Eckart von Hirschhausen: Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten.

von Laura Bähr

Herr von Hirschhausen, Sie gelten als bekanntester und vor allem beliebtester Arzt Deutschlands. Welches Rezept würden Sie der Menschheit aktuell gerne verschreiben?
Eckart von Hirschhausen: Eine sehr gute Grundregel des ärztlichen Handelns lautet: erst die Diagnose, dann die Therapie oder das Rezept. Wenn vielen Menschen immer noch nicht klar ist, in welcher wirklich bedrohlichen Situation wir sind, braucht es eine unverblümte Schilderung dessen, was heute schon passiert, und was an Krisen, Konflikten und Vollkatastrophen auf uns zu kommt, wenn wir nicht handeln. Es liegt in der Natur der Kipppunkte, dass sie wenn sie einmal überschritten wurden, mit keinem Geld, keiner Erfindung und keiner Macht der Welt rückgängig gemacht werden können.

Eine Art, die ausgestorben ist, kehrt nie mehr zurück. Wenn die Gletscher und Eismassen an den Polkappen abgeschmolzen sind, setzen Kettenreaktionen ein, die es immer heißer werden lassen, und und und. Das ist alles nicht zu beschönigen und macht es überhaupt nicht einfach, optimistisch zu bleiben.  Aber zwei Punkte geben mir Anlass zur Hoffnung: Erstens – wir können noch etwas ändern, und es lohnt sich um jede Tonne vermiedener Emissionen und um jedes Zehntel Grad zu kämpfen. Entscheidend ist wirklich, was wir in diesem Jahrzehnt auf den Weg bringen. Und: wir erleben gerade historische Zeiten.

„Eine Art, die ausgestorben ist, kehrt nie mehr zurück.“

Das Bundesverfassungsgericht hat ein sensationelles Urteil gefällt, dass wir die Freiheit der nächsten Generationen zur Leitschnur der heutigen Entscheidungen machen müssen, damit ist klar, alle Parteien müssen dafür konkrete Umsetzungen anbieten. Das Klimathema hat nicht nur die Europawahl bestimmt, es ist das zentrale Thema für die nächste Regierung. Auch die Tatsache, dass mein Buch über das wirklich nicht leichte Thema Klimawandel und Gesundheit direkt auf Platz eins der Spiegelbestsellerliste landete, zeigt mir: viele Bürgerinnen und Bürger wollen Bescheid wissen, mitreden und mitgestalten, da sind sie vielleicht sogar im Kopf schon weiter als die große Politik.

Man sagt, man verlängert sein Leben, indem man weglässt, was es verkürzt. Welche Dinge sollten wir ab morgen lieber alle weglassen?
Eckart von Hirschhausen: Rauchen. Das eigene Rauchen und das Rauchen von Kohlekraftwerken. Luftverschmutzung ist weltweit der Killer Nummer eins. Und Erneuerbare Energien haben massive Gesundheitsvorteile – ein Solarpanel stinkt nicht! Wir müssen viel mehr betonen, welche Vorteile wir selber haben, wenn wir für den Klimaschutz handeln: Radfahren statt Auto, Zug statt Flugzeug und Gemüse statt Fleisch. Als Arzt interessiert mich der gesundheitliche Vorteil dieser Maßnahmen.

Ich atme lieber die Abgase von 10 Radfahrern ein als von einem SUV. Und in einer Welt, in der rund 2 Milliarden Menschen übergewichtig und eine Milliarde mangelernährt sind, müsste es doch eine bessere Verteilung zum Wohle aller geben, oder? Die Idee einer „Planetary health Diet“ verbindet das, was dem Körper guttut, mit dem, was dem Planeten guttut. Und das ist vor allem weniger Fleisch, weniger Zucker und Milchprodukte, mehr Nüsse, Hülsenfrüchte und buntes Gemüse. Damit „verzichtet“ man auf Millionen Herzinfarkte und Schlaganfälle, und auf die kann ich gern verzichten. 

„Luftverschmutzung ist weltweit der Killer Nummer eins.“

Sie sind Autor, Unternehmer, Wissenschaftsjournalist und Arzt. Sind Sie ein Workaholic? 
Eckart von Hirschhausen: Macht man sein Hobby zum Beruf, muss man nie mehr arbeiten. Was soll ich sagen, ich langweile mich nur sehr ungern. Zudem habe ich sehr gute Mitarbeiter:innen über die Jahre um mich, nur deshalb kann ich mich auf die Dinge konzentrieren, die ich gut kann und die jetzt wichtig sind, schnell, effektiv und verständlich in die Welt zu tragen. Denn die kommenden Jahre entscheiden darüber, wie es überhaupt mit uns Menschen auf der Erde weitergeht. Und ich lebe auch gerne!

Apropos „sich ungern langweilen“. Sollten wir uns nicht alle häufiger langweilen, um neue Kreativität zu entfalten und von der allgemein beliebten Selbstoptimierung ein bisschen Abstand zu nehmen?
Eckart von Hirschhausen: Ja, wir brauchen neue kreative Gedanken und Ansätze, wir brauchen neue Formen des Zusammenlebens, weniger Konkurrenz, mehr Kooperation und Gemeinwohlorientierung. Statt wie in den 80er-Jahren die „Selbstfindung“ als das wichtigste Projekt seines Lebens anzusehen, könnte es heute genau um das Gegenteil gehen: die Selbstaufgabe – weniger Ego und Optimierung, mehr Hingabe und Bereitschaft zu teilen. Damit ließen sich zwei Dinge verbinden: die Rettung der eigenen seelischen Gesundheit und die dringend notwendige Reduktion unseres Ressourcenverbrauchs.

„Macht man sein Hobby zum Beruf, muss man nie mehr arbeiten.“

In vielen Shows werden wichtige Thematiken mundgerecht verpackt. Müssen wir die Probleme der Menschheit so präsentieren, dass Menschen sie als kurze Wissensbrocken in den Alltag integrieren können?
Eckart von Hirschhausen: Wissensbrocken klingt für mich sehr unverdaulich (lacht). Wie wäre es mit Happen? In der Tat besteht ein zentrales Problem der Wissenschaftskommunikation gerade in dem Umgang mit Fakenews und gezielter Verunglimpfung von Personen der Öffentlichkeit. Leider finden sich auf guten Seiten viele Antworten nur in Schriftform, und halten in der Machart nicht Schritt mit den Entwicklungen und Darstellungsformen von heute. Es fehlt an der Übersetzung in gute wissensbasierte Videos, Animationen und schnelle Reaktionen auf neue Gerüchte. Ich kann sehr die Seiten und Kanäle von WDR „Quarks“ empfehlen, die sehr gute Erklärvideos machen und trotzdem auch die emotionale Seite nicht außer Acht lassen.

Virologen wie Professor Christian Drosten sind während der Corona-Krise zu verehrten und zugleich verhassten Stars aufgestiegen. Macht die Arbeit als Arzt und Wissenschaftler überhaupt noch Spaß, wenn man sich ständig für seine Einschätzungen rechtfertigen muss? 
Eckart von Hirschhausen: Nein, das tut es mitunter nicht. Aber Spaß ist bei diesem Thema auch nicht das Entscheidende. Dennoch machen mir der Hass und die Aggressivität in der Diskussion große Sorge. Aber man kann dem nur entgegenhalten: Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Es ist zum Beispiel wahnsinnig anstrengend mit Klimaleugnern zu diskutieren – jeder meiner Facebook-Posts zu diesem Thema wird teilweise auch sehr tendenziös und manchmal schlicht unterirdisch hasserfüllt kommentiert – aber es ist dringend nötig, es immer wieder zu betonen: der Klimawandel ist real und menschengemacht. Und deshalb können und müssen Menschen etwas dagegen tun.  

„Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten.“

Im Gegensatz zu vielen aktuell auch greifbareren Problemen stellt der Klimawandel nach wie vor eine Aufgabe dar, die irgendwann, irgendwo, irgendwem passieren wird und häufig siegt die Bequemlichkeit. Können wir auf der Basis der Freiwilligkeit so überhaupt arbeiten?
Eckart von Hirschhausen: Karl Valentin sagte sehr treffend: Der Mensch ist gut, nur die Leut´ sind schlecht. Wir sehen also nicht, was wir in Summe anrichten, weil jeder seinen eigenen Beitrag für klein und unbedeutend hält. Wenn das aber 8 Milliarden so sehen, haben wir ein Problem. Sehr menschlich ist auch, auf andere zu zeigen, auch wenig hilfreich. Menschen sind nicht gut oder schlecht, sondern in hohem Maße Gewohnheitstiere und soziale Wesen. Wir tun was wir für „normal“ halten.

Und deshalb ist es so wichtig, gute Regeln für alle zu finden: wer die Luft verdreckt, soll dafür zahlen. Wenn wir ehrliche Preise hätten für die Dinge, wäre auch allen klar: „Bio“ ist nicht teuer, sondern das Billigfleisch durch Milliarden an Subventionen zu billig und zerstört für den Futterbedarf den Regenwald, durch die „Abgase“ der Kühe die Atmosphäre und durch die Gülle die Böden und Gewässer. All das sieht man aber als Städter am Kühlregal nicht, deshalb muss das sichtbar gemacht werden. Wie wäre es, wenn man für jedes Kilo Billigfleisch ab sofort an der Supermarktkasse einen 20 Liter Eimer Gülle mit ausgehändigt bekommt? Mehr Menschen würden automatisch weniger Fleisch essen.

„Menschen sind nicht gut oder schlecht, sondern in hohem Maße Gewohnheitstiere und soziale Wesen.“

Sie sagten mal in einem Interview: „Wir brauchen mehr Humor in der Umweltkommunikation.“ Inwieweit kann uns Humor bei solchen entscheidenden Fragen helfen?
Eckart von Hirschhausen: Wenn Sie mich fragen, kann Humor bei allen entscheidenden Fragen des Lebens helfen! Die Umweltkommunikation ist sehr emotional aufgeladen und wird zum Teil sehr verbiestert geführt, da kann Humor helfen, den Fokus wieder auf die wesentlichen Themen zu rücken. So liebe ich die Plakate mit Augenzwinkern der „Fridays For Future“: „Kurzstreckenflüge nur für Insekten“, „Wozu Bildung, wenn keiner auf die Wissenschaft hört?“ oder „Klima ist wie Bier – zu warm ist doof!“ Oder mein Liebling: „Ich bin so sauer, ich habe sogar ein Plakat gebastelt…“

Der Meteorologe Sven Plöger sagte im Interview mit uns: „Man kann sein Geld heutzutage nicht besser anlegen, als es in den Klimaschutz zu stecken und die Wirtschaft umzugestalten.“ Was sagen Sie dazu? Kann sich der Klimaschutz auch wirtschaftlich lohnen?
Eckart von Hirschhausen: Ja! In der Coronakrise sind nachhaltige Geldanlagen viel stabiler gewesen. Der erste Schritt, den jeder gleich nach dem Durchlesen durchführen kann: sein Konto umziehen auf eine Bank mit echten nachhaltigen Standards, den Stromanbieter wechseln und an eine Organisation spenden, die für die politische Willensbildung arbeitet – das sind die besten „Investments“ mit einem großen Hebel.

„Humor kann bei allen entscheidenen Fragen des Lebens helfen.“

In Ihrem neuen Buch „Mensch, Erde. Wir könnten es so schön haben„, sprechen Sie darüber, dass wir in erster Linie nicht die Erde, sondern uns selbst retten müssen, da es gesunde Menschen nur auf einem gesunden Planeten geben kann. Warum stehen wir unserer Zukunft selbst im Weg? 
Eckart von Hirschhausen: Diese Frage kann ich nicht beantworten außer mit einer Gegenfrage, die mir Jane Goodall stellte und die mein Leben verändert hat: Sie sagte: „Wenn wir Menschen die intelligenteste Art auf Erden sind, warum zerstören wir dann unser eigenes Zuhause?“ Ich kann alle Leser nur bitten: Lassen Sie uns gemeinsam Teil einer besseren Antwort werden!

Buchtipp: Seit dem 18. Mai erhältlich: Buch und Hörbuch „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ von Dr. Eckart von Hirschhausen

Kommentar verfassen