© Liberta Haxhikadriu

Wenn du dich selbst zur Marke machst, lässt sich nicht verhindern, dass deine Arbeit und dein Leben ineinander verschwimmen.

von Laura Bähr

Liberta, du moderierst aktuell die Miss Germany Wahl 2021 – was hast du bisher von dieser Zeit mitgenommen?
Liberta Haxhikadriu: Ich habe im Zuge der Moderation mit vielen interessanten und starken Frauen über ihre bewegenden Geschichten gesprochen und freue mich sehr, dass bei der Miss Germany Wahl heute andere Werte zählen, als der Taillenumfang, das starre Zahnpastalächeln und die Wimpernextensions. Frauen bekommen eine Plattform, ihre Geschichte zu erzählen und ihre Werte zu vertreten. Und zwar nicht durch ihre makellose Optik, sondern durch ihre inspirierende Worte und Taten. Googelt mal Schönheit -wir sind uns sicher einig, dass die Definitionen, die da ausgespuckt werden, nicht mehr zeitgemäß sind. Zum Glück hat Miss Germany das erkannt! Das ist ein Schritt in die richtige Richtung!

Wie hat sich deine Einstellung zum Thema Schönheit verändert, seit du in den sozialen Medien aktiv bist?
Ich finde es erschreckend, wie sich vermeintliche Schönheitsideale durch Instagram entwickelt haben. Ich sage hier ganz bewusst „vermeintlich“, weil ich diesen ganzen makellosen Fake-Einheitsbrei, den man so oft sieht, nicht nur langweilig, sondern auch gefährlich finde. Vor allem für sehr junge Mädels, die sich ohne Filter irgendwann gar nicht mehr gefallen. Das kann viel mit dem eigenen Selbstbild machen. Ich mache mich davon auch nicht frei. Natürlich sind wir Influencer in einer Branche unterwegs, in der Schönheit dein Business und eine gewisse Ästhetik dein USP sind. Da passiert es automatisch, dass man sich vielleicht auch mit anderen vergleicht. Wichtig ist es, trotzdem bei sich selbst zu bleiben, und zwar auch bei den eigenen Makeln. Das musste ich auch erst lernen, aber mittlerweile hat sich mein Ästhetikempfinden dahingehend verändert, dass ich perfekte Bilder in der perfekten Pose mit dem perfekten Licht und perfektem Make-up oft überscrolle, weil es mich einfach langweilt. Niemand ist perfekt, das wissen wir doch alle. Nicht die Person, die verbissen jedes Foto facetuned und dreißig Filter drauf legt, ist schön. Eine Person, die zu ihren Ecken und Kanten steht, diese nicht versteckt und mit einer gewissen Lässigkeit damit umgeht ist für mich schön. Und genau das versuche ich auch selbst auf meinem Kanal zu zeigen.

Du bist gefragte Kooperationspartnerin großer Modemarken und hast jetzt vor kurzem deinen eigenen Ingwer-Shot auf den Markt gebracht. Was macht die Marke „Liberta Haxhikadriu“ aus? Wonach wählst du die Produkte aus, für die du stehst?
Jetzt muss ich hier leider mit einem richtigen Unwort um die Ecke kommen, aber das wichtigste ist mir tatsächlich Authentizität. Um das mal runterzubrechen – eigentlich stelle ich mir zu jeder Kooperation und jedem Produkt, das ich bewerbe, drei Fragen: Passt das Produkt zu mir und meiner Bildsprache? Gibt das Produkt meinen Followern einen Mehrwert? Und kann ich hinter dem Image und den Werten der Marke stehen? Ihr werdet auf meinem Kanal NIE Produkte finden, hinter denen ich selbst nicht stehe und ich behaupte mal, meine Follower und deren Interessen ziemlich gut zu kennen, und möchte natürlich auch nur relevante Inhalte präsentieren.

Die Unternehmerin Tijen Onaran hat vor kurzem den Ratgeber „Nur wer sichtbar ist, findet auch statt“ rausgebracht. Was hälst du von diesem Satz?
Ein ganz klares Jein. Ja: In der Social Media Welt ist die Rechnung einfach. Je sichtbarer du dich machst, desto höher ist das Engagement und desto besser ist die Auftragslage. Nein: Leute, die Welt dreht sich nicht nur um Intagram. Es gibt unzählige Menschen da draußen die nicht unbedingt sichtbar sind und die vermutlich mehr auf der Welt bewegen als so manch einer, der jeden Tag laut und präsent ist.

Viele Experten raten mittlerweile dazu auch regelmäßig Social Media Pausen einzulegen. Hattest du selbst schon mal eine Pause nötig? Woran erkennst du das?
Ich würde sagen, dass mein eigener Social Media Konsum sehr gesund ist – vielleicht gerade, weil es auch mein Arbeitstool ist. Darum lege ich das Handy vielleicht auch bewusster zur Seite um abzuschalten – und das klappt (mittlerweile) auch sehr gut. Das war aber nicht immer so. Es gab auch Zeiten, in denen mich die ständige Erreichbarkeit, die Schnelllebigkeit und der Content Overload sehr unter Druck gesetzt haben und ich natürlich auch Angst hatte, Aufträge zu verpassen. Es klingt vielleicht abgedroschen, aber wenn du dich selbst zur Marke machst, lässt sich nicht verhindern, dass deine Arbeit und dein Leben ineinander verschwimmen. Heißt für mich: Ich muss mir die Work-Life-Balance ganz gezielt schaffen, mein eigenes Konsumverhalten prüfen und das Handy einfach mal weglegen und Feierabend machen und Dinge nur für mich tun, ohne sie zu teilen.

In deinem Podcast „Lena und Liberta“ mit Lena Lademann sprecht ihr immer wieder auch gesellschaftliche Themen an, zuletzt mit dem Titel „Die Zukunft ist weiblich“. Für alle, die die Folge noch nicht gehört haben, wieso glaubt ihr das? Was kann uns eine weibliche Zukunft alles ermöglichen?
Wow, wo fange ich hier an? Also, in der Folge ging es vor allem darum, die gängigen Rollenklischees endlich abzulegen, die leider immer noch Gang und Gebe in der Gesellschaft sind. Genauso wie die Pay-Gap und die Benachteiligung von Frauen in Sachen Karriere. Na klar, wir Frauen bekommen die Kinder, und klar, auch wir sind meistens diejenigen, die in Mutterschutz gehen. Ob das eine Rolle beim Recruiting für Führungspositionen spielt? Safe!
Schlimm genug! Was aber gar nicht geht: Frauen für ihre Entscheidungen zu blamen. Frau bleibt länger als sechs Monate im Mutterschutz? Glucke! Frau kommt schon nach drei Monaten Mutterschutz zurück in den Job? Rabenmutter! Frau bekommt gar keine Kinder? Wertlos! Frau ist direkt und sagt ihre Meinung? Zicke! Frau hat am Ende noch gern Sex und steht auch dazu? Schlampe! Es geht darum, Frauen in ihrer Entscheidung nicht zu be- und verurteilen und Steine in den Weg zu legen, sondern sie als wichtigen Teil der Gesellschaft und der Wirtschaft zu supporten. Egal, ob Mutter oder kinderlos. Egal, ob sie beim Date Bier oder Prosecco bestellt. Egal, ob sie mehr oder weniger verdient als der Partner. Breaking News: Frauen sind nämlich nicht das schwächere Geschlecht!

Lena und du werdet immer wieder für eure komödiantische Art gelobt und bewundert. Wäre der Beruf des Comedians eine ernste Alternative für dich?
Ich freue mich sehr darüber, wenn ich andere zum lachen bringen kann bzw. darf und mit Lena im Doppelpack macht es natürlich umso mehr Spaß. Eine Karriere als Comedian habe ich allerdings nicht vorgesehen. Ich kann mir vorstellen, dass das „auf Knopfdruck“ witzig sein langfristig einfach irgendwann nicht mehr mit so viel mit „Spaß“ zu tun hat und auch in diesem Berufsfeld der Druck stark zunehmen könnte ständig performen zu müssen und den Erwartungshaltung der Zuschauer gerecht zu werden witzig zu sein. Ich behalte mein Humor lieber für mich, meinen engeren Kreis und selbstsverständlich für meine überschaubaren Followerschaft. Die sind mir auch nicht böse, wenn ich mal nicht „so witzig“ bin sondern einfach nur Liberta sein darf.

Wir haben vor einiger Zeit mit dem Comedian Shahak Shapira gesprochen, der meinte „Ich sehe im Moment das Problem, dass jeder Relevanz bekommt und jeder somit auch das Gefühl hat, dass seine Meinung gefragt ist. Wir bekommen immer das Gefühl, dass unsere Meinung gefragt ist und dann zählt die Meinung von anderen, zum Beispiel von Experten, immer weniger.“ Deine Einschätzung dazu?
Dem stimme ich nur teilweise zu! Es gibt Themen, für die muss man kein Experte sein, um eine Meinung zu haben. Ein aktuelles Beispiel ist das Thema Moria – insbesondere, wenn es um Spendenaufrufe geht. Jeder, der seine Reichweite nutzt, hilft. Da geht es nicht um Expertise, sondern einfach um Mitgefühl und Menschlichkeit! Ein wenig anders sehe ich es allerdings auch bei Themen, die nicht auf Emotionen, sondern auf Fakten beruhen. Wie schnell sich Fake News und gefährliches Halbwissen verselbstständigen, wissen wir alle seit dem ersten Corona Lockdown. Hier besteht natürlich die Gefahr, dass fundierte Stimmen von Experten untergehen, wenn jeder sein Halbwissen laut in die Welt herausschreit. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass wir alle durch unsere Mediennutzung auf Sensationslust gepolt sind – ich sag nur Clickbaiting und Boulevardpresse! Was wir aber nicht vergessen dürfen: Informationsfreiheit ist auch ein Privileg und bedeutet nicht nur, dass man Zugang zu Infos bekommt, sondern ebenfalls, dass man seine eigene Meinung teilen kann. Aus diesem Grund ist es auch so wichtig, Informationen zu hinterfragen, bevor man sie wiedergibt.

Inwiefern hat dich als Influencerin und Content Creator die Corona-Krise beruflich getroffen? Welche Learnings nimmst du aus dieser Zeit mit?
In der Retrospektive kann ich ganz klar sagen, dass die Auszeit mir sehr gut tat. Als es aber im März losging und die ersten Aufträge gecancelt wurden, habe ich mir natürlich auch große Sorgen gemacht, weil keiner richtig einschätzen konnte, wie es weitergeht. Ich bin ja immer oft gereist und habe superviel gearbeitet – da war es natürlich beängstigend, auf einmal im gefühlten Hausarrest ohne großen Workload zu sitzen. Ich denke, das war für jeden Freelancer eine schwere Zeit, finanziell und mental. Da ich an der ungewissen Auftragslage nichts ändern konnte, habe ich versucht, meine neu gewonnene freie Zeit trotzdem sinnvoll zu nutzen. Hieß für mich: Me-time genießen, viel lesen, meditieren, (virtuelle) Zeit mit Freunden verbringen – alles Dinge, zu denen ich vorher viel zu selten gekommen bin, die aber meinen Akku definitiv wieder aufgeladen haben. Gott sei Dank dauerte diese Flaute nicht allzu lange an. Was ich trotzdem als Learning mitnehme: Es ist so wichtig für die Gesundheit – physisch und mental – sich Zeit für sich selbst zu nehmen, gerade wenn man selbstständig ist und sehr viel arbeitet.

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