ziel ist es natürlich nicht, dass wir die Sachen nach zwei Jahren wieder rausschmeissen. 

Welches Zimmer stellt in Sachen Einrichtung die größte Herausforderung dar und warum?
Schneid Studio: Vielleicht die Küche? Weil die einfach eine extreme Funktion mit sich bringt. Da ist man von Vornherein ein bisschen beschränkter, als in anderen Räumen. Aber ehrlich gesagt, sind wahrscheinlich alle Räume gleich schwer bzw. ist es erstmal überhaupt schwer zu erfahren, welche Möglichkeiten es gibt, um so einen Raum zu verändern; welche Materialien und Oberflächen es gibt. Die Ideen sind immer schnell da, die Umsetzung ist das eigentlich schwierige. 

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