Finanzexpertin Natascha Wegelin
Natascha Wegelin Bild 1: Jacqueline Häußler; Bild 2: Schønlein Media

Geld ist nicht gut oder böse, nicht schmutzig, macht nicht automatisch fröhlich und ist nicht die Lösung für alle Probleme.

– Natascha Wegelin alias Madame Moneypenny

von Laura Bähr

Frau Wegelin macht Geld Sie glücklich? 
Natascha Wegelin: Was für eine Frage gleich zu Beginn (lacht). Geld gibt mir ein Hochgefühl und es macht in gewisser Weise auch glücklich, ja. Es sorgt für eine gewisse Sorgenfreiheit und Leichtigkeit. Gerade in der Pandemie bin ich um jedes Geld froh, das ich mehr als weniger habe.

Finanzthemen scheinen aktuell in aller Munde. Es gibt immer mehr Bücher und Podcasts zu verschiedenen Themen und gerade junge Leute scheinen sich mehr denn je mit dem Thema zu beschäftigen. Auch viele Influencer werben aktuell für Banken, denen es nicht egal ist, was mit unserem Geld passiert. Eine Chance oder eine Gefahr für das Thema? 
Natascha Wegelin: Für das Thema an sich ist auf jeden Fall eine große Chance. Ich persönlich finde es auch immer gut, wenn Finanzen zum Mainstreamthema werden. Gerade für junge Leute ist es wichtig, sich früh mit dem Thema zu beschäftigen, damit sie von Anfang an gut an ihren Finanzen arbeiten können. Insgesamt sehe ich es trotzdem kritisch, wenn plötzlich jeder meint, ein Experte auf dem Thema zu sein, auch wenn man mit Geld eigentlich nicht so viel am Hut hat.

Wenn es nur um den Wechsel einer Bank geht, okay, aber bei Aktien und Geldanlagen muss man vorsichtig sein. Alle Themen, die mit einem gewissen Risiko behaftet sind, sollte man auf jeden Fall grundlegender angehen und sich nicht von großen Versprechen schnell blenden lassen. 

„Gerade in der Pandemie bin ich um jedes Geld froh, das ich mehr als weniger habe.“

Sparen wird häufig mit Verzicht gleichgesetzt. Warum fällt es den jungen Generationen so viel schwerer zu sparen und zu verzichten? 
Natascha Wegelin: Da sind wir wieder beim Thema Social-Media. Wir werden den ganzen Tag mit Konsum konfrontiert. Und das Schlimmste: Wir können uns auch noch mit dem Konsum der anderen vergleichen. Als ich 15 Jahre alt war, konnte ich abchecken, was die anderen Mädchen an der Schule anhatten, wie sie sich gaben und was man tun musste, um dazu zu gehören.

Dank Social Media können wir uns heute mit der ganzen Welt vergleichen. Im Grund hat sich nichts verändert, aber durch diese Lupenansicht ist das Ganze noch mal intensiver geworden. Was muss man sich leisten können, um dazuzugehören, wie viel Schminke im Gesicht, wie viele Likes unter einem Bild haben? Da spielt Geld haben eine große Rolle. Außerdem ist per se sehr viel mehr Geld im Umlauf als noch vor ein paar Jahren. Der Wohlstand steigt enorm, wir sind so reich wie noch nie. Aber die große Frage ist: Was machen wir mit dem ganzen Geld? Bei einer 0 %-Finanzierung sind die Möglichkeiten so viel größer. Es ist heutzutage auch deutlich schwieriger, das Geld nicht auszugeben. 

Gerade viele Frauen geben ihr häufig weniges Geld oft für Kleidung, Beautyprodukte und Handtaschen aus, die sie sich eigentlich nicht leisten könnten. Ist das Finanzproblem der Frauen gleichzeitig auch ein Problem des Selbstbewusstseins? 
Natascha Wegelin: Ja. Begründet auf den Erwartungen der Gesellschaft an Frauen. Wir müssen nicht unbedingt erfolgreich sein, sondern in erster Linie mal gut aussehen. Wenn Frauen durch ein Coaching oder Ähnliches in sich selbst investieren, sind viele oft entsetzt, aber die vierte Handtasche für ein paar hundert Euro, das macht Sinn und wird verstanden. Hier zeigt sich dann die mentale Stärke, wie wichtig ist es den Frauen, was andere von ihnen halten.

Es gibt noch so viele Frauen, die für ihre Arbeit zu Hause ein Taschengeld bekommen, das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Das sind nicht nur die Omas, sondern auch Frauen Mitte 30, die in so einem Modell leben. Die Frage, die sich alle stellen sollten: Welches Modell passt zu mir? Und vor allem, wer möchte ich sein? 

„Dank Social Media können wir uns heute mit der ganzen Welt vergleichen.“

Sie selbst haben zwei Jahre komplett auf Shopping verzichtet und setzen jetzt auf eine reduzierte und minimalistische Garderobe und sagen, dass sie die damit einhergehende Langeweile mögen. Brauchen wir in manchen Bereichen Langeweile, um in anderen durchstarten zu können? 
Natascha Wegelin: Ich glaube ja. Das ist, meine ich, auch wissenschaftlich bewiesen. Da wir nur eine gewisse Menge an Energie, Gedankenkraft und Entscheidungswillen zur Verfügung haben, sollte man sich gut überlegen, wofür man diese nutzt. Ich möchte mehr Zeit in mein Inneres als in mein Äußeres investieren, deswegen ist Shoppen auch kein Hobby mehr, sondern eine Notwendigkeit. Ich laufe nicht mehr durch die Stadt und gucke, was ich vielleicht eventuell noch gebrauchen könnte. Wenn ich es bräuchte, wüsste ich es ja.

Was war Ihr letztes gutes Investment in sich selbst? 
Natascha Wegelin: Coachings. Egal ob Business-Coachings oder Mindset-Coachings, ich versuche mir mindestens einmal im Monat Zeit dafür zu nehmen. Natürlich hilft mir das Lesen von Büchern oder das Hören von Podcasts auch, aber man kommt dabei leider häufig nicht in die Umsetzung, sondern lässt sich häufig nur berieseln.

Wie hat die Corona-Pandemie das Thema „mit den eigenen Finanzen beschäftigen“ verändert? Wieso ist gerade jetzt ein guter Zeitpunkt einzusteigen?
Natascha Wegelin: Im ersten Lockdown, als alle noch im Homeoffice waren und das alles ganz neu für uns war, gab es viele, die nicht wussten, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Und das Thema Finanzen kam auf. Man hatte ein bisschen mehr Zeit, das Thema vielleicht auch schon länger auf dem Zettel oder durch die Krise vor Augen geführt bekommen, wie wichtig eine Auseinandersetzung ist. Gerade durch Corona wurde vielen klar, wie wichtig es ist, Reserven zu haben. Stress mit Geld führt unweigerlich zu Existenzstress. Da kommen dann plötzlich Fragen auf, wie: Wie lange kann ich mir meine Miete noch leisten? Haben wir genug zu essen? Da gehen alle Alarmglocken an. 

„Gerade durch Corona wurde vielen klar, wie wichtig es ist, Reserven zu haben.“

Gibt es große Unterschiede zwischen dem „deutschen“ Umgang mit Geld und dem in anderen Ländern? 
Natascha Wegelin: Ich habe das Gefühl, dass wir bedeckter und reservierter sind, wenn wir über Geld reden. Und die Kombination aus Frauen und Geld ist auch speziell. In Frankreich ist es selbstverständlich, dass Mütter nach ein paar Monaten wieder arbeiten gehen. Schließlich gibt es dort ein gutes Nanny-System. Das wirkt sich natürlich auch auf die Rente der Frauen aus. In Sachen Geld hinken wir Deutschen hinterher. Wir wollen, so macht es häufig den Eindruck, keine Verantwortung übernehmen. In Deutschland sorgt ja der Staat für einen, das Sozialsystem fängt einen schon auf. Was viele nicht verstehen: Das reicht nicht! 

Gerade in Deutschland gilt das Sprichwort über Geld spricht man nicht. Und über Gehälter schon mal gar nicht. Dabei könnten wir doch als Gemeinschaft viel mehr erreichen. Wieso ist Geld immer ein Einzelgängerthema? 
Natascha Wegelin: Aus der Angst vor den Konsequenzen. Was denken wohl die Arbeitskolleg:innen, wenn sie wissen, dass ich sehr viel mehr wie sie verdiene? Erwarten die dann, dass ich jedes Mal das Mittagessen bezahle oder denken, dass ich mich hochgeschlafen habe? Wir beschäftigen uns leider sehr viel damit, was andere von uns denken. Und die anderen machen es genauso, aber keiner denkt am Ende wirklich über die anderen nach (lacht).

Geld ist in Deutschland kein Thema, auf das man stolz sein möchte. Es kratzt immer an der „Unangenehm-Grenze“. Auch wenn wir in Deutschland vielleicht in gute Autos investieren, sind uns Statussymbole weitgehend fremd. Amerikaner sind da ganz anders. Die denken sich, ich habe Geld, megacool (lacht).

„Geld ist in Deutschland kein Thema, auf das man stolz sein möchte.“

Sie bieten seit einigen Jahren Mentorings zum Thema Finanzen an. Haben Sie mittlerweile Typologien von Teilnehmer:innen erkennen können? 
Natascha Wegelin: Der Großteil meiner Kundinnen ist zwischen Mitte 30 und Mitte 40. Sie stehen im Job gut da, haben Geld und wissen nicht genau wohin damit. Schließlich will man es auch nicht vergammeln lassen. Sie wollen Lebensplanung betreiben und sind dabei meistens sehr aufgeräumt. Meine Lieblingskundinnen sind die 20-Jährigen, die haben noch nicht viel Kapital, aber wollen direkt vernünftig damit starten und über alle Möglichkeiten Bescheid wissen. Die mag ich so gerne, weil man da noch viel angehen kann und sie sind in ihrem Umgang mit Geld noch nicht so verkorkst und haben keine Verträge, an denen sie hängen (lacht).

Und dann gibt es noch die, die schon ein bisschen älter sind und die Zeit, Dinge neu zu regeln knapp wird. Die sind in ihrer Einstellung zu Geld gefestigter. Mit fortschreitendem Alter festigen sich die Ansichten zu bestimmten Themen und es ist schwer, die Mindsets aufzubrechen. Und dann gibt es auch noch die, die gar kein Interesse an einem besseren Umgang mit Geld haben, die landen aber für gewöhnlich auch gar nicht bei mir. 

Sie sagten mal in einem Interview, die Rente ist ein Konstrukt auf dem Rücken der Mittelschicht. Ist die Rente überhaupt noch zeitgemäß oder gäbe es eine andere Möglichkeit, vom Staat im Alter unterstützt zu werden?
Natascha Wegelin: Das Konzept an sich macht Sinn. Schließlich ist es die Aufgabe des Staates, für seine Bürger:innen zu sorgen. So wie es aktuell ist, kann es aber nicht funktionieren. Unser Rentensystem ist so aufgebaut, dass die arbeitenden Generationen, die nicht arbeitende Generation versorgt. Das System kippt in dem Moment, wo die nicht arbeitende Generation „teurer“ wird, als es sich die arbeitende Generation leisten kann. Und an diesem Punkt sind wir gerade. Es werden natürlich auch schon erste Modelle mit einer Grundrente etc. durchgespielt. Meiner Meinung nach macht eine Kombination am Ende am meisten Sinn.

Natürlich ist es schön, wenn einen der Staat unterstützt, aber ich möchte mich am Ende nicht darauf verlassen müssen. Deshalb versuche ich mir selbst einen Puffer zu erwirtschaften und wenn dann noch etwas vom Staat dazukommt, umso besser. Aber zu 100 % darauf verlassen, ich könnte so nicht durchs Leben gehen. Aber die Entscheidung muss natürlich am Ende jeder für sich selbst treffen.

„Natürlich ist es schön, wenn einen der Staat unterstützt, aber ich möchte mich am Ende nicht darauf verlassen.“

Der Unternehmer Julien Backhaus sagte in einem Interview mit uns, dass die Jugend von heute im Schulsystem zu wirtschaftlicher Abhängigkeit erzogen werde und Themen wie Finanzen und Wirtschaft absichtlich ausgeklammert werden, damit die Jugendlichen Ihren Wert nicht kennenlernen und „ausgebeutet“ werden können. Wie stehen Sie zu dieser These?
Natascha Wegelin: Sehe ich genauso. Wenn man sich mal das Konstrukt Schulwesen und Ausbildung anschaut, erkennt man schnell, dass der Staat seine kleinen Beamten und Soldaten braucht, um zu funktionieren. Deshalb werden wir auch alle zum Angestellten-Dasein erzogen. Auswendiglernen, wiederkäuen, nichts hinterfragen. So fallen viele Dinge, die man für ein selbstständiges Leben bräuchte, hinten runter. Zum Beispiel finanzielle Bildung, kreative Denkweisen und große Zusammenhänge zu verstehen. Das ist während meiner Schulzeit sehr wenig passiert. Wir werden darauf vorbereitet, irgendwo als Angestellte in der Mittelschicht zu leben, ruhig zu sein und nicht auszubrechen.

Außerdem sagt er weiter „Geld folgt dem größten Nutzen“ und dass das Geld, das häufig zu den Menschen kommt, die meinen, es verdient zu haben. Haben Sie diese Erfahrungen auch schon gemacht?
Natascha Wegelin: Ja. Das ist das Gesetz der Anziehung. Du bist, was du denkst. Ohne zu spirituell klingen zu wollen, spielen da natürlich Energien mit rein. Nicht umsonst sprechen alle immer von Geldmagneten. Es geht darum, wie ich über Geld denke. Wenn man die ganze Zeit negativ über Geld denkt, ist es kein Wunder, dass man es nicht hat, es insgeheim vielleicht auch gar nicht haben will. Nur wer sich selbst vorstellen kann, dass seine Arbeit viel wert ist, kann diesen Preis verlangen und ihn so am Ende auch bekommen. 

„Es geht darum, wie man über Geld denkt.“

Sie sind 2016 mit Ihrem Blog gestartet. Was waren die drei wichtigsten Fakten, die Sie seit Ihrem Beginn über Geld gelernt haben? 
Natascha Wegelin: Geld ist neutral. Geld ist nicht gut oder böse, nicht schmutzig, macht nicht automatisch fröhlich und ist nicht die Lösung für alle Probleme. Es sind erst mal Zahlen auf meinem Konto. Ob das viel, wenig, genug oder zu viel ist, ist meine eigene Interpretation. Es gibt Menschen, die haben unabhängig vom Kontostand immer das Gefühl, das es zu wenig ist. Was ich auch gelernt habe: Geld löst keine Geldprobleme.

Wenn es ein Loch gibt, kann das selten genauso mit Geld wieder gestopft werden. Es gibt immer einen Grund, warum das Loch überhaupt existiert. Stichwort: Lotto-Millionäre. Die gewinnen 10 Millionen Euro und ein halbes Jahr später sind die komplett pleite und verschuldet. Das zeigt uns, das Problem war nicht das Geld, sondern der falsche Umgang. Und der dritte Fakt: Wir haben mehr Einfluss auf unser Geld, als wir denken. Viele denken, Geld ist etwas, das ihnen passiert. Aber eigentlich ist es das, was wir uns wünschen und was wir bereit sind, dafür zu tun. Wenn man sich viel Geld wünscht und bereit ist, etwas dafür zu tun, stehen die Chancen gut, dass man es auch bekommt. 

Wenn man sich selbst im Netz über Finanzen informieren möchte, worauf muss man Ihrer Ansicht nach achten? Wie kann man die Spreu vom Weizen trennen? 
Natascha Wegelin: Geld ist ein großes Vertrauensthema. Man sollte immer darauf achten, wer dahintersteht. In der Krise gab es viele Stimmen, die immer wieder gesagt haben, kauft Gold. Beim genaueren Hinschauen hat man erkannt, dass sich diese Experten häufig auf ein Edelmetallhandelshaus zurückführen ließen und das handelt mit Gold. Was für ein Zufall (lacht).

Man sollte immer im Blick haben, wem diese Nachricht etwas nutzen könnte und mit gesundem Menschenverstand die Zusammenhänge entschlüsseln. So kennt man immerhin schon die Hintergründe und kann den Rat oder die Empfehlung ganz anders einschätzen. Grundsätzlich empfiehlt es sich auch verschiedene Meinungen einzuholen, aber irgendwann muss man sich auch festlegen. Schließlich gibt es immer noch viele andere Möglichkeiten. Irgendetwas zu tun ist immer noch besser, als nichts zu tun und in Schockstarre zu verfallen. Und dann geht es eigentlich nur noch darum, keinen gravierenden Fehler zu machen. 

„Geld löst keine Geldprobleme.“

Im Grunde arbeiten Sie aktuell an der Abschaffung Ihrer Existenzgrundlage. Ist das klug? Was kommt danach? 
Natascha Wegelin: Vermutlich nicht (lacht). Aber ich glaube, dass sich das Thema zu meinem Glück und Leidwesen so schnell nicht erledigt hat. Es gibt noch einige Frauen in Deutschland, die noch nicht bei mir waren und wenn doch, gibt es noch einige andere Länder zu erobern. Ich möchte Frauen auch noch besser vernetzen, sie stärken und ihnen zur Selbstbestimmtheit verhelfen. Ich mache mir keine Sorgen, dass ich in den nächsten 15 Jahren arbeitslos werde. 

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